Contrails over Lisbon, Portugal (from space)

Rettet uns Geoengineering aus der Klimakrise?

Der Klimawandel ist eine menschengemachte Katastrophe. Die Menschheit steht vor einer nie dagewesenen Herausforderung. Enorme Veränderungen in unserer Lebensweise sind die einzige Möglichkeit das Schlimmste zu verhindern. Aber was wenn das nicht notwendig wäre? Das ist das Versprechen von Geoengineering (oder Climate Engineering). Wenn wir das globale Klima mit unserer Technologie ruinieren können, können wir es dann auch technologisch reparieren?

Was ist Geoengineering?

Geoengineering ist keine Verschwörungstheorie. Es hat nichts mit Chemtrails und anderem Unsinn zu tun. Im Kontext der Klimakrise ist es einfach der Sammelbegriff für beabsichtigte technologische Eingriffe in das globale Klima.

Man unterscheidet dabei zwei grundsätzliche Richtungen, die jeweils ein Kernelement des Klimawandels anpacken.

Der Mechanismus hinter der globalen Erhitzung ist bekanntlich der Treibhauseffekt. Die Sonne strahlt Energie auf die Erde, der Planet erwärmt sich, Leben ist möglich. Ein Teil der Wärme wird in den Weltraum abgestrahlt. Hier kommen die Treibhausgase ins Spiel. Die eingehende Sonnenstrahlung kann die Atmosphäre ungestört durchdringen. Aber die Wärmeabstrahlung von der Erde wird teilweise von Treibhausgasen blockiert, bleibt also hier. Je mehr Treibhausgase, desto mehr Wärme bleibt auf der Erde.

Dagegen gibt es im Wesentlichen zwei Arten von Geoengineering: Carbon Dioxide Removal (CDR) und Solar Radiation Management (SRM). Bei CDR geht es darum, Treibhausgase wie CO2 aus der Atmosphäre zu entfernen. Bei SRM geht es darum, die Sonnenstrahlung die auf die Erde trifft zu reduzieren.

Für beide Kategorien gibt es eine Menge Ideen. Sogar darüber, riesige Lichtfiltern oder Spiegel im Weltraum zwischen Sonne und Erde zu platzieren, wird nachgedacht. Am populärsten ist derzeit wahrscheinlich die Idee, Schwefeldioxid in die Stratosphäre zu fluten. Dort würden daraus Schwefelaerosole entstehen, die die Sonneneinstrahlung reflektieren. Inspiriert ist diese Idee von Vulkanausbrüchen. Wirbelt ein Vulkan buchstäblich genug Staub auf, hat das in der Geschichte der Erde schon öfter zu längeren Phasen der Abkühlung geführt. Um das CO2 in der Atmosphäre zu reduzieren (CDR), wurde unter anderem „Eisendüngung“ vorgeschlagen. Dabei düngt man buchstäblich Teile der Ozeane mit Eisen. Das fördert Algenwachstum und Algen binden CO2.

Das klingt doch gut, oder? Wenn wir das Problem technologisch lösen können ist der Klimawandel keine Gefahr mehr und wir müssen unsere Lebensweise nicht ändern. Und genau da fangen die Probleme an.

Die Gefahren von Geoengineering

Geoengineering greift per Definition in globale Systeme ein, die wir nicht vollständig verstehen. Was wir nicht vollständig verstehen, können wir nicht im Labor/Computer simulieren. Es ist nicht absehbar, welche Risiken drohen. Das ist eine eigene Art von Problem. Nicht nur wissen wir, das es gewisse Gefahren gibt, sondern wir wissen auch, dass wir nicht wissen, ob es nicht noch viel schlimmer kommen könnte. Wenn man nicht ausschließen kann, dass Geoengineering das Klima erst recht für menschliches Leben auf der Erde ruiniert, ist es vielleicht doch keine so attraktive Option. Allerdings kann man dieses Argument gegen Geoengineering auch umdrehen. Dann besagt es, dass gerade deshalb extra in Forschung in diesem Bereich investiert werden muss.

Ein schwieriger zu lösendes Problem nennt sich Moral Hazard (oder moralische Wagnis). Einfach gesagt geht es um die Gefahr, sich mehr oder weniger absichtlich von Geoengineering ablenken zu lassen. Und zwar von den tatsächlich moralisch gebotenen und dringend notwendigen Maßnahmen zur Treibhausgasreduktion. Mit Geoengineering im Hinterkopf kommt man leichter auf die Idee den bequem Weg zu nehmen. Selbst wenn man den Klimawandel und seine katastrophalen Folgen einsieht und Geoengineering für problematisch hält, besteht die Gefahr der Selbsttäuschung. Nämlich es so weit eskalieren zu lassen, bis man zur Entscheidung zwischen globaler Katastrophe und Geoengineering gezwungen ist. Dann hat man sich nie aktiv für Geoengineering ausgesprochen, bis es die einzige Alternative war. Mit Geoengineering als Ausweg im Hinterkopf ist man anfällig dafür, die notwendigen Veränderungen nicht mit dem notwendigen Nachdruck zu verfolgen.

Es ist leicht in diese Selbsttäuschung zu verfallen. Nehmen wir zum Beispiel Werner. Werner würde nie freiwillig seinen linken Arm aufgeben, kein vernünftiger Mensch würde das ohne (medizinische) Notwendigkeit tun. Wenn eine allmächtige AI Werner vor die Wahl stellt, in Zukunft täglich dreimal Zähne zu putzen, oder sich den Arm amputieren zu lassen, würden wir alle dreimal täglich unser Zähne putzen. Aber die AI fügt jeden Tag neue Aufgaben hinzu. Alle an sich nicht schlecht. Laufen gehen, Krafttraining, Gehirntraining, Meditation, und so weiter. Mehr und mehr von Werners Leben wird verplant. Seine gesamte Existenz wird komplett auf den Kopf gestellt und alle seine Gewohnheiten werden gebrochen. Er kann nicht mehr mit dem Auto spazieren fahren, er muss laufen. Er kann nicht mehr rauchen, er muss Yoga machen. Er darf nur noch Obst und Gemüse essen, keine Süßigkeiten. Er darf nicht mehr ins Internet, sondern muss meditieren. Sex wird durch Gesundheitsschlaf ersetzt, Masturbation durch Yoga. Alles gesunde oder zumindest nicht per se schädliche Veränderungen, aber grundlegende und totale Veränderungen. Und im Hinterkopf hat Werner immer, dass ihn die AI wieder alles machen lassen würde, was er will, wenn er sich nur den Arm amputieren ließe. Seinen linken Arm zu verlieren ist nicht notwendig, aber es wird mit jedem Tag und jeder neuen vorgeschriebenen Veränderung verlockender.

Die Gefahr unbeabsichtigter und unvorhergesehener Folgen kann man durch Forschung und die Auswahl weniger riskanter Methoden reduzieren. Moral Hazard kann man mit Transparenz und Kontrollmechanismen managen. Aber nur, wenn man will. Denn das Klima technologisch zu kontrollieren ist eine verlockende Option. Die Alternative, die grundlegende und totale Veränderung der globalen Verhältnisse hin zu einer einer CO2-negativen Lebensweise, ist eine enorme Herausforderung.

Abhängigkeit von Geoengineering

Aber nur eine CO2-negative Lebensweise bietet langfristig Stabilität. Denn der Einsatz von Technologie würde bedeuten, ein System zu stabilisieren, dass ohne Eingriffe brutal zusammenbrechen würde. Und das birgt ein enormes Gefahrenpotenzial. Es erzeugt offensichtliche Abhängigkeit: Die Technologie, die eingesetzt wird, muss dann immer eingesetzt werden. Sonst kracht alles zusammen. Wer auch immer diese Technologie kontrolliert, kontrolliert den Fortbestand der menschlichen Zivilisation. Und falls die Technologie versagt oder aus anderen Gründen nicht mehr eingesetzt werden kann (Unruhen, Revolutionen, Kriege, etc.) droht erst recht die globale Erhitzung.

Wenn vor allem Carbon Dioxide Removal eingesetzt würde, wäre das vielleicht noch zu bewältigen, weil es dauert, bis der Treibhauseffekt wieder voll in Schwung kommt. Aber wir haben absolut kein realistisches Szenario CDR in dem Ausmaß einzusetzen. Die als etwas realistischer gehandelten Konzepte sind vor allem Solar Radiation Management. Und wenn das ausfällt, setzt die Erhitzung sofort mit aller Härte ein, mit allen katastrophalen Folgen.

Selbst wenn die technologischen Hürden bewältigt werden, birgt die Frage wer das globale Klima kontrolliert buchstäblich Sprengkraft. Wer entscheidet auf welchen Stand das Klima kontrolliert werden soll? Was ist mit Staaten, die vom derzeitigen Stand des Klimawandels profitieren, weil z.B. Land, Seewege und Ressourcen leichter zugänglich sind, wenn das Eis wegschmilzt? Werden die akzeptieren, dass das Rad der Zeit zurückgedreht werden soll, oder nur, dass der Klimawandel nicht weiter fortschreiten soll? Wer entscheidet das? Wer kontrolliert das? Wer bezahlt das alles? Was wenn die Welt sich auf Technologie als Not- und Übergangslösung einigt, aber dann einige Staaten nie mit dem Übergang anfangen?

Geoengineering klingt verlockend, bis man darüber nachdenkt, welche Risiken damit verbunden sind. Gerade die politischen Gefahren bleiben bestehen, selbst wenn wir die perfekte Technologie entwickeln und bis ins letzte Detail verstehen, wie das globale Klima und die Atmosphäre funktionieren.

Angesichts der apokalyptischen Bedrohung ist Furcht verständlich. Die politische Nichtreaktion lässt viele Menschen verzagen. Der Tag mag kommen wenn Geoengineering die einzige Option ist. Doch dieser Tag ist noch fern. Heute müssen wir dafür kämpfen, der Versuchung standzuhalten.

Die Klimakrise und das Ende der Welt (wie wir sie kennen).

Dieser Text ist Teil einer Serie zur Klimakrise. Kommende Teile werden sich u.a. mit den moralischen und politischen Problemen von Geoengineering und der Frage wie das Ende der Welt aussehen würde, beschäftigen. Um über neue Beiträge informiert zu werden, kannst du dich ganz einfach in den E-Mail Verteiler eintragen.

Foto: NASA/JPL/UCSD/JSC

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