Internationale Sommerkademie Schlaining: 6. Juli 2008

Am heutigen Abend wurde die 25. Internationale Sommerakademie des Österreichischen Studienzentrums für Frieden und Konfliktlösung in der Burg Schlaining eröffnet. Nach drei leider zu lang gehaltenen Begrüßungen durch Veranstalter und Politik hielt Dieter Senghaas, Professor für Friendens-, Konflikt- und Entwicklungsforschung am Institut für Interkulturelle und Internationale Studien der Universität Bremen den Festvortrag „Wege aus der Armut – Entwicklungsgeschichtliche und aktuelle Lehren“.

Vorweg stellte er klar, dass es in seiner Rede um eine positive Botschaft gehe – „Es gibt Wege aus der Armut“. Sein Zugang sei der eines vergleichenden Entwicklungswissenschafters, und als solchem fiel ihm auf, dass die Entwicklungsdiskussionen der letzten 10 bis 15 Jahre, die unter dem Paradigma des bedeutungschwangeren Wortes „Globalisierung“ stehen, an Geschichtsvergessenheit leiden.
Die Problematik unterschiedlicher Entwicklungsstufen und Geschwindigkeiten und die daraus resultierende Problematik des „Nachholens der Entwicklung“ zeichneten sich spätestens ab Mitte des 18. Jahrhunderts von England ausgehend ab.

Hierbei gibt es immer ein Zentrum, das ist die höher entwickelte Ökonomie (Spitzenökonomie) und die sogenannte Peripherie, die im Vergleich unterentwickelte Ökonomie. In diesen kann es ob des Gefühls der Ohnmacht, die sie durch ihre Abhängigkeit vom Zentrum spürt, letztlich sogar zu weitgehender Frustration und zu einem daraus resultierendem Leistungs- und Innovationsstopp kommen. Die Peripherie würde in eine Regression stürzen. Wenn dies nicht passiert, bleibt die Peripherie eine Exklave des Zentrums, ihre Konjunktur hängt von der Nachfrage des Zentrums ab. Andererseits hält Senghaas es auch für Möglich, dass der Kompetenzunterschied zu einer Motivation der Exklave führt, die sich dann besonders anstrengt, um das Zentrum ein- oder sogar überzuholen. Verhältnisse die laut Senghaas beispielsweise sehr gut am Lateinamerika des 19. Jahrhunderts zu erkennen sind.
In seinem weiteren Vortrag thematisierte Dieter Senghaas die Frage „Wie entgeht man der Peripheriesierung?“ anhand der Theorien des Senghaas Meinung nach heute völlig zu Unrecht fast vergessenen Ökonomen Friedrich List (1789-1846). Dieser hat einiges anders gesehen, als die Klassiker Adam Smith und David Ricardo.

List beschreibt den Übergang einiger europäischer Staaten aus dem Feudalismus hin in eine industrialisierte Ökonomie. Er richtet sich gegen die These, Entwicklung sei ein Selbstläufer, und man soll die „invisible hand“ nur machen lassen. Er vertritt wohlüberlegte Staatsinterventionen. Einerseits nach innen, dh good governance und die Bereitstellung von tauglicher Infrastruktur. Andererseits auch nach außen, indem man die eigene Ökonomie vor überlegenen Ökonomien mit Zöllen uä schütz. Letzeres muss aber sehr vorsichtig dosiert sein, und aus vernünftigen Gründen erfolgen, und nicht bloß, weil sich eine Lobby durchsetzt. Ziel ist es, die Ökonomie weder zu unter- noch zu überfordern.
List betont, dass die langfristige Produktion „produktiver Kräfte“, das ist vor allem „geistiges Kapital“, wichtiger ist, als kurzfristige Produktion sich sofort rechnender Waren. Eine große Bedeutung zu Beginn der Industrialisierung einer Ökonomie hat der Zustand der Agrarwirtschaft. Ist diese nicht gut entwickelt, wird die Industrialisierung/Entwicklung nicht gut verlaufen. Senghaas sieht die Thesen Lists traurigerweise in vielen Entwicklungsländern bestätigt.

Seit den 70er und 80er Jahren des 20. Jahrhunderts finden sich die Spitzenökonomien nun aber mit einer Umkehrung der Abhängigkeit konfrontiert. Ihre Märkte werden von Produkten aus den Schwellenländern angegriffen und durchdrungen. Bisher konnten die OECD-Ländern relativ gut damit umgehen, Europa besser als die USA, aber je stärker Indien und China werden, umso schwieriger wird es, und den Spitzenökonomien droht damit eine „Entindustrialisierung“.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.