Uni-Politik: Eine Heuchelei

Stellen wir uns einmal vor, eben hätte die größte Universität Österreichs, der Uni Wien, eine neue Rektorin1 bekommen. Diese Rektorin X hält eine Antrittsvorlesung, bei der sie eine Vision von einer besseren Universität, von besseren Studienbedingungen vorstellt, und mehr Geld für die Unis einfordert.

Diese Rektorin setzt dann bald ihre erste Amtshandlung. Sie sperrt den größten Hörsaal der Universität für den Lehrbetrieb, weil sie ihn für Repräsentationszwecke, als Veranstaltungsraum, etc. verwenden will. Das führt dann gleich zu großen Problemen und Einschränkungen in der Lehre und behindert die Studierenden. Wenige Wochen später stellt sich dann heraus, dass die Rektorin binnen kürzester Zeit 1 Million Euro veruntreut hat. Diese fehlt jetzt klarerweise bitter im Budget für Lehre, Bibliotheken, IT, usw. Die Beurteilung dieser Rektorin würde nicht gut ausfallen. Heuchlerisch und scheinheilig wären zwei Attribute, die man ihr sicher öfters zuschreibt.

Die Parallelen zur Besetzung des Audimax und an den anderen Universitäten lassen sich nicht 1:1 ziehen, sind aber klar. Das Geld ist, vollkommen sinnlos, weg, der Schaden für die Studierenden ist real. Die utopischen Ansprüche an die Allgemeinheit, abgesehen davon dass man ihnen gerade beim Verpuffen zusehen kann, rechtfertigen in keinster Weise Studierende zu behindern oder für ideologische Propaganda zu vereinnahmen. Das was sich hier „Bewegung“ nennt, sind österreichweit einige Hunderte von insgesamt 300.000 Studierenden.

Die größte Heuchelei aber passiert, sobald es um den „freien Hochschulzugang“ geht. Es gibt in Österreich, egal ob mit Studiengebühren oder ohne, egal ob mit Aufnahmeprüfungen oder Knock-Out-Tests nach einer Eingangsphase, keinen freien Hochschulzugang. Das österreichische Bildungssystem sortiert gnadenlos die sozial Schwächeren aus, die niemals in die Nähe einer wie auch immer gearteten Zugangsbeschränkung kommen werden. Das schwarz-blau Studiengebühren in eine so sozial selektive Umgebung ohne halbwegs brauchbares Stipendiensystem eingeführt hat, war eine Bestätigung und Förderung dieser Selektion, und deshalb waren sämtliche Protesete gerechtfertigt, und deshalb ist es gut, dass die Studiengebühren zurückgedrängt wurden. Wenn man dieses gravierende Problem, und hier hat sich seit Bruno Kreisky nichts getan, angeht, und wenn man ein ordentliches Stipendiensystem einführt, kann man danach Studiengebühren und sinnvolle qualitative Zugangsbeschränkungen vorschreiben wie man will – das System wäre gerechter, fairer, sozial durchmischter, leistungstärker, effizienter und teurer.2

Etwas, dass vielleicht auch in diesen Eintrag passt, da bin ich mir aber nicht sicher, ist die AkademikerInnenquote und die Zahl der Studierenden in Österreich. Hier weiß ich nicht genug, und kann daher nur fragen: Git es irgendwo eine bereinigte Statistik, die Österreich mit anderen Ländern, in denen sämtliche LehrerInnen, KindergartenpädagogInnen und KrankenpflegerInnen AkademikerInnen sind, vergleichbar macht? So wie der Vergleich mit anderen AkademikerInnenquoten, Studierendenzahlen und Hochschulbudgets, in denen die genannten Berufsgruppen, jene die dazu ausgebildet werden, und was dies kostet, beinhaltet sind, gemacht wird, ist ja vollkommen klar das Österreich ein kleineres Budget und weniger AkademikerInnen und Studierende haben muss.

  1. Ich weiß dass es in Österreich keine Rektorinnen gibt, aber darum geht es hier nicht zentral.
  2. Jap, auch wenn es keiner sagt, die Massenvorlesungen kommen den Unis deutlich billiger, als wenn sie sich um die Studierenden in kleineren Gruppen kümmern müssten, was sich im Moment ja toll wegargumentieren lässt.

10 Antworten zu “Uni-Politik: Eine Heuchelei”

  1. Mathias sagt:

    Wie belegst du die Behauptung, sozial Schwächere würden „gnadenlos vom Bildungssystem aussortiert“? Etwa mit dieser Studie, wonach nur soundso viele Kinder aus Arbeiterhaushalten studieren würden? Die ist meiner Meinung nach ja eher weniger ein Beleg für das Versagen des Systems (in dem ohnehin schon alles irgendwie Denkbare kostenlos, umsonst und daher vom Steuerzahler bezahlt ist), sondern vielmehr für das Versagen der entsprechenden Eltern, ihre Kinder ordentlich zu bilden (lassen).

    • Thomas sagt:

      Ich glaube durchaus dass die OECD hier keine linke Gleichmacherverschwörung betreibt, sondern einfach solide Zahlen vorlegt, die aus meiner persönlichen Erfahrung, und angesichts der frühen Selektion im Bildungswesen sowie des Fehlens eines halbwegs brauchbaren Stipendiensystems alles andere als unplausibel sind. Und zu behaupten, bildungsferne sozial schwache Menschen sind selber schuld, das ihre Kinder keine andere Welt kennen lernen können, ist einfach nur zynisch, sonst nichts.

  2. Markus sagt:

    Naja, willst du politische Aktivität ausschließlich an kaufmännischen Maßstäben messen? So gesehen kann man sich gleich jegliche Art von öffentlicher Demonstration schenken – bringt nix, kost nur. Denke, du machst es dir etwas einfach, wenn du nur von Vereinnahmung durch ideologische Propagande sprichst. Gabs nicht immerhin eine recht breite bildungspolitische Diskussion?

    • Thomas sagt:

      Es gab eine breite bildungspolitische Diskussion, in der die Mehrheit der Studierenden von niemandem vertreten wurde. Es ist nicht so, dass ich von den Zielen vieler Studierender, einfach schnell durchstudieren um einen Job zu haben, übertrieben viel halte. Aber die wurden genausowenig vertreten, wie Studierende die meinen, Eigentum anderer zu beschädigen sei keine Option um sich Gehör zu verschaffen.

      • Markus sagt:

        Zum einen hat sich für die ja der Minister sehr tapfer in die Bresche geworfen und zum anderen hat sie niemand gehindert, sich zu organisieren – was auch passiert ist, siehe „studieren statt blockieren“ etc. Im übrigen ist es Sache der ÖH für die repräsentative Vertretung aller Studierenden zu sorgen. Man kann doch schwerlich einem einzelnen Akteur in einer Diskussion vorwerfen, dass er nur die eigene Meinung vorbringt und nicht gleich auch noch alle anderen berücksichtigt.

        • Thomas sagt:

          Ich hab ja nicht gesagt dass es kein Versagen der ÖH ist, sich einseitig voll hinter die Proteste zu stellen, ohne an Alternativen mitzuarbeiten und für die Studis, die reale Nachteile haben, etwas zu tun. Selbstverständlich ist das ein weiter selbstverschuldeter Legitimationsverlust. Aber genauso wie die ÖH haben die BesetzerInnen eben immer für die Studierenden gesprochen,
          Was ich aber meinte, ist dass die Qualität und Bedeutung einer Diskussion, bei der der Großteil der Betroffenen, warum auch immer, nicht teilnimmt, fragwürdig erscheint.

  3. universaldilettant sagt:

    naja, man_frau muss sich immer fragen, ob und wieviel Proteste sinnvoll sind, um einen gewünschten Effekt zu haben. Auch Proteste aus der 68’er Bewegung wurden von etablierten Medien nicht positiv gewertet.
    Und zumeist spiegelt sich da eine kleinbürgerliche Ablehnung gegen Proteste: Durch (zumeinst auch ideologisch vereinnahmender) Propagnda wird von der etablierten Masse gerufen: „Studierende werden behindert“ – ja, das mag stimmen, aber welcher Mittel des Protests ist danach noch zielführend. Im Prinzip geht es um eine Aufhetzung von Studierenden untereinander.
    Die Sache mit den freien Hochschulzugang finde ich gut: mittlerweile sollten das auch die Leute im Audimax gecheckt haben, dass man_frau auch über andere Lösungen nachdenkt.

    • Thomas sagt:

      Ich bin wie du weißt in der StV Philosophie, und es ist keine kleinbürgerliche Ideologie das unsere Studierenden sehr auf die Vorklinik angewiesen sind, und massiven Unannehmlichkeiten ausgesetzt wurden. Wieso man nicht einfach Uni-Gebäude besetzt, die nicht den Studierenden Schaden, der Verwaltungsapparet ist ja so klein nicht, jede uNi hat eine Aula, es gibt das Rektorat, etc. ist in meinen Augen so nicht zu argumentieren.

  4. Na? Provozierend nach Besuchern heischend? 😉
    „Das Geld ist, vollkommen sinnlos, weg, der Schaden für die Studierenden ist real. “
    Und somit irrst du. Zum Einen ist 1 Million „weg“ (ja lustig, eine öffentliche Uni blecht an ein öffentliches Kongresszentrum), sind aber noch 33 weitere da, die nur dieser Protest und nichts anderes für die Unis gebracht hat. Die Proteste könnten so gesehen noch ganz schön lange weiter gehen. Muss aber vllt. nicht sein.
    Zum Anderen, und das ist eh schon mit dem ersten Punkt klar geworden, ist das Geld nicht „vollkommen sinnlos“ weg. Was in den vergangenen Wochen erreicht worden ist, war, ist und wird niemals „vollkommen sinnlos“ sein.
    Dass nicht mehr dabei rausschaut, liegt daran, dass die Politik den Arschtritthalt einerseits nicht kapiert und andererseits bewusst totwarten will. Keinem friedlichen Protest können die schwachen Politiker vorgeworfen werden, gegen die er sich richtet.

    • Thomas sagt:

      Provozierend nach BesucherInnen heischen, hab ich nicht nötig und das liegt nicht in meinem Interesse. Die 1 Million ist in Wien weg, die 34 Millionen sind für ganz Österreich und kommen aus dem Uni-Budget, wurden nur als Notgroschen zurückbehalten, den die Unis früher oder später ohnehin bekommen hätten. Du übernimmst einfach den Werbeschmäh des Wissenschaftsministeriums.
      Gut, nicht vollkommen sinnlos für alle, nur für jene 99 % der ÖsterreicherInnen die keinen starken Drang nach linker Selbstverwirklichung, Anarchie, etc. haben oder obdachlos sind.
      In einem halben Jahr haben wir wieder Normalität, im Gegensatz zu 68 gab es ja auch keine verkrusteten Strukturen zum Aufbrechen, sondern nur ein flexibles System dass schon schlimmeres überstanden hat, als die paar Studierenden.

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