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Die unmögliche Frage, wie es ist, depressiv zu sein

  • von
Traurige Frau

Der US-amerikanische Philosoph Thomas Nagel untersucht in seinem Essay „Wie ist es eine Fledermaus zu sein“, warum es so schwer (er sagt unmöglich) ist, das Verhältnis von Seele und Körper, von Psyche und Gehirn, zu verstehen. In der Philosophie ist das als Leib-Seele-Problem bekannt, eines der schwierigsten Probleme der akademischen Philosophie.

Es ist das Bewusstsein, das die Situation so komplex und unauflösbar macht. Ohne Bewusstsein würde sich wohl ein reduktionistisch-materialistischer Ansatz finden lassen, das Verhältnis von Gehirn und Psyche zu klären. Nur das Bewusstsein ist auf keinem Gehirnscan und bei keiner Gehirnautopsie zu finden.

»Die Tatsache, dass ein Organismus überhaupt bewusste Erfahrung hat, heißt erst einmal, dass es irgendwie ist, dieser Organismus zu sein.« [1]

Anders gesagt, das, was uns von Robotern oder Maschinen unterscheidet, dass wir uns unserer selbst bewusst sind, bewusste Erfahrungen haben, ist das, was nicht erklären können, was wir nicht zu fassen bekommen.

Könnte man einen Roboter mit depressivem Verhalten programmieren, wäre das nicht weiter unethisch dem Roboter gegenüber. Er kein Bewusstsein. Er würde nur jenes Verhalten zeigen, das wir mit Depressionen in Verbindung bringen. Es wäre nicht schlimm Depressionen (oder andere psychische Krankheiten) zu haben, wenn wir uns dessen nicht bewusst wären. Das klingt trivial, hat aber herausfordernde Konsequenzen.

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Die Unübersetzbarkeit innerer Zustände

Wir bekommen das Bewusstsein materiell nicht zu fassen. Und wenn es sich bei allen Menschen aus denselben materiellen Strukturen (a.k.a. Gehirn) ergeben soll, warum haben wir dann alle völlig subjektiven Erfahrungen?

Menschen mit psychischen Erkrankungen kennen dieses Problem nur zu gut. Die Unübersetzbarkeit innerer Zustände, die Subjektivität unserer bewussten Erfahrungen kann unglaublich frustrierend sein. Zu erklären, wie es einem geht, scheint oft nahezu unmöglich. Auch nach vielen Jahren mit meinem Psychiater ist es mir manchmal (beinahe) unmöglich, mich verständlich zu machen.

Ich kann eine Formulierung finden, die sich für mich genau richtig anfühlt und den Kern meines Empfindens trifft, und im nächsten Moment sehen, dass fast nichts davon bei ihm ankommt. Was nicht überraschend sein sollte. Er keinen Zugang zu meinem inneren Erleben, und ich keinen zu seinem.

Nagel diskutiert dieses Problem anhand der titelgebenden Fledermaus. Wie wäre es, sich vorzustellen, die „Umwelt mit einem System reflektierter akustischer Signale aus Hochfrequenzbereich“ wahrzunehmen, „den Tag an den Füßen nach unten hängend in einer Dachkammer“ zu verbringen.[1]

»Insoweit ich mir dies vorstellen kann (was nicht sehr weit ist), sagt es mir nur, wie es für mich wäre, mich so zu verhalten wie sich eine Fledermaus verhält.« [1]

Wenn sich andere vorstellen, wie es wäre, wenn sie depressive Symptomatik hätten, dann stellen sie sich nicht vor, wie es ist, ein depressiver Mensch zu sein, sondern wie es für sie wäre, sich wie ein depressiver Mensch zu verhalten.

Empathie & Fantasie

Im Gegensatz zum Versuch zu verstehen, wie es ist, eine Fledermaus zu sein, haben wir dennoch Vorteile, die es uns überhaupt ermöglichen, uns sinnvoll mit anderen Menschen zu unterhalten. Das heißt aber nicht, dass Menschen eine Verbindung miteinander hätten, die unsere subjektiven Erfahrungen übersetzt.

Eine von Geburt an blinde Person und ich werden uns nie gänzlich darüber verständigen können, wie wir die Welt erleben. Eine Person, die an einer akuten Psychose leidet, wird mir kaum verständlich machen können, welche Realität sie wie erlebt.

Aber Empathie und Fantasie können eine mächtige Kombination sein, wenn es darum geht, etwas zu verstehen, das man nicht erfahren hat. Das erfordert, aber reichlich Talent und harte, intellektuelle und emotionale, Arbeit von der Person, die verstehen soll, und dass sie überhaupt verstehen will.

Wer diese Arbeit machen möchte, ist eingeladen, den letzten Teil dieses Textes zu lesen, in dem ich versuche, in meiner subjektiven Erfahrung, zu beschreiben, wie es ist, depressiv zu sein.

Wie ist es, depressiv zu sein?

Depressiv sein ist nicht nur kein Interesse mehr an Musik zu haben, nicht nur Musik nicht mehr hören zu wollen, sondern sie nicht mehr erleben zu können. Mehr noch, es ist nicht mehr an sie zu denken, egal wie sehr man sie einmal genossen hat.

Es ist, wie wenn man seine Eingeweide spüren kann, als wären sie an der Hautoberfläche, und man erleben muss, wie sie sich zusammenziehen, wenn man daran denkt, morgen noch am Leben zu sein.

Es ist ein beinahe katatonisches Unvermögen, sich an etwas zu erfreuen, während man umgekehrt unangenehme und schmerzhafte Emotionen überhaupt nicht regulieren kann und von ihnen überwältigt wird.

Es ist, wenn man sich davon ablenken muss und dazu alles tut, vom 24/7 zumüllen des eigenen Verstands mit nonstop Entertainment über Alkohol bis zu harten Drogen.

Depression ist Hoffnungslosigkeit, wie ein tiefer, dunkler Brunnen, in den man gefallen ist, voller Verzweiflung statt Wasser, und ohne Hoffnung je wieder herauszukommen.

Depressiv sein ist der Wunsch nach körperlichen Schmerzen, nicht, weil man sich wirklich selbst schaden will, sondern weil sie ablenken und einem aus dem dunklen Loch, zumindest kurzzeitig, herausreißen, weil man endlich wieder einmal überhaupt etwas spürt. 

Es ist aufstehen zu wollen, verzweifelt, mit aller Kraft, endlich aufstehen zu wollen, einfach nur aufstehen zu wollen und liegenzubleiben.

Depression ersetzt Glücksgefühle durch Gleichgültigkeit, Gleichgültigkeit durch Traurigkeit, Selbstsicherheit durch Angst, Ruhe durch Verzweiflung. Depressiv sein ist nur mehr das zu spüren, das unangenehm ist, nur an das zu denken, das weh tut.

Depressiv sein ist Kontrollverlust. Niemand will all diese Dinge, niemand, aber man kann nicht einfach aufstehen, obwohl man so sehr will. Man kann sich nicht einfach zusammenreißen, obwohl man sich das selbst jeden Tag vorwirft.

Man kann nicht einfach positiv denken, man kann sich nicht einmal ablenken, man kann nicht einfach entspannen. Egal, wie sehr man das alles will, Depression ist eine schwere Krankheit, die einem die Freiheit nimmt, sich zu entscheiden.

Depression ist, tief drinnen zu wollen, aber nicht zu können. Wie laut zu schreien, aber keinen Ton herauszubringen. Depression ist einsam, es ist nicht verstanden oder überhaupt nicht gehört zu werden.

Depressiv sein ist wie für immer allein an die eigene Verzweiflung gekettet zu sein, ohne Hoffnung darauf, dass sich das jemals wieder ändert.


[1] Nagel, Thomas: What Is It Like to be a Bat? Wie ist es, eine Fledermaus zu sein? Übersetzt und herausgegeben von Ulrich Diehl. Reclam, 2016.

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