Internationale Sommerkademie Schlaining: 7. Juli 2008

Der erste Vortrag des Tages war von Peter Lock (EART Hamburg) der über die „Parameter von Kriegen im 21. Jahrhundert oder die Unübersichtlichkeit sozialer Ordnungen unter Bedingungen von Schattenglobalisierung und neoliberalem Chaos“ sprach. Er stellte gleich zu Beginn klar, dass er keinen großen Bogen spannen, sondern einzelne Punkte anreißen wolle.

Der Parameter der Kriege des 21. Jahrhunderts ist die Weltgesellschaft, die starken Veränderungen unterworfen ist. Etwa das Entstehen von Megastädten durch die fortschreitende Urbanisierung. Diese Städte werden, wenn sie es nicht bereits haben, einen hohen Grad an „Unregierbarkeit“ erreichen. Ein anderes Beispiel das Lock nennt, ist das die gesellschaftliche Reproduktion weltweit vom Drang wirtschaftlich Waren zu produzieren determiniert wird. Eine Entwicklung die von IWF und Weltbank gefördert wurde und wird. Das führt zu einem Rückgang der Bauern bzw. Selbstversorger. Dieses Verschwinden der Bauern wirkt sich auch auf die Art von Kriegen aus (Lock sprach in diesem Zusammenhang von der Landwirtschaft als „Lunge des Kriegs“). Das Jugoslawien Milosevics konnte die NATO-Bombadierung 70 Tage überstehen, weil es in diesem Bereich „unterentwickelt“ war, in dem Sinn, dass die Zerstörung der Industrie und Infrastruktur sich nicht so schlimm auf die sich großteils selbsversorgende Landbevölkerung (und auf die Flüchtenden aus den Städten) auswirkte, wie dies in einer auf kurzfristige (just in time)Verfügbarkeit ausgerichtete Ökonomie der Fall gewesen wäre.

Weiters sprach Lock an, das es in den Entwicklungsländern immer mehr Jugendliche gibt, die eine völlig chancenarme Zukunft vor sich haben. Diese müsste man die Teilnahme am Produktionsprozess ermöglichen damit sie Selbstvertrauen gewinnen und so auch Normen anerkennen.

Kurz sprach Lock auch eine weitere Entwicklung an, die die Art und Weise wie Kriege im 21. Jahrhundert aussehen werden, beeinflusst: Es gibt immer weniger junge Männer, die militärisch geschult sind.

Unter „Schattenglobalisierung“ versteht Peter Lock verborgene bzw. nicht dokumentierte Entwicklungen. Konkret sprach er die nicht dokumentierten Millionen von Migranten an, die eine wichtige Stütze der Wirtschaft sind (zB in der Pflege, in diesem Zusammenhang ist auf die Feminisierung der Migration verwiesen worden).

In weiterer Folge kritisierte Lock die pauschale Verdammung von Waffenexporten und Militärausgaben. Er meint, dies geschehe aus bloßer Gewohnheit heraus und plädierte deshalb für eine differenzierende Betrachtungsweise. In vielen Entwicklungsländern ist die bei uns übliche Trennung von Militär und Polizei nicht gegeben, das Heer erfüllt dort auch Polizeiausgaben. Waffenexporte die dazu dienen, dass diese Staaten ihr Gewaltmonopol aufrichten bzw. aufrecht erhalten können, seien nicht verdammens-, sondern viel mehr begrüßenswert. Er lies aber auch die andere Seite nicht unerwähnt und wies darauf hin, dass korrupte Regime besonders gerne Waffen kaufen, da einerseits IWF und Co in Belangen der Sicherheit nicht großartig dreinreden, und andererseits die „Gewinnspanne“ bei Korruptionen im Waffengeschäft besonders groß ist.

Als nächsten Punkt behandelte er die Frage, wie sich die neoliberal konstituierten Gesellschaftsformen im weltweiten Chaos stabilisieren – er sieht die Antwort in der fortschreitenden Perfektionierung und dem hohen Organisationsgrad der Fragmentierung der Gesellschaft . Die zentrale Variable sei hier die biometrische Zugangskontrolle, über die sich zB bereits in Dubai die wenigen Wohlhabenden und Mächtigen vor der Masse der Bevölkerung (der potentiellen Bedrohung) „einbunkern“. Ein weiteres Beispiel sie die Perfektionierung der Architektur der Arpatheit die Israel im Westjordanland betreibe, und damit internationaler Vorreiter und quasi Marktführer sei.

Auf Afghanistan bezogen meinte Lock, dass die Bauern dort nie frei sein würden, etwas anders als Opium anzubauen, solange mit Heroin in den westlichen Absatzmärkten Milliarden zu verdienen seien. Deshalb sprach er sich für eine Legalisierung von Heroin in diesen Staaten aus (zB über ein staatliches Monopol), da dies zur Folge hätte das der kriminelle Markt in kurzer Zeit zusammenbrechen würde, und die Bauern freier wären.

Etwas provokant betrachtete er dann die Beziehung zwischen Kriegen und Zivilgesellschaften. Kriege provozieren eine Reaktion der Zivilgesellschaft, zivilgesellschaftliches Engagement. Dies entterritorialisiert den Konflikt, und schafft und sichert, so seine Beobachtung, in unseren Breiten Arbeitsplätze für Akademiker.

Abschließend zog Lock einen Vergleich zwischen der Instrumentalisierung der christlichen Missionstätigkeit zur Kolonialisierung großer Teile der Welt, und dem Engagement der Zivilgesellschaft. Diese könne ebenso als Rechtfertigung eingesetzt bzw. missbraucht werden. Auch hier plädierte er wiederum für eine differenziertere Betrachtungsweise.

Beim zweiten Redner des Vormittags handelte es sich um den taz-Journalisten Andreas Zumach. Er sprach über das Thema „Armut schafft Kriege – nicht immer, aber fast überall“. Zu Beginn berichtete er, bezugnehmend auf Peter Locks Westjordanland-Beispiel von einer kürzlich unternommenen Reise in dieses Gebiet. Er bekräftigte die Beschreibung und Locks, verwehrte sich dagegen, dass jeder der Israel kritisiert, sofort als Antisemit hingestellt werde, und meinte, das gerade die Menschen, die für ein Existenzrecht Israels eintreten, sich dafür einsetzten müssten, dass Israel seine Politik ändert, denn wenn es diese so wie bisher fortsetzt, wir es Israel in 20 Jahren nicht mehr geben.

Danach gab er grundlegende Definitionen der wichtigsten Wörter seines Vortrags. Bei „Krieg“ orientierte er sich an der Definition der Arbeitsgemeinschaft Kriegsursachenforschung (AKUF)der Uni Hamburg:

In Anlehnung an den ungarischen Friedensforscher István Kende (1917-1988) definiert die AKUF Krieg als einen gewaltsamen Massenkonflikt, der alle folgenden Merkmale aufweist:
(a) an den Kämpfen sind zwei oder mehr bewaffnete Streitkräfte beteiligt, bei denen es sich mindestens auf einer Seite um reguläre Streitkräfte (Militär, paramilitärische Verbände, Polizeieinheiten) der Regierung handelt;
(b) auf beiden Seiten muß ein Mindestmaß an zentralgelenkter Organisation der Kriegführenden und des Kampfes gegeben sein, selbst wenn dies nicht mehr bedeutet als organisierte bewaffnete Verteidigung oder planmäßige Überfälle (Guerillaoperationen, Partisanenkrieg usw.);
(c) die bewaffneten Operationen ereignen sich mit einer gewissen Kontinuierlichkeit und nicht nur als gelegentliche, spontane Zusammenstöße, d.h. beide Seiten operieren nach einer planmäßigen Strategie, gleichgültig ob die Kämpfe auf dem Gebiet einer oder mehrerer Gesellschaften stattfinden und wie lange sie dauern.
Kriege werden als beendet angesehen, wenn die Kampfhandlungen dauerhaft, d.h. für den Zeitraum von mindestens einem Jahr, eingestellt bzw. nur unterhalb der AKUF-Kriegsdefinition fortgesetzt werden.

Als bewaffnete Konflikte werden gewaltsame Auseinandersetzungen bezeichnet, bei denen die Kriterien der Kriegsdefinition nicht in vollem Umfang erfüllt sind. In der Regel handelt es sich dabei um Fälle, in denen eine hinreichende Kontinuität der Kampfhandlungen nicht mehr oder auch noch nicht gegeben ist. Bewaffnete Konflikte werden von der AKUF erst seit 1993 erfaßt.

Bei der Definition von Armut wird es schwieriger, einen kurzen Überblick ermöglicht der Wikipediartikel. Zumach hob den Unterschied zwischen relativer und absoluter Armut hervor, kritisierte aber die verschiedenen Definitionsversuche auch.

Das Armut Kriege schaffen kann, sei, so Zumach, eine empirische Tatsache. Die Studie „Breaking the conflict trap“ der Weltbank etwa berichte, dass bei einem Absinken des Wirtschaftswachstums um 5 % in dem betroffenen Land die Wahrscheinlichkeit eines Bürgerkrieges um 50 % steigt. Umgekehrt sinkt die Wahrscheinlichkeit eines Bürgerkrieges bei einem Anstieg des BIP von 250 USD auf 500 USD um 50 %.

Aber nicht in allen Ländern der hinteren Plätze des UN-Human Development Index gibt es Kriege. Armut ist wohl nicht der einzige Faktor, sondern wird in Kombination schlagend, zB mit signifikanten Einkommensunterschieden in einem Land. Oder bei ausgeprägter horizontaler Ungliechheit (wenn eine soziale Gruppe plötzlich eine starke Verminderung ihrer Chancen erlebt), die von Politiker und „Führern“ zB entlang ethischer oder religiöser Konfliktlinien instrumentalisiert werden kann. Ein anderer Faktor kann die Abhängigkeit des Landes von primären Rohstoffen sein. Bürgerkriege können aber auch in Folge der Schwäche des Staates ausbrechen, wenn dieser keine Ordnung mehr aufrecht erhalten und keinen sozialen Ausgleich mehr herstellen kann.

Die umgekehrte Frage – „schafft Krieg Armut?“ dagegen, ist, betonte Zumach abschließend, eindeutig zu beantworten: Ja.

Am Abend sprach Elmar Altvater, emeritierter Professor der Freien Universität Berlin, über das Thema „Die Kriege der Armen mit den Waffen der Reichen – Regionale Konflikte und ihre globalen Ursachen“. Leider war ich zu müde, um mitzuschreiben.

Eine Antwort zu “Internationale Sommerkademie Schlaining: 7. Juli 2008”

  1. […] völlig unpassende Fragen stellen, oder eben ihre Informationen nur als Frage tarnen. Wenn etwa Peter Lock nach seinem Vortrag gefragt wird, was man gegen die Konzentration der österreichischen Medien tun […]

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