Donald Trump gibt Daumen hoch, Joey Biden schaut traurig (Fotomontage)

Wenn Joe Biden gewinnt, gewinnt Donald Trump

Der beliebte frühere Vizepräsident Joe Biden scheint ein gefährlicher Herausforderer für Donald Trump zu sein. Zumindest wenn man den traditionellen politischen Spielregeln folgt. Das Problem dabei ist nur, die traditionellen politischen Spielregeln sind eine verwesende Leiche. Sie liegen tot auf der Straße, seit Trump sie auf der Fifth Avenue erschossen hat.

Ginge es nach den traditionellen Spielregeln, wäre Hillary Clinton Präsidentin der USA. Aber nicht nur das. Bernie Sanders wäre ihr nach diesen Regeln nie so nahegekommen. Joe Crowley wäre weiter im Repräsentantenhaus vertreten, nicht Alexandria Ocasio-Cortez. Die offensichtliche Inkompetenz und Korruption von Donald Trumps Administration hätte politische Konsequenzen. Massenhaft mediale Kritik würde nicht wirkungslos verpuffen. Die traditionellen Spielregeln können das politische Geschehen nicht mehr erklären.

Ein Laborversuch

Um zu verstehen, warum Joe Biden so ein schwacher Kandidat wäre, hilft vielleicht ein wenig Reverse Engineering. Schauen wir uns sie Sache von der anderen Seite an. Mit all dem Wissen über Trumps Erfolg und anhaltende Popularität bei seiner Basis, wie würde sein Wunschgegner aussehen, wenn die Republikaner ihn im Labor erschaffen könnten?

Es wäre wahrscheinlich ein alter weißer Mann. Von denen gibt es schließlich schon zu viele in Washington, dafür könnte sich niemand begeistern. Die erste Präsidentin, der erste Latino-Präsident, etc., das alles hätte Potential zu mobilisieren. Ein weiterer alter weißer Mann aus dem Establishment nicht.

Nach den Erfahrungen von 2016 wäre Trumps Wunschgegner aus dem Labor wohl ein moderater Establishment-Politiker. Einer, der der Obama-Präsidentschaft nahesteht, so wie Hillary Clinton. Denn auch wenn Obama an sich hohe Beliebtheitswerte hat, darf man nicht vergessen, wie erfolgreich die Republikaner ihre Basis gegen ihn mobilisieren können. Und man sollte auch nicht darüber hinwegsehen, dass die Obama-Präsidentschaft für viele Menschen vor allem eine Enttäuschung war. Der Wunschgegner ist also Teil des Establishments, seit Ewigkeiten in Washington.

Damit geht einher, dass der Wunschgegner, wie Clinton, eine Menge politischer Leichen im Keller hat. Vielleicht hat er sich von Geldeliten Reden teuer bezahlen lassen, das war schließlich ein Clinton-Problem. Aber ideal wäre etwas, das ihn bei wichtigen Wähler*innen der Demokraten schwächt. Zum Beispiel könnte der hypothetische Wunschgegner zum Ende der offiziellen „Rassentrennung“ in den USA mit Rassisten gemeinsame Sache für deren Anliegen gemacht haben. Oder er könnte dabei erwischt werden, wie er unwahre Geschichten darüber erzählt, in der Civil Rights Bewegung aktiv gewesen zu sein. Oder er könnte ein beinharter Neoliberaler (gewesen) sein, der den sozialen Kahlschlag predigte, und jetzt beim Lügen darüber erwischt wird.

Wenn die Republikaner dann kreativ werden, gestalten sie diesen Laborkandidaten so, dass er Trumps Schwächen nicht ausnutzen kann. Trump ist ein Sexist und stolz darauf. Mehr noch, er prahlt mit sexueller Belästigung. Da wäre es für die Republikaner praktisch, wenn der Wunschgegner selbst ein Problem im Umgang mit Frauen hätte. Auch wenn es nicht so schlimm ist, wie das was Trump macht, Hauptsache er hat auch „Dreck am Stecken.“ Mehr braucht es nicht, um einen Angriff als ungerechtfertigt abzuwehren, weil eh „alle gleich“ sind, oder der Wunschgegner „vor der eigenen Haustür kehren“ solle. Und auch wenn es nicht so schlimm ist, ist es immer noch schlimm. Jemand mit dem moralischen Standing um Trump zu kritisieren, könnte ein Problem sein. Aber alles was die Republikaner dagegen brauchen sind glaubhafte Gründe, dieses Standing in Frage zu stellen.

Ein anderes Problem der Republikaner ist Trumps offensichtlicher Nepotismus und seine massive Korruption. Ideal wäre daher ein Gegner, der selbst Probleme damit hat. Vielleicht hat er ein Kind oder einen Bruder, die seine politische Karriere zu Geld machen. Ein Demokrat, der für seine Großspender schon Mal ein Gesetz unterstützt, das „die kleinen Leute“ vor den Bus wirft. Trump hätte leichtes Spiel, die Basis der Demokraten zu demotivieren. Das ist alles, was er für den Wahlsieg braucht. Seine Basis ist schon allein durch das Impeachment mobilisiert.

Und wenn die Republikaner dann noch ganz sicher gehen wollten, dass Trump garantiert ohne große Mühen gewinnt, dann würden sie dem Laborkandidaten noch ein paar Kurzschlüsse ins Hirn legen, so dass er ständig rhetorische Fehler macht, verwirrt wirkt oder buchstäblichen Nonsens spricht.

„Etwas weniger schlimm“ ist nicht genug

Zu letzterem Punkt muss man wissen, dass Joe Biden seit seiner Kindheit stottert und der Umgang damit Konzentration und Energie kostet. Aber das wird Trump nicht davon abhalten, Biden öffentlich zu verspotten und zu demütigen. Und schon gar nicht davon, einen „Flüsterwahlkampf“ mit Gerüchten über Bidens Demenz zu führen.

Nach den traditionellen Spielregeln müssten solche Untergriffe Trump schaden. Aber nachdem er den „Kriegsheld“ John McCain für dessen Kriegsgefangenschaft, in der er brutal gefoltert wurde, ohne Konsequenzen verspotten konnte, gibt es keinen Grund, an diese Spielregeln zu glauben. Trump kann auf sogenannte „Gold Star“-Eltern (Eltern eines gefallenen Soldaten) losgehen, ohne dass es ihm schadet. Traditionell unvorstellbar. Aber Trump macht ständig Dinge, die ihn nach den traditionellen Spielregeln disqualifizieren. Und weil er offensichtlich nicht disqualifiziert ist, können die Spielregeln nicht mehr gelten.

Umgekehrt könnte man zwar gegen so eine „Flüsterkampagne“ einwenden, dass Trump noch viel mehr Unsinn redet als Biden. Und auch wenn es um öffentliche Ferndiagnosen von Demenz geht, liegt Trump wohl vorne. Aber das ist nicht der Punkt. Welche Regeln auch immer gelten, sie gelten nicht immer für alle gleich.

Die Demokraten wollen eine Alternative zu Trump entwerfen. Da reicht es nicht, wenn das beste Argument ist, dass Trump noch schlimmer ist, als diese Alternative. Die Basis der Demokraten ist größer als die der Republikaner, doch die Demokraten mobilisieren schlechter. Trumps Basis wird am Wahltag im Wahllokal sein. Aber wer wird für „etwas weniger schlimm als Trump“ stundenlang in der Schlange vorm Wahllokal stehen? Wer wird für „nicht ganz so korrupt wie Trump“ seine Familie und Freund*innen begeistert überzeugen, zur Wahl zu gehen? Wer wird sich für „Hillary Clinton 2.0 nur ohne die erste Präsidentin zu wählen“ begeistern?

Jene demokratischen Wähler*innen, die allein dadurch, gegen Trump zu stimmen, mobilisiert werden, haben schon 2016 nicht gereicht. Sie werden auch 2020 nicht reichen. Wenn die Demokraten nicht einem zusätzlichen Teil ihrer potentiellen Basis in wichtigen Swing States einen guten Grund geben, zur Wahl zu gehen, dann werden sie eben wieder nicht zur Wahl gehen.

Und ja, so einen „Flüsterwahlkampf“ könnten die Republikaner auch gegen den noch älteren Bernie Sanders führen, der 2019 einen Herzinfarkt hatte. Der Punkt hier ist nicht, dass Sanders der ideale Kandidat wäre. Der Punkt ist, dass die Republikaner selbst im Labor keinen besseren Gegner für Donald Trump erschaffen könnten, als Joe Biden.

Fotos (Montage): Gage Skidmore (CC BY-SA), White House

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