Parteien und das Internet

Die Grünen Vorwahlen sind der bislang größte und erfolgreichste (im Sinn von Breitenwirkung und Wahrgenommen werden) Versuch im österreichischen Web 2.0 Politik zu machen, bzw. diese beiden Bereiche zu verbinden. Das ist durchaus schwierig, den im Regelfall stehen einander dabei zwei verschiedene Zugangsweise zum Medium Internet gegenüber.

Die kleine Web 2.0 Community schätzt es als transparentes und leicht zugängliches Medium. Sie fordert Offenheit und gute Handhabung ein. Politikern gegenüber besteht spätestens seit dem Wahlkampf von Barack Obama eine sehr hohe Erwartungshaltung. Diese sollen ein ordentliches Blog betreiben, Twitter verstehen und richtig nutzen, etc. Vor allem aber sollen sie, ähnlich der Entwicklung von Open Source, offen über Entscheidungsprozesse und Ideen, und nicht erst über Entscheidungen schreiben. Sie sollen das Web 2.0 nicht nur im Wahlkampf nutzen, sondern um seiner selbst Willen.

Dem stehen die Parteien gegenüber. Dort gibt es zwei große Gruppen. Die eine, die mit dem Internet nichts anfangen kann oder es nutzt, um E-Mails zu schreiben und Nachrichten lesen. Die zweite Gruppe ist die, die bemerkt hat, dass es da „etwas Neues“ gibt. Spätestens seit der breiten medialen Berichterstattung über den Einsatz des Webs von Obama wächst diese Gruppe. In der Regel einigen sich diese Gruppen darauf, dass es nicht schaden kann, das Web 2.0 zu benutzen, außerdem ist es nicht teuer und auch nicht mit viel Aufwand verbunden. Denn – auch die zweite Gruppe weiß nur dass es das Web 2.0 gibt, aber nicht richtig, was man damit anfangen soll, oder wieso es 2.0 ist. Dabei steht alles bei Wikipedia:

Der Begriff „Web 2.0“ bezieht sich […] primär auf eine veränderte Nutzung und Wahrnehmung des Internets. Die Benutzer erstellen, bearbeiten und verteilen Inhalte in quantitativ und qualitativ entscheidendem Maße selbst, unterstützt von Wikis, Blogs und Mikroblogs, Foto- und Videoportalen. Die Inhalte werden nicht mehr nur zentralisiert von großen Medienunternehmen erstellt und über das Internet verbreitet, sondern auch von einer Vielzahl von Nutzern, die sich mit Hilfe sozialer Software zusätzlich untereinander vernetzen [7] sowie Social-Bookmarking-Portale, aber auch die schon länger bekannten Tauschbörsen sowie Politcommunitys und Virtuelle Welten.

Parteien sehen es aber anders. Für sie sind Twitter und Co neue Vertriebskanäle. Das eigene Blog, YouTube, Flickr, Facebook, etc. werden mit den Inhalten, die man für die potentiellen Wähler bereithält, gefüllt. Inzwischen erlaubt man meist zumindest schon Kommentare. Eine Diskussion findet nicht statt. Es wird aber auch gar nicht dazu eingeladen. Wenn die Parteien auf die Web 2.0 Community treffen, kommt es zu einem blinden aneinander vorbeireden. Politiker zählen einfach auf, wo sie registriert sind und was sie nicht schon alles online gestellt haben.

Die Web 2.0 Community versteht in der Regel nicht, dass die Parteien wirklich glauben, ihre Arbeit gut gemacht zu haben, und reagieren mit (teilweise arroganter bis größenwahnsinniger, so als würden die Parteien grade 500.000 Wähler vertreiben) Kritik. Das wiederum wird von den Parteien nicht verstanden, die das Web 2.0 dadurch, und wohl auch durch geringer Userzahlen, nur noch weniger ernst nehmen. Dabei stehen die Politiker auch vor einem praktischen Problem. Ein intensiver Web 2.0 Einsatz ist für keinen Spitzenpolitiker möglich. Aber wer will schon die Tweets von Werner Faymanns zweitem Sekretär von links lesen?

4 Antworten zu “Parteien und das Internet”

  1. Andy sagt:

    Wie Obama das geschafft hat, ist mir sowieso ein Rätsel – der wird doch nicht etwa mehr Zeit gehabt haben als unsere Spitzenpolitiker?

  2. tobi sagt:

    Ich glaube, dass wir noch wesentlich länger für diese Entwicklung brauchen als Deutschland, wo man sich auch schon beschwert, dass die Politik die Elemente des web2.0 nicht verwendet. Österreich hat dafür viel zu wenig technikaffinie Wähler, um diese Gruppe zu einer relevanten Zielgruppe werden zu lassen.
    Wobei wir hier ja die geeigneten Voraussetzungen habe: In den meisten Teilen Österreichs haben wir Breitbandinternet und UMTS-Netz. Frage ich aber irgendjemanden, ob er Internet übers Handy benutzt, bekomme ich nur Antworten, das sei zu teuer (was nicht stimmt) oder dass man nicht so ein Freak sei (was noch weniger stimmt).

  3. Das Problem liegt auf beiden Seiten. Einerseits überschätzt sich die Blogosphäre in Österreich immer wieder total andererseits wird das Web2.0 wie Du schön beschreibst von der Politik lediglich als zusätzlicher Vertriebskanal wahrgenommen. Die Politik begreift dabei nicht, dass mit wenig Aufwand ein für alle Seiten positiver Diskurs entstehen kann oder vielleicht fürchtet man auch diesen Diskurs.
    Abgesehen von einigen Grünen, ist ja zumindest Swoboda auf dem richtigen Weg auch wenn seine Tweets noch etwas hölzern wirken. Aber gerade das macht ihn authentisch.
    Obama für den Web2.0 Wahlkampf als Beispiel zu bemühen halte ich für verfehlt. Obama ist einfach ein Ausnahmepolitiker, der auch ganz ohne Web Präsident geworden wäre. Und nur Ausnahmepolitiker schaffen es auch so viele Menschen im Web2.0 zu mobilisieren.

  4. Eine interessante Analyse, die zu einem nicht unerheblichen Teil auch zutrifft. Allerdings tut sich da gerade was. Die SPÖ zum Beispiel versucht gezielt JungwählerInnen mit politischen Inhalten anzusprechen und sie in Diskussionen einzubinden, d.h. Feedbackmöglichkeiten zu geben – anders als etwa Bumsti Strache, der das mit Rundenschmeißen tut. Und das auch bei jungen Menschen, die nicht SPÖ wählen werden. Hier steht der Diskurs im Vordergrund.
    Die Webkampagne ist durchaus beeindruckend, wenn man sich die Homepage ansieht.
    http://www.spoe.at/euwahl/
    Viel mehr Plattformen kann man seriöserweise nicht nützen. Dahinter steht nicht nur die Löwelstraße. Junge AktivistInnen machen die Arbeit und sie erarbeiten den Content eigenständig. Eine zentrale Kontrolle ist nicht vorgesehen. Wozu auch? Auch im Wahlkampf auf der Straße funktioniert das nur bedingt. Wie man WählerInnen die eigenen Ziele vermittelt, die Motivation dabei zu sein, mitgestalten zu wollen – da kann die SPÖ Grundlagen zur Verfügung stellen. Will man das authentisch rüberbringen, muss man sich die eigene Strategie, das eigene Auftreten aber selbst zurechtlegen. Kritik an der eigenen Partei inklusive. Im Internet ist das nicht prinzipiell anders – mit dem Unterschied, dass hier auch Menschen mitmachen können und wollen, deren Bindung zur Sozialdemokratie eine losere ist.
    Und ich sage das nicht nur aus persönlicher Sympathie sondern nach einem langen, eingehenden Vergleich: Der Webwahlkampf der SPÖ ist der mit Abstand professionellste, modernste und offenste in diesem EU-Wahlkampf, gefolgt von den Grünen. Und in beiden Fällen nicht nur aus Kalkül sondern aus Verständnis für das Medium Internet heraus.
    Siehe auch http://www.politwatch.at/stories/euphorie-und-sinnfreiheit/
    Dass es noch nicht mit Obama vergleichbar ist, liegt sicher daran, dass es in Österreich noch kaum Erfahrungen damit gibt. Aber manche sind auf dem richtigen Weg.

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