Wie Donald Trump die Wahl 2016 gewann

Donald Trump pointing his finger

8. November 2016. Für viele Progressive und Liberale ist die größte Sorge des amerikanischen Wahltags, ob Donald Trump seine Niederlage akzeptieren wird. Die Umfragen und statistischen Berechnungen sagen einen klaren Sieg von Hillary Clinton voraus. Trump hat im Wahlkampf immer wieder Zweifel an der Integrität der Wahl gesät, das System könne manipuliert werden.

Aber bald zogen erste Gewitterwolken auf. In Swing States wie Michigan und Ohio ging es überraschend knapp zu. Die statistischen Modelle begannen sich zu bewegen. Als klar wird, dass Donald Trump in Ohio gewinnt, berechnet fivethirtyeight um 10:25 Ortszeit eine 55 %ige Wahrscheinlichkeit, dass er Präsident wird. Die statistischen Berechnungen sehen erstmals den Vorteil auf der Seite von Trump. Und so bleibt es. Trump gewinnt Florida, Michigan, Ohio, Pennsylvania und die Präsidentschaft. Wie konnte es soweit kommen?

Der Perfekte Sturm

Fast genau 15 Jahre zuvor, im Oktober 1991, waren Kapitän William „Billy“ Tyne und seine Crew mit ihrem Fischereischiff, der Andrea Gail, am Heimweg. Sie waren auf Schwertfischfang gewesen. Am 20. September waren sie von Gloucester in Massachusetts aus aufgebrochen. Erst zur Neufundlandbank. Aber da sie dort schlechte Ausbeute machten, ging es weiter zur Flämische Kappe.

Als die Andrea Gail nun in der Nacht des 27. Oktobers 1991 per Fax eine Wetterwarnung erhielt, war sie bereits auf der Heimreise. Aber es gab es keinen Grund zur Panik. Die Crew bestand aus erfahrenen Seemännern. Kapitän Tyne hatte schon viele Stürme überstanden.

Am 28. Oktober 1991 verschwand die Andrea Gail und ihre gesamte Besatzung in den bis zu 18 Meter hohen Wellen des Sturms. Spurlos, bis auf ein paar später angeschwemmte Trümmer. Niemand hatte mit den extremen Bedingungen des verheerenden Sturms gerechnet.

Der Sturm entstand aus einem ungewöhnlichen Zusammentreffen von drei Wetterereignissen. Die Reste eines Tropischen Wirbelsturm und Ausläufer des Hurrikans „Grace“ trafen auf einen Nor’easter (Nordoststurm). Die drei Stürme vereinten sich zu einem Sturm, der der Andrea Gail keine Chance ließ. Ein Perfekter Sturm, wie der Autor Sebastian Junger in seinem Buch über das Unglück schreibt (engl. The Perfect Storm).

Was das mit der Wahl von Donald Trump zu tun hat? Die war so ein sprichwörtlicher Perfekter Sturm, das ungewöhnliche Zusammenkommen unwahrscheinlicher Ereignisse, die gemeinsam gewaltige Wirkung entfalten.

Hillary Clintons Sturm

Nach aller Wahrscheinlichkeit hätte Hillary Clinton Präsidentin werden müssen. Es gibt nicht die eine Ursache für ihre Niederlage, es gibt viele. Clinton selbst hatte einige sprichwörtliche Leichen im Keller. Sexismus, strukturell und individuell, spielte ohne Zweifel eine Rolle. Aber das allein hätte nicht zur Niederlage gereicht. Die mediale Aufregung um ihren E-Mail-Server hat ihren Chancen geschadet. Als FBI-Chef James Comey zwei Tage vor der Wahl die eigentlich bereits abgehakte Sache wieder zum Thema machte, half er damit unweigerlich Donald Trump. Aber das allein hat die Wahl nicht entschieden.

Als die E-Mails ihres Wahlkampfmanagers John Podesta geleakt wurden, half das sicher nicht. Interne Probleme der Kampagne waren sicher auch nicht hilfreich. Clinton selbst macht in der Regel neben den Leaks und Comey vor allem Bernie Sanders für die Niederlage verantwortlich.

Der mitte-links Politiker aus Vermont hatte Clinton im Vorwahlkampf überraschend stark zugesetzt. Doch anstatt daraus zu lernen, hat das Establishment der Demokratischen Partei alles getan, um Sanders zu stoppen und Clinton zu unterstützen. Viele dieser Maßnahmen wurden publik und schadeten Clinton möglicherweise im Wahlkampf gegen Trump, weil sie Teile der demokratischen Basis demotivierten.

Sanders selbst engagierte sich dann massiv im Wahlkampf für Clinton und gegen Trump. Aber für einen Teil seiner Unterstützer*innen war das sicher nicht genug. Als Wall Street-freundliche Neoliberale war Clinton kein Angebot an sie. Mit ihrem Vizepräsidentschaftskandidaten, dem moderaten Senator Tim Kaine, machte sie moderaten Republikaner*innen ein Angebot. Linke Wähler*innen wurden entweder vorausgesetzt oder vergessen. Aber auch das hätte an sich nicht gereicht, um Donald Trump zum Präsidenten zu machen.

Die Clinton-Kampagne unterschätzte die Wechselstimmung und Frustration im Land, die die rechtspopulistische Trump-Kampagne erfolgreich mobilisieren konnte. Vielleicht war man zu sehr in der liberalen Blase gefangen, die Barack und Michelle Obama liebt, um zu sehen, wie enttäuschend die Obama-Präsidentschaft für viele war.

Die amerikanischen Medien taten es vielen anderen Ländern gleich und berichteten über jeden Aufreger der populistischen extremen Rechten. Ein Fehler, der sich immer und immer wieder wiederholt und Donald Trump unglaublich viel mediale Aufmerksamkeit bescherte. Aber die strategischen Fehler der Kampagne und die unausgewogene Aufmerksamkeit der Medien wären nicht genug gewesen, um Clinton zu stoppen.

Denn egal wie schwach die Kampagne von Clinton war, die von Trump war schwächer. Egal wie unbeliebt Clinton war, Trump war unbeliebter. Egal wie viele Fehler die Clinton-Kampagne machte, die Trump-Kampagne machte mehr. Am Ende hatte Clinton drei Millionen mehr Wähler*innen als Trump, nur das komplizierte Wahlsystem machte ihn zum Sieger. In entscheidenden Swing States ging es knapp zu. Keiner der aufgezählten Faktoren allein wäre genug gewesen, um Trump zum Präsidenten zu machen. Auch eine Kombination einiger Faktoren hätte wohl nicht gereicht. Aber es sind alle zusammengekommen. Ein Perfekter Sturm, den kaum jemand kommen sah (außer Michael Moore).

Den Sinn den ich darin sehe, sich mit Geschichte zu beschäftigen, ist daraus zu lernen. Nicht weil sie sich 1:1 wiederholt, sondern weil sie die Gegenwart erklärt. Um eine Situation zu verstehen muss man wissen, wie es dazu gekommen ist.

Foto: Gage Skidmore from Surprise, AZ, United States of America/(CC BY-SA)

Eine Antwort zu “Wie Donald Trump die Wahl 2016 gewann”

  1. […] Dabei ist die demokratische Basis der Schlüssel zum Erfolg, denn sie ist größer als die der Republikaner. Aber den Demokraten gelingt es schlechter zu mobilisieren. Clinton verlor 2016 nicht, weil Trump so viele demokratische Wähler*innen überzeugte. Aber er mobilisierte die republikanische Basis, während ein Perfekter Sturm an widrigen Umständen und Fehlern Clinton zu viele Stimmen kostete. […]

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.