Internationale Sommerkademie Schlaining: 8. Juli 2008

Ueli Mäder von der Universität Basel eröffnete den zweiten vollen Tag der Sommerakademie mit seinem Vortrag zum Thema „Globale soziale Ungleichheit versus Verteilungsgerechtigkeit. Zur Interdependenz von Armut und Krieg“. Zunächst gab er eine kurze Definition von Ungleichheit: Wenn Gesellschaften dauerhaft unterschiedlich über wichtige Güter (zB Anerkennung, uvm, vlg. Bourdie) verfügen. Beispielsweise erwirtschaften die 20 % reichsten Prozent aller Länder der Welt 80 % des globalen BIP, während die ärmsten 20 % gerade einmal 2 % des weltweiten BIP erreichen. Verteilungsgerechtigkeit definiert Mäder als den Zustand, wenn alle ihre existenziellen Bedürfnisse befriedigen können. Hier nannte er kritisch die Zahl von 155 Milliarden Euro, die in den Industrieländern jährlich für Alkohol und Zigaretten ausgegeben werden, und die in einem schockierenden Kontrast zu der Zahl 28 Milliarden Euro steht, was jene Summe ist, die in den Entwicklungsländern jährlich für die Grundbedürfnisse ausgegeben wird.

Nachdem er einige Seitenhiebe auf seine Heimat die Schweiz austeilte, und darauf verwies, dass wesentlich mehr Tote auf das Konto der sogenannten „Terrorismusbekämpfung“ gehen, als auf das Konto des Terrorismus, stellte er insgesamt acht Thesen zu drei Themenbereichen vor:

Themenbereich: Armut und Krieg
These1: Armut erhöht die soziale Brisanz und die Gefahr von Bürgerkriegen. Sie hindert die Menschen daran, sich für ihre Interessen zu engagieren.

Themenbereich: Konfliktive Folgen der Globalisierung
These2: Der Welthandel und die Finanzströme sind zentrumsorientiert. Das relativiert die Globalisierung, die weite Bevölkerungsteile ausklammert.

These3: Der ungleiche Austausch beschert vielen „Entwicklungsregionen“ erhebliche Verluste und erhöht die soziale Ungleichheit. Die Konzentration der Wirtschaft refeudalisiert den Besitz.

These4: Der Globalismus (einseitig wirtschaftlich geprägt) gefährdet im Unterschied zur Globalität den sozialen Zusammenhalt. Er schwächt politische Verbindungen und stärkt autoritäre Strömungen.

Themenbereich: Sozialer Ausgleich
Hier besprach Mäder mehrere Konzepte, wie den ein Aufholen der Entwicklungsländern zu unterstützen versucht wurde bzw. wird oder werden sollte. Dabei konzentrierte er sich vor allem auf die „forcierte Integration in den Weltmarkt“, die er heftig kritisierte, da dieses Konzept an vielen Krisen in Entwicklungsländern schuld sei, und sogenannte „selektive Dissoziation“, dh, man schütz zumindest Teile der eigenen Ökonomie, bis man Produktivkräfte und ausreichende Konkurrenzfähigkeit entwickelt hat.

These5: Die forcierte Integration in den Weltmarkt verstärkt den Ausschluss der Schwachen.

These6: Die selektive Dissoziation verbessert die Disposition zum sozialen Ausgleich und verringert die Wahrscheinlichkeit von Bürgerkriegen.

These7: Moderne theoretische Konzepte vernachlässigen das Konfliktpotential das sich aus einseitigen Abhängigkeiten ergibt.

These8: Das Ende der großen Erzählungen verabschiedet voreilig das friedenspolitische Potential von dependenztheoretischen Ansätzen.

Zum Abschluss nahm Mäder noch kurz zu einer Entwicklung in der Konfliktforschung Stellung. Er habe den Eindruck, das viele, und vor allem junge, Forscher, sich verstärkt der Systemtheorie zu- und der Kritischen Theorie abwenden, ein Trend den er kritisiert und gegen den er sich immer wieder im Gespräch mit den jungen Forschern äußere.

Claudia Haydt, Soziologin und Religionswissenschafterin aus Tübingen, hielt im zweiten Teil des Vormittagsprogramms einen Vortrag zum Thema „Armut, Ressourcen und Konfliktdynamik“. Sie versuchte das Publikum mit folgendem Umfrageergebnis einzustimmen: Bei einer Umfrage der deutschen Bundeswehr hatten 68 % der Befragten folgendem Satz, laut Haydt gegen die Intention der Befrager, zugestimmt: „Konflikte innerhalb eines Staates oder zwischen Staaten lassen sich immer mit friedlichen Mitteln lösen.“

Danach begann sie ihren eigentlichen Vortrag mit einer näheren Betrachtung von Somalia. Das Land war in den letzten 40 Jahren dadurch geprägt, dass die Ressourcen (vor allem Wasser) immer knapper wurden, die Bevölkerung jedoch wuchs. Dies schaffte innere Spannungen. Von außen kam jedoch dazu, dass die staatliche Handlungsfähigkeit durch Interventionen der Industrieländern Stück für Stück verloren ging. So setzte etwa die Weltbank durch, dass der Staat keinen kostenlosen tierärztlichen Dienst und Impfungen für das Vieh mehr anbieten durfte. Auch wurden staatliche Futtervorräte für Krisenzeiten abgeschafft. Die Bauern selbst konnten sich aber weder dass eine noch das andere leisten. In der Folge breiteten sich Krankheiten, zu erst bei den Tieren, dann bei den Menschen aus. Das soziale Gefüge brach zusammen. Durch den Zusammenbruch der Ökonomie verlor auch der Staat wiederum Geld, was dazu führte, dass öffentlich Bedienstete innerhalb kurzer Zeit nur noch 10 % ihres ursprünglichen Gehaltes bezahlt bekamen, womit Korruption praktisch überlebensnotwendig wurde.
Somalia trifftete in den Bürgerkrieg ab. Als es die Bevölkerung geschafft hatte, sich mit einem neuen System zu arrangieren, dem System islamischer Gerichtshöfe, wurde dies wieder von außen zerstört. Auch die aktuelle Hungerkrise trifft Somalia schwer, das Land erhält aber kaum mediale Aufmerksamkeit.

Nach diesem konkreten Beispiel referierte Haydt kurz die Studie „Breaking the conflict trapt“ der Weltbank, über die am Montag bereits Andreas Zumach gesprochen hatte, und aus der der Zusammenhang von Armut und (Bürger)Krieg gut ersichtlich ist.

Sie betonte, dass es auf die politischen Schlussfolgerungen die aus diesen Daten gezogen werden ankomme. Für sie ergebe sich daraus klar eine „responsibility to prevent“, eine Verantwortung der entwickelten Ländern, den Kriegen in den Entwicklungsländern vorzubeugen. In diesem Zusammenhang gab sie zu bedenken, dass die Beziehung zwischen Armut und Demokratie eine schwierige sei. Zynisch könne man sagen, dass man sich Demokratie leisten könne müssen. Es sei einsichtig, dass große Armut leichter von einem autoritären Staat kontrolliert werden könne. Doch falle es auch in die Verantwortung der entwickelten Länder, dafür zu sorgen, dass sich alle Menschen Demokratie leisten können.

Die entwickelten Ländern würden ihr Engagement aber nach ganz anderen Kriterien entscheiden. Betrachte man auf einer Weltkarte etwa die „world oil choke points“, zentrale Punkte des weltweiten Transits von Öl, an denen man diesen entscheidend beinträchtigen könnte, werde einem dies klar. Hier setzten sich die Industrieländer sofort für Stabilität (was man in diesem Zusammenhang mit Kontrolle übersetzte kann) ein. Ebenso direkt in den ölreichen Ländern.

Im Weißbuch der deutschen Bundeswehr wird implizit die Sicherung von Ressourcen als Kriegsgrund genannt, ebenso im European Defence Paper, aus dem ein Weißbuch der EU-Verteidigungspolitik hervorgehen soll.

Mit den Rohstoffen die die armen Länder exportieren, finanzieren sie ihre Kriege, und ermöglichen den reichen Ländern ein „gutes Leben“.

Schon unter Zeitdruck ging Haydt noch kurz auf den Klimawandel ein. Unter dem Slogan „Klimawandel tötet“, nannte sie plakative Beispiele, wie „Alle 10 Tage geht Land in der Größe von Berlin für Bewirtschaftung verloren“ und „3,5 mal die Fläche Europas ist von Verödung bedroht“.

Zum Abschluss betonte sie, dass Friede Startkapital brauche. Bloße Militärpräsenz zur Stabilisierung reiche nicht aus.

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