Bernie Sanders and Donald Trump in Front of the Cover of The Populists Guide To 2020

The Populist’s Guide To 2020 – Bernie Sanders‘ und Donald Trumps Erfolge verstehen

Warum können so viele Medien die Erfolge von Bernie Sanders und Donald Trump weder voraussehen noch akzeptieren, und schon gar nicht verstehen? Warum können selbst ihre Parteien die beiden anscheinend nicht stoppen? Mit dieser Frage beschäftig sich die amerikanische Politikshow „Rising“ mit Krystal Ball und Saagar Enjeti immer wieder.

Als ich die Show zum ersten Mal sah, war ich schnell interessiert. Sie bietet spannende Analysen und alternative Blickwinkel. Endlich linke Berichte über US-Politik anstatt des immergleichen austauschbaren liberalen Bullshits.

Oder zumindest dachte ich mir das zuerst. Es geht nämlich explizit um die Arbeiter*innenklasse, und die Show ergreift auch eindeutig Partei für sie. Genauso eindeutig ist „Rising“ gegen neoliberale Eliten gerichtet. Daher war ich dann doch überrascht, als ich die Prämisse der Show verstand. Krystal Ball ist tatsächlich eine linke Unterstützerin von Bernie Sanders. Aber Saagar Enjeti ist ein rechter Unterstützer von Donald Trump. Was ist hier los?

Die Antwort darauf findet sich im Untertitel des Buches, das die beiden gemeinsam geschrieben haben „A New Right and New Left are Rising.“ Selbstverständlich interessieren sich die dominierenden Rechten derzeit, in den USA wie in Europa, für die Arbeiter*innenklasse nur insofern, als sie sie ausbeuten können. Aber Saagar will das für die Rechte ändern. So wie Krystal für die Linke eine Abkehr vom neoliberalen Verrat an der Arbeiter*innenklasse erreichen will.

Um meine Überraschung vielleicht ein wenig nachvollziehen zu können, versuche doch einmal die folgenden fünf Zitate entweder der Sanders-Anhängerin Krystal Ball oder dem Trump-Unterstützer Saagar Enjeti zuzuordnen. Die Auflösung steht am Ende dieses Blogposts.

Quiz: Wer hat’s gesagt, Krystal oder Saagar?
  1. „Concentrated capital shares no national allegiance and will always work to maximize the bottom line, no matter who suffers.“
  2. „The market is not capable of protecting the integrity of our nation: only the government can do that.“
  3. „Washington subsists solely on the beneficence of Wall Street billionaires and others with a direct financial interest in maintaining a status quo economy that does not work for all Americans. Free market libertarianism is a cancer that has firmly intertwined itself with corporatism and is embedded firmly within both parties.“
  4. „So many on the right label the Millennial generation and the working class as lazy, and give no credence to why exactly we’re angry. We watched our money get sent to Wall Street while our student debt exploded and any surplus cash was spent trying to turn the Middle East into a democratic paradise.“
  5. „Fetishizing gig work, fake job creation, and expanding GDP numbers ignores the very things that make life worth living.“

It’s populism, stupid!

Wie bringen die beiden ihre konträren Weltanschauungen auf einen gemeinsamen Nenner? Das Zauberwort heißt Populismus. Dazu muss man sagen, dass das relativ wenig damit zu tun hat, dass sich im deutschsprachigen Raum „Rechtspopulismus“ als Bezeichnung von rechtsextremen Parteien durchgesetzt hat. Der Populismus den Krystal und Saagar meinen, ist ein anderer.

Beide sehen sich als Fürsprecher*innnen der Arbeiter*innenklasse. Es ist ungewohnt, wenn Saagar, der weit rechts steht, das Wort Klasse verwendet. Aber genau darum geht es den beiden in diesem Buch. Tradierte Denkmuster als veraltet zu erkennen und aufzugeben, weil sie nicht mehr in der Lage sind, das politische Geschehen zu verstehen. Eine zentrale Kritik des Buchs ist, dass die Medien diese kaputten Denkmuster unerbittlich anwenden und damit voraussehbar scheitern. Etwa wenn sie Kamala Harris erst hochschreiben und dann die Implosion ihrer Präsidentschaftskandidatur weder kommen sehen noch verstehen.

Hinter diesem Medienversagen vermuten Krystal und Saagar die Dominanz von hohlen „identity politics“ die außer einzelner Identitätsmerkmale nichts zu bieten haben. Was sie damit nicht meinen, ist das ursprüngliche Konzept von identity politcs, das heute eher Intersektionalität genannt wird. Dazu haben sie konträre Ansichten, aber es ist jedenfalls nicht, worum es geht.

Was sie meinen wenn sie „woke“ schreiben sind Politiker*innen, die alle der gleichen neoliberalen und imperialistischen Ideologie angehören, aber eine bestimmte Identität haben, weshalb die These der Medien und Parteien sei, dass diese Politiker*innen für Menschen mit denselben Identitäten besonders attraktiv sein sollen. Wenn man jetzt tatsächlich glaubt, dass Frauen vor allem Frauen wählen, Minderheiten vor allem Minderheit, etc., dann ist man tatsächlich ratlos, wenn der alte weiße Mann Bernie Sanders überwältigenden Zuspruch bei jungen Frauen und Minderheiten findet. Genauso wie man ratlos vor dem Faktum stand, dass weiße Frauen mehrheitlich Donald Trump gegenüber Hillary Clinton vorgezogen haben. Die Gegenthese des Buchs dazu ist, dass es den Wähler*innen sehr wohl um die Ideologie und nicht die Identitäten der Kandidat*innen geht.

The truth is that in an era where both parties have decided to center corporate interests, identity has been used to culturally pander to the working class so that you can keep screwing them economically.

Bernie Sanders, Donald Trump und Joe Biden

Für die Präsidentschaftswahl 2020 haben Krystal und Saagar in ihrem Anfang Februar erschienen Buch drei ideologische Pole identifiziert: Bernie Sanders, Joe Biden und Donald Trump. Trump vereint in ihrer Interpretation sowohl die traditionelle libertäre amerikanische Rechte, in Form der organisierten Republikanischen Partei, als auch die neue populistische Rechte, in Trumps Person und Anhänger*innen.

Bei der Demokratischen Partei ist noch unklar, ob es einen Kandidaten geben wird, der die gesamte Breite der Partei hinter sich vereinen kann. Das Buch identifiziert mit Joe Biden und Bernie Sanders zwei zentrale Pole. Sanders steht für die neue populistische Linke in deren Zentrum die Anliegen der Arbeiter*innenklasse steht. Biden dagegen für den alten neoliberalen und neokonservativen Konsens.

Aber Moment – neokonservativ? Dieses Wort kennen wir doch aus der Zeit von George W. Bush! Was macht das auf einmal bei den Demokraten? Eine gute Frage, die sich das Demokratische Establishment stellen sollte. Viele der Neocons der Bush-Ära, wie der Autor der berüchtigten „Achse des Bösen“-Rede David Frum, sind wegen Trump zu den Demokraten gewechselt. Nur haben die Neocons nicht etwa aus ihren vielen schweren Fehlern und schädlichen Entscheidungen gelernt. Sie glauben nur ihre gefährliche Ideologie jetzt besser bei den Demokraten umsetzen zu können. Wie leicht die Neocons wechseln können, ist Hinweis auf eine der zentralen Thesen des „Populist’s Guide to 2020.“

Verrottetet bis ins Innerste

Die Neocons können so einfach die Partei wechseln, da sie, genau wie die Eliten beider Parteien, Teil eines bis ins Innerste verrotteten politischen Systems sind. In diesem System treffen sich, so die These, Neoliberale, Libertäre, Neocons und andere Imperialist*innen und sind sich über die wesentliche Dinge auf Kosten der Arbeiter*innenklasse einig. Als Folgen dieses System zitieren Krystal und Saagar unter andere den Umstand, dass die Lebenserwartung in den USA drei Jahre in Folge gesunken ist. Auch die ausufernde Opioid-Krise in den USA führen sie darauf zurück.

Das Wahljahr 2020 sehen sie nun von der Frage bestimmt, wie Politiker*innen und Wähler*innen auf dieses verrottete System reagieren. Wird sich eine Politik für die Arbeiter*innenklasse durchsetzen, oder können sich die Eliten noch ein paar Jahre an der Macht halten? Und, so die Kritik des Buches weiter, anstatt sich mit dieser Frage auseinanderzusetzen, würden die Medien lieber über Identität reden und den status quo verteidigen.

Medienversagen als Klassenfrage

Medienkritik ist ein wichtiger Teil des „Populist’s Guide To 2020“. „Rising“ ist eine Show auf YouTube die sich als Teil der alternativen Medienszene versteht (und es auch ist). Krystal Ball arbeitete zwar eine Zeit lang für MSNBC, war also Teil der Mainstream Medien, kritisiert diese nun aber umso vehementer.

Die Kritik des Buches richtet sich gegen eine abgehobene Kommentator*innenklasse, die immer wieder von den Erfolgen Donald Trumps und Bernie Sanders‘ überrascht sind, weil sie in ihrem persönlichen Umfeld niemand kennen, der die beiden unterstützen würde. Krystal und Saagar werfen den Medien vor, dass sie eine arrogante Elite sind, die sich von der Arbeiter*innenklasse abgeschottet hat, und in der Folge keine Ahnung mehr davon hat, wie die meisten Menschen leben oder was sie bewegt.

The consistent underestimation of Bernie Sanders is the most obvious current example. Political reporters don’t personally know the Amazon warehouse workers and WalMart workers and teachers who have sent him in $10 and $20 by the thousands so they completely dismiss the reality and potential of his movement.

Parteienversagen als Klassenfrage

Diesen Vorwurf der Abschottung und Abgehobenheit richten sie auch gegen die Politiker*innenklasse, die sie in beiden Parteien am Werk sehen. Daraus folgt die jeweils spezifisch Kritik an ihrer Partei. Saagar will, dass die Republikaner endlich den libertären Irrweg Ronald Reagans als Irrtum erkennen, und tatsächlich Politik für die Familien der Arbeiter*innenklasse machen, anstatt nur darüber zu reden.

Krystals Kritik an der Demokratischen Partei kommt einem bekannt vor, wenn man sich in Österreich mit der SPÖ beschäftigt. Der Punkt ist, dass die Partei gar nicht so sehr die falschen Wahlversprechen macht. Darin geht es eh meist um Anliegen und Probleme der Arbeiter*innenklasse. Aber das interessiert niemand mehr, weil den Demokraten, nach all den Jahren an Freunderlwirtschaft, Korruption, neoliberaler Politik und ideologischer Beliebigkeit einfach die moralische Legitimität fehlt, diese Forderungen zu vertreten. Krystal erklärt pointiert:

It’s not that the public doesn’t care so much as that Democrats are themselves deeply compromised and lack the moral legitimacy to effectively make the case. […] The reason that no one cares what Democrats have to say about corruption is because Democrats have zero moral authority.

Kritik

Das Buch ist am stärksten, wo es pointierte Kritik übt, aber am schwächsten, wo es um Alternativen geht. Das liegt wohl auch daran, dass die beiden Autor*innen sehr verschiedene Alternativen vorziehen würden, und sich deshalb nur auf grobe Kompromisse wie „die Anliegen der Arbeiter*innenklasse ins Zentrum stellen“ einigen können.

Das Buch ist teilweise eine Auswahl von Kommentaren, die die beiden über mehrere Monate in „Rising“ vortragen haben. Durch diese, immer als Reaktion auf das tagespolitische Geschehen gehaltene, Beiträge, fehlt dem Buch ein roter Faden. Die Kommentaren haben für das Buch ausführliche erklärende Einleitung erhalten. In diesen Texten, sowie dem Vor- und Nachwort, gibt es klare Themen und zentrale Anliegen. Aber das Buch entwickelt seine Thesen nicht, sondern stellt sie in den Raum. Zwar aus verschiedenen Perspektiven, aber eine Anerkennung der besprochenen Probleme wird grundsätzlich vorausgesetzt. Wer diese Vorleistung nicht erbringt, wird wahrscheinlich weniger Freude mit dem Buch haben.

Die Ausführungen zu identity politics wirken teilweise wie ein Strohmannargument. Es geht um die dümmstmögliche Interpretation des Konzepts dahinter. Aber der Punkt ist ja genau jene zu kritisieren, die diese Interpretation vertreten und instrumentalisieren.

Bernie Sanders und Donald Trump sind erfolgreich, weil die Arbeiter*innenklasse so lange ignoriert und ausgebeutet wurde, bis es reichte. „The Populist’s Guide To 2020“ ist ein Buch gegen das Unverständnis, auf das die Probleme der Arbeiter*innenklasse bei den amerikanischen Eliten stoßen, und gegen Medien, die diese Eliten schützen. Dagegen fordern Krystal und Saagar eine Politik die auf Klasse statt auf Identität (im oben erwähnten Verständnis) setzt:

What really threatens American elites isn’t the notion that we need more women or more people of color with their boot on the throat of the working class, the real threat comes when people start asking why the working class should have a boot on their throat at all.

PS: Falls du versucht hast, die Zitate oben im kleinen Quiz Krystal oder Saagar zuzuordnen, hier nun die Auflösung: Alle Zitate stammen von Saagar.

The Populist’s Guide to 2020: A New Right and New Left are Rising (Partnerlinks)
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Oder zumindest dachte ich mir das zuerst. Es geht nämlich explizit um die Arbeiter*innenklasse, und die Show ergreift auch eindeutig Partei für sie. Genauso eindeutig ist "Rising" gegen neoliberale Eliten gerichtet. Daher war ich dann doch überrascht, als ich die Prämisse der Show verstand. Krystal Ball ist tatsächlich eine linke Unterstützerin von Bernie Sanders. Aber Saagar Enjeti ist ein rechter Unterstützer von Donald Trump. Was ist hier los?

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2 comments

  • […] Ginge es nach den traditionellen Spielregeln, wäre Hillary Clinton Präsidentin der USA. Aber nicht nur das. Bernie Sanders wäre ihre nach diesen Regeln nie so nahegekommen. Joe Crowley wäre weiter im Repräsentantenhaus vertreten, nicht Alexandria Ocasio-Cortez. Die offensichtliche Inkompetenz und Korruption von Donald Trumps Administration hätte politische Konsequenzen, und mediale Kritik würde nicht wirkungslos verpuffen. Die traditionellen Spielregeln können das politische Geschehen nicht mehr erklären (so argumentieren auch Krystall Ball und Saagar Enjeti in ihrem Buch „The Populist’s Guide To 2020“). […]

  • […] The Populist’s Guide To 2020 – Bernie Sanders‘ und Donald Trumps Erfolge verstehen […]

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