#6 Was wenn Klopapier so ungleich verteilt wäre wie Vermögen?

Viele von uns wurden am Anfang der Coronakrise in Österreich daran erinnert, dass es buchstäblich ziemlich scheiße ist, ohne Klopapier dazustehen. Während in anderen Ländern Wein und Kondome gehamstert wurden, schloss sich Österreich jenen Ländern an, in denen die Klopapierregale leergeräumt wurden. Für ein paar Tage gab es mancherorts sogar Situationen in denen Menschen auf Nachbarschaftshilfe angewiesen waren, aber die Supermärkte hatten die Regale bald wieder gefüllt und es gab mehr als genug Klopapier für alle Menschen, die in Österreich leben.

Die Gesamtmenge an Klopapier in Österreich reicht locker für uns alle, niemand muss hamstern, niemand muss sparen, niemand muss verzichten. Aber was wäre, wenn diese Gesamtmenge extrem ungerecht verteilt würde?

Nehmen wir, als Gedankenexperiment, an, Österreich sei ein Dorf mit 100 Einwohner*innen. 100 passt wegen der Prozente so gut. Es ist genug Klopapier für alle da, der Einfachheit halber auch 100 Stück. Im Dorf Österreich gibt es also für 100 Leute 100 Klopapierrollen. Jetzt wäre wohl für viele naheliegend, dass die vernünftige und gerechte Verteilung wäre, dass jede Person eine Rolle bekommt.

Das muss aber nicht so sein. Es kann gute Gründe geben, wieso Leute zum Beispiel zwei Rollen brauchen, etwa eine Durchfallerkrankung, während andere Leute deshalb mit ½ Rolle auskommen müssen. Wenn unter den 100 Leute z.B. Babies sind, dann brauchen die auch keine Rolle, also irgendwie geht sich das plus/minus aus. Ein paar brauchen aus guten Gründen mehr, ein paar können gut verzichten, in Summe kein Problem.

Aber jetzt wird es schwierig. Wie wir in der Coronakrise gesehen haben ist Klopapier ein hohes Gut, dass Menschen gerne besitzen. Im Dorf Österreich gibt es jetzt einen Reichen, nennen wir ihn zum Beispiel Helmut. Es ist nicht so, dass er für ein gutes Leben mehr als eine Rolle Klopapier bräuchte, er würde damit ganz normal auskommen. Aber er hat einfach einen tiefsitzenden Trieb so viel Klopapier wie möglich zusammenzuraffen. Ein unstillbares Verlangen immer mehr und mehr zu akkumulieren, ohne es jemals aufbrauchen zu können, wie ein schwarzes Loch in seiner Seele, das unaufhörlich mehr Klopapier und anderes Kapital anzieht.

Also geht Helmut ganz früh zur Greißlerin, noch bevor sie aufsperrt, und gibt ihr eine Menge Geld für soviel Klopapier wie er tragen kann, insgesamt 41 Rollen. Damit macht sich Helmut dann auf den Heimweg, bevor irgendjemand anders auch nur eine Chance hatte, Klopapier zu kaufen.

Die Greißlerin ist jetzt nicht blöd und sieht selbstverständlich, dass es jetzt nur noch 59 Rollen für alle anderen Menschen gibt. Sie hat zwar nicht dieses unkontrollierbare Bedürfnis immer mehr und mehr anzuhäufen, als könnte man damit das schwarze Loch in seiner Seele füllen, aber legt sich zur Sicherheit trotzdem zwei Rollen zur Seite. Man weiß ja nie. Und um ein wenig Profit zu machen erhöht sie auch den Preis der verbliebenen Rollen Klopapier.

Jetzt ist Helmut zwar ein durch und durch, vollkommen und in jeder Hinsicht unmoralischer Mensch, aber das heißt nicht, dass er sich nicht mit ein paar Leuten im Dorf gutstellt. Weniger schlechte Menschen würden das wahrscheinlich Freundschaften nennen, aber für den raffgierigen Ausbeuter Helmut sind es vor allem Netzwerke. Mit ein paar Leuten im Dorf will er es sich nicht verscherzen. Also warnt er die Bürgermeisterin, den Pfarrer, die Dorfärztin und alle anderen wichtigen Leute vor, dass es nicht genug Klopapier gibt. Die machen sich also gleich als erstes zur Greißlerin auf, und sichern sich eine Rolle, vielen nehmen auch zwei. Gemeinsam mit den Leuten, die sowieso frühmorgens einkaufen, räumen sie das Regal fast leer. Nachdem der erste Ansturm vorbei ist, zeigt sich, dass 50 Leute fast das ganze Klopapier gekauft haben. Für die anderen 50 sind nur noch 2 Rollen da, plus eine halbe angebrauchte, die die Greißlerin jetzt verkauft, weil sie weiß, dass sie dafür jetzt mehr bekommt als früher für ganze Rollen.

Wie sollen 50 Leute mit 2 ½ Klopapierrollen auskommen? Unmöglich. Aber ist das nicht eine absurde Geschichte? Würde Helmut in Wirklichkeit ohne guten Grund und aus ausschließlich unmoralischen Motiven so viel Klopapier zusammenraffen? Würde die Greißlerin ihm zum Nachteil des ganzen Ortes so viel verkaufen? Würde die Bürgermeisterin nicht eingreifen? Würde der Pfarrer nicht als moralische Instanz auftreten? Würde die Ärztin nicht aus medizinischer Sicht verlangen, dass Leute Hygienestandards einhalten können müssen? Ist das nicht total unrealistisch, was ich da gerade erzählt habe?

Nein. Was ich gerade erzählt habe ist schließlich eine ziemlich offensichtliche Parabel auf die extrem ungerechte Verteilung von Vermögen in Österreich. Es gibt in Österreich, wie in vielen anderen Ländern auch, eine immer stärker zunehmende überwältigende Konzentration von immer mehr Vermögen bei einem kleinen Teil der Gesellschaft. Das reichste 1 % des Landes besitzt 41 % des Gesamtvermögens, das entspricht 534 Milliarden Euro. Die ärmsten 50 % besitzen dagegen nur 33 Milliarden Euro, 2,5 % des Gesamtvermögens. Damit bleiben für die übrigen 49 % noch 56,5 % oder 750 Milliarden Euro (Ferschli et al. (PDF)).

Das reichste 1 % hat in Österreich 41 % des Vermögens zusammengerafft, während die untersten 50 % mit nur 2,5 % des Gesamtvermögens auskommen müssen. 1 % hat sich 41 % unter den Nagel gerissen, während 50 % von nur 2,5 % leben sollen. So absurd dies mit Klopapier klingt, so brutal ist es in der Realität mit Vermögen.

Würden die Leute im Dorf Österreich nicht eine gerechtere Verteilung des Klopapiers verlangen? Ja, eh. Seit Jahren ist die überwältigende Mehrheit der Österreicher*innen für die Einführung einer Millionärssteuer auf Vermögen über 1 Million Euro. Es ist nur ein Teil der herrschenden Klasse der mehr Gerechtigkeit im Weg steht, allen voran die ÖVP. Die Mehrheit der Bevölkerung ist dafür. Eine gerechte Besteuerung von Vermögen scheitert nicht daran, dass die Idee unpopulär ist, sondern daran, dass die Interessenvertretung der Superreichen seit über 30 Jahren in der Regierung blockiert.

Aber es liegt nicht nur an der ÖVP, obwohl die aus Sicht der Bonzen, Bosse und Geldeliten sicher die beste Arbeit macht. Selbstverständlich sind auch die NEOS ganz vorn mit dabei. Wie die Pinken vertritt auch die rechtsextreme FPÖ neoliberale oder gar libertäre Positionen. Aber auch die SPÖ ist auf neoliberalen Irrwegen gewandelt und in Österreich etwa für die Abschaffung der Erbschaftssteuer mitverantwortlich. Das soll jetzt auch kein Loblied auf die Grünen sein, die Sozialpolitik von Schwarzgrün ist im Moment von einer ÖVP-Alleinregierung nicht zu unterscheiden.

Das ist ja gerade der Punkt. So einflussreich und mächtig die ÖVP auch ist, allein hätte sie diese extrem ungerechten Verhältnisse nicht erreichen können, egal wie sehr sie dafür kämpft. Dafür braucht es politische Mehrheiten. Und die gabt und gibt es in Österreich, aber auch in der EU und im ganzen globalen Norden.

Und diese Mehrheiten können nicht am Coronavirus sterben, aber sie wollen im Zuge der Pandemie die Welt noch ungerechter machen. Schon scharren die Agent*innen des Kapitals in den Startlöchern, um eine weitere massive Umverteilung von unten nach oben einzuleiten, schon planen sie den Arbeiter*innen noch mehr Rechte wegzunehmen, empört weisen sie die Forderungen nach mehr Fairness zurück, alles für das Kapital, nichts für die 99 % der Menschen.

Es ist schon recht deutlich, was jetzt kommen soll, wenn es nach dem 1 % und seinen treuen Diener*innen in Politik und Medien geht. Mit Lügen und Scheinargumenten soll begründet werden, wieso Arbeiter*innen noch schlimmer ausgebeutet und entrechtet werden müssen. Die Ausbeuter*innenklasse hat schon eine lange Wunschliste zusammengestellt. Vom gelockerten Kündigungsschutz über die Sonntagsöffnungszeit bis zur permanenten Beibehaltung der derzeit gültigen Einschränkungen der Arbeitnehmer*innenrechte (z.B. weil es grad diskutiert wurde, dass Unternehmen allein entscheiden können, wann Mitarbeiter*innen Urlaub nehmen müssen).

Dem heiligen Gott Kapital soll das bisschen Gerechtigkeit geopfert werden, das wir noch haben. In Österreich wird es unter Konzernkanzler Sebastian Kurz einen noch nie dagewesenen Angriff auf den Sozialstaat geben, entweder mit grüner Beteiligung oder nach Neuwahlen, die der Konzernkanzler dank der bedingungslosen Unterstützung seiner loyalen Fans bei den Medien bei gleichzeitiger Selbstausschaltung der SPÖ zweifelsohne gewinnen wird.

Komplexe Krise

Die Coronakrise ist eine sehr komplizierte Krise, es gibt viele verschiedene Ebenen und Probleme. Die tatsächliche tödliche Krankheit COVID19 ist nur eine davon, auch wenn sie selbstverständlich zentral ist, und die ganze Situation antreibt. Es gibt auch viele individuelle Krisen, die zur großen Coronakrise gehören, Isolation, Angst, finanzielle Not, etc. Und hier gibt es einen fließenden Übergang zu gesellschaftlichen Krisen, die durch das Auftauchen des Coronavirus neu entflammen oder verschärft werden. Etwas das uns allen Angst machen sollte ist der zunehmend ruchbar werdende Sozialdarwinismus an allen Ecken und Enden, wo wir plötzlich diskutieren sollen, ob bestimmte Leben, Alte und Kranke, überhaupt gerettet werden sollen, ob das nicht zu teuer sei und bei ein paar Leuten klingt schon sehr deutlich durch, dass es vielleicht sogar besser wäre, wenn das Virus diese Menschen tötet und nur die „Gesunden“ überleben. Adolf Hitler lässt grüßen. Schon vor dem Coronavirus war der Faschismus drauf und drann ein durchschlagendes Comeback zu feiern. Während einige hoffen, dass der Siegeszug von Rechtsextremismus und Neofaschismus durch die Coronakrise unterbrochen werden könnte, schaut es für mich eher so aus als würde die Krise die Verbreitung von sozialdarwinistischem und faschistischem Gedankengut in der politischen Mitte nur noch beschleunigen.

Es ist offensichtlich viel zu komplex das alles auf einmal zu diskutieren, vor allem, weil ich die wirklich größte Krise unserer Zeit, die Klimakrise, noch nicht einmal erwähnt habe. Deshalb konzentriere ich mich für diese Folge auf die Frage der Vermögensverteilung. Das heißt nicht, dass das in der Realität wirklich ein isoliertes Phänomen ist, selbstverständlich nicht.

Aber in Österreich ist die Verteilung von Vermögen zwischen den Klassen besonders ungerecht, und daher denke ich, dass die Frage besondere Aufmerksamkeit verdient. Wir dürfen nicht vergessen, dass Vermögen auch Macht ist. Geld lässt sich in Einfluss übersetzen. Deshalb gibt es gute Gründe zu befürchten, dass die Reichen es sich weiter richten könnten, während wir anderen, die breite Masse, die Arbeiter*innen, die Lohnabhängig*innen, die Pensionist*innen, die 99%, für die Krise zahlen sollen.

In Österreich hat das reichste 1 % sage und schreibe 41 % des Gesamtvermögens zusammengerafft. Aber selbst innerhalb des 1 % gibt es noch extreme Gefälle. Es gibt in etwa 160.000 Millionär*innen in Österreich, und nur rund 40 Milliardär*innen. Deren Vermögen werden in Österreich besonders wenig besteuert. Im EU-Schnitt machen Steuern aus Besitz und Vermögen wenigsten 2,3 % des BIP aus, nicht viel, aber immerhin. Es sollte deutlich mehr sein, aber in Österreich ist es noch deutlich weniger. Das Steueraufkommen aus Besitz und Vermögen macht nur 0,5 % des BIP aus, Österreich ist damit international unter den Schlusslichtern.

In der letzten Folge habe ich über den kommenden Verteilungskampf gesprochen, der die Frage beantworten wird, wer für die Krise zahlt. Dabei habe ich zwei mögliche Formen von Vermögenssteuern diskutiert und auch einen Vorschlag von attac erwähnt (PDF), den ich heute etwas ausführlicher besprechen möchte, bevor ich dann ein Konzept diskutieren werde, wie Österreich gerechter aus der Krise kommen könnte, das „aufbruch aus der Krise“ Papier der Sozialistischen Jugend (PDF).

Lastenausgleich

Attac hat mit dem Corona-Lastenausgleich ein Konzept vorgelegt, mit dem die Kosten der Krise gerecht auf die Reichen verteilt würde, die es sich leisten können, um die Mehrheit der Bevölkerung nicht noch zusätzlich zu belasten. Und wir reden da wirklich von Reichen, nicht obere Mittelschicht, nicht gehobenes Bürgertum, sondern Reiche. Für den Lastenausgleich fällt nur Nettovermögen an, das 5 Millionen Euro übersteigt. 5 Millionen Euro Netto, das muss man erst einmal haben. Warum sollen Leute die mehr als 5 Millionen Euro Nettovermögen haben, nicht einen fairen Beitrag zu Bewältigung der Krise leisten?

Aufgrund des bereits erwähnten Gefälles innerhalb der Reichsten schlägt Attac eine progressive Besteuerung vor. Das Vermögen das 5 Millionen Euro Netto übersteigt wird mit 10 % besteuert. Ab einer Grenze von 100 Millionen steigt der Steuersatz auf 30 % und ab 1 Milliarde sind es 60 %. Das sind Grenzsteuersätze, d.h. zwischen den Grenzen gibt es einen kontinuierlichen progressiven Anstieg des Steuersatzes, je höher das besteuerte Vermögen ist.

Die Millionen die unser Helmut beitragen müsste, würden in Raten über 5 Jahren fällig. Wenn es um Betriebsvermögen geht schlägt Attac Raten über 15 Jahre vor. Um zu vermeiden, dass Helmut seine Kohle ins Ausland bring, muss für die Bemessung des Nettovermögens ein Stichtag in der Vergangenheit festgelegt werden. Damit Helmut kein Geld verstecken kann, muss auch endlich das sogenannte Bankgeheimnis abgeschafft, und ein mächtiges Auskunftsrechts der Finanzverwaltung gegenüber Banken eingeführt werden.

Attac schätzt konservativ, dass damit 70 bis 80 Milliarden Euro hereinkommen würden.

Aber wäre das nicht ein historisch einzigartiger Eingriff in des Eigentumsrecht? Ist das nicht auch ungerecht?

Nein. Zur historischen Dimension sollten wir erst einmal bedenken, dass wir in einer historisch einzigartigen Situation sind, die größte Krise seit dem zweiten Weltkrieg wie Konzernkanzler Kurz sagt. Warum soll man darauf nicht mit historisch einzigartigen Maßnahmen reagieren? Aber, der Lastenausgleich wäre gar keine einzigartige Maßnahme, Attac hat sich den Namen nicht ausgedacht. In Deutschland, eben nach dem zweiten Weltkrieg, gab es so etwas schon einmal. Unter Kanzler Konrad Adenauer, bekanntlich ein Stalinist von der sozialistischen CDU, der damals in einer Koalition regierte, mit der kryptokommunistischen FDP und der Deutschen Partei, an deren Namen man erkennt, dass es sich ebenfalls um eine linksextreme Gruppierung handelte.

Die Vermögenswerte des bereits vergangenen Jahres 1948 wurden herangezogen, um einen Lastenausgleich von 50 % einzuheben. Es gab selbstverständlich diverse Ausnahmen und zu zahlen war der Beitrag in Raten über 30 Jahren. Mit dem Geld wurde der Ausgleichsfonds befüllt, aus dem verschiedenste Hilfsmaßnahmen, Darlehen wie Entschädigungen, finanziert wurden.

Aber was ist mit dem heiligen Eigentumsrecht, dass Liberale und Bürgerliche anbeten wie das goldene Kalb? Nun, ähnlich wie das sprichwörtliche Kalb ist das vor allem ein Götze, also ein falscher Gott, kein Fußballer. Das Eigentumsrecht ist im Gegensatz zu anderen Grundwerten nicht an sich wertvoll, sondern nur mittelbar, sein Wert kommt aus seinem Nutzen, wenn man so will.

Das ist hier nicht die Zeit und der Ort für eine philosophische Abhandlung über Grundwerte, aber ein ganz einfaches Beispiel. Vergleichen wir das Eigentumsrecht mit dem Recht auf körperliche Unversehrtheit. Beide tragen offensichtlich zum guten Leben eines Menschen bei, das kann man den Liberalen durchaus zugestehen, auch wenn es vermutlichen Anarchist*innen etc. anders sehen würden.

Aber wenn wir unseren Beispielsmenschen jetzt in eine Überflussgesellschaft verpflanzen, in der Geld abgeschafft wurde, wie in Star Trek, dann sieht das Eigentumsrecht plötzlich nicht mehr so wichtig aus. Ja, wenn man sentimental ist, möchte man vielleicht Dinge zur Erinnerung behalten, aber weil alle ein gutes Leben haben und es alle Güter im Überfluss gibt, ist so etwas wie Grundbesitz vollkommen uninteressant. Man kann schon immer noch Eigentumsrechte vertreten, aber es ist halt unter ferner liefen. Aber wenn in diesem Utopia jemand herkommt und dich schwer verletzt, ist das noch immer scheiße, weil körperliche Unversehrtheit grundsätzlich und nicht nur relativ zum guten Leben beiträgt.

Moralisch heißt das für den Lastenausgleich meiner Meinung nach, dass der Eingriff zulässig ist, solange dadurch für niemand ein gutes Leben unmöglich gemacht wird, während es dadurch zugleich für mehr Menschen möglich wird. Bei einer Freigrenze von 5 Millionen Euro und einem dann erst ansteigenden Steuersatz, kann mir niemand erklären, dass dieser einmalige Lastenausgleich, der in Raten über Jahre bezahlt würde, irgendjemand daran hindert ein gutes Leben zu haben. Zum guten Leben gehört, leider, in unserer Gesellschaft Geld, aber sicher nicht so viel.

Aber würde der Lastenausgleich anderen Menschen ein gutes Leben ermöglichen? Das ist offensichtlich nicht logisch zwingend, der Staat könnte das Geld auch verbrennen oder in Unsinn wie die Entwicklung von Atomwaffen oder Wasserstoffautos investieren. Der Lastenausgleich würde es dem Staat nur ermöglichen, vielen Menschen zu einem guten Leben zu verhelfen. Und die Frage wie der Staat das machen könnte bringt mich jetzt zum Papier der Sozialistischen Jugend.

aufbruch aus der Krise

Das versteht sich als Denkanstoß für eine solidarische Zukunft. Anhand von fünf Eckpfeilern tritt die SJ für eine Transformation in eine gerechte Gesellschaft ein. Diese fünf Punkte sind:

Unter „Öffentliches Eigentum stärken“ versammelt die SJ im Wesentlichen die Forderungen danach, den Neoliberalismus rückabzuwickeln. Die schweren Schäden, die diese tödliche Ideologie am Gemeinwesen angerichtet hat, sind sichtbar wie nie, und wann wenn nicht jetzt ist die Zeit, diese fatale Entwicklung umzukehren? Unter anderem könnte dies mit einem staatlichen Rückkaufrecht für privatisierte Infrastruktur gelingen. Dafür wären die Milliarden aus dem Lastenausgleich sicher nützlich. Außerdem schlägt die SJ unter anderem vor, dass der Staat ein Vorkaufsrecht bei Verkäufen von als wichtig erachteten Unternehmensanteilen bekommt und dass ein Staatsfonds für gezielte Investitionen im Sinne sozialer und ökologischer Ziele eingerichtet werden soll. Again, der Lastenausgleich wäre hier sehr gut aufgehoben.

Eine Forderung, die so klug ist, dass ÖVP und Grüne sie niemals umsetzen werden, ist, dass für alle Haftungen und Garantien die der Staat jetzt abgibt um Unternehmen zu helfen, automatisch Eigentum an Unternehmensanteilen an den Staat übergeht, falls die Haftungen schlagend werden.

Die Investitionsoffensive für eine soziale und ökologische Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft sieht Milliarden für Soziales und Infrastruktur vor. Jährlich sollen rund 4,5 Milliarden in Infrastruktur investiert werden, vor allem in den Ausbau des öffentlichen Verkehrs, aber auch in thermische Sanierungen oder Förderungen erneuerbarer Energie. Die Investitionen sind ganz offensichtlich und explizit als Antwort auf die Klimakrise gedacht. Noch mehr Geld, nämlich 7 Milliarden, sind unter dem Punkt Soziales zusammengefasst. Das betrifft Investitionen in Kinderbetreuung, Bildung, aber auch Pflege, und eine Arbeitszeitreduktion im öffentlichen Dienst auf die 35 Stunden Woche.

Die 35-Stunden Woche soll es auch für alle Arbeiter*innen geben, deren Unternehmen im Zuge dieser staatlichen Investitionen Großaufträge bekommen. Außerdem müssten diese Unternehmen unter anderem einen Mindestlohn von 1.700€ netto, mehr Mitbestimmung der Mitarbeiter*innen und Maßnahmen gegen den Gender Pay Gap einführen.

Die SJ sieht das aber nur als ersten Schritt, nicht als höchstes Ziel, vieles spricht z.B. für eine weitere Reduktion der Arbeitszeit.

Zur Finanzierung hat die SJ eigene Vorschläge, die Verknüpfung mit dem Lastenausgleich hab nur ich als Überleitung hergestellt. Aber selbstverständlich will auch die SJ, dass die, die es sich leisten können, einen fairen Beitrag zahlen sollen, über Vermögenssteuern, Erbschafts- und Senkungssteuern und eine progressive Körperschaftssteuer.

Ich habe die Konzepte von attac und SJ vorgestellt, weil es wichtig ist, dass wir nicht verlernen, in Alternativen zu denken. Die Realität ist trostlos und frustrierend, ja, aber wenn wir es wie die Grünen machen und die Erlaubnis der ÖVP als Horizont unseres Denkens akzeptieren, dann haben wir schon verloren. Die schwarzgrüne ÖVP-Alleinregierung wird sicher nicht für mehr Gerechtigkeit sorgen, aber gerade deshalb ist es wichtig, dagegen anzukämpfen, eben weil es Alternativen gibt.

Und ja, ich denke, wohl kaum überraschend, dass der Kampf für diese Alternativen ein Klassenkampf ist. Nur um das klar auszusprechen, Klassenkampf findet statt egal ob du oder ich oder alle Arbeiter*innen oder die gesamte Klasse der Lohnabhängigen irgendetwas dazu tun oder nicht, einfach weil er von der Ausbeuter*innenklasse sowieso geführt wird.

Niemand könnte sich die Vermögen, die die Superreichen zusammenraffen, mit der eigenen Hände Arbeit bekommen. Wo kommt das also her? Von der Arbeit anderer Menschen. Würden diese Milliarden an lohnabhängigen Menschen ihr Geld auch an die Superreichen überweisen, wenn man ihnen die ganze Summe, die ihre Arbeit wert ist, aushändigen würde? Nein. Also ist allein die Aufrechterhaltung der Strukturen, die so viel des Werts, den die Arbeit generiert, an die Superreichen umleitet, nichts weiter als Klassenkampf von oben gegen unten. Aber die Superreichen machen ja noch viel mehr, die wollen diese Strukturen ja nicht nur aufrechterhalten, sondern sie ausbauen. Sie wollen immer mehr zusammenraffen, während für alle anderen immer weniger bleibt. Das ist brutaler Klassenkampf und nichts anders.

Und das kann und soll man meiner Meinung nach auch so nennen. Klassenkampf ist kein schmutziges Wort, aber wir müssen ihn vom Kopf wieder auf die Füße stellen, und ihn von unten gegen oben führen. Das 1 % hat nie aufgehört Klassenkampf zu führen, es ist höchste Zeit, endlich wieder dagegen zu halten. Außerdem denke ich, dass die ÖVP in Opposition geschickt werden muss.

Eine Antwort zu “#6 Was wenn Klopapier so ungleich verteilt wäre wie Vermögen?”

  1. […] auf die ich heute nicht weiter eingehen will. Die letzten beiden Folgen dieses Podcasts (#5 und #6) haben sich mit der extrem ungerechten Verteilung von Vermögen beschäftigt, diese Verteilung ist […]

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