Macht Adolfburg aus Judenburg

Ansicht der Stadt Judenburg mit Wappen

Im roten Schild einen „rechtsgekehrten, weißen, mit Judenhut bedeckten Judenkopf“ zeigt das Wappen der steirischen Stadt Judenburg. Deren Name kommt von einer alten jüdischen Handelsniederlassung an der stark frequentierten Handelsroute nach Venedig. Dieser Name war, wie das Wappen, nach dem „Anschluss“ Österreichs 1938 Gegenstand gewisser Aufregung – und für Alternativvorschläge, deren Absurdheitsgrad bis zu Adolfburg stieg. Doch während das Wappen im September 1939 geändert wurde (der „Judenkopf“ wurde durch einen Torturm auf gezinnter Stadtmauer ersetzt), behielt die Stadt ihren Namen das ganze „Tausendjährige Reich“ hindurch.

Unter dem Titel „Zirbitz-, Adolf- oder Jubelburg“1 hat Dr. Michael Schiestl, Obmann des Museumsvereins Judenburg, Auszüge aus dem in diesem Zusammenhang entstandenen Briefverkehr veröffentlicht. Interessant sind dabei nicht nur die Briefe der staatlichen Einrichtungen (welche die Bestrebungen der Stadt zur Änderung ihres Namens zeigen, und klären warum es nicht dazu kam) sondern auch die Zuschriften aus der Bevölkerung der „Ostmark“ und sogar aus dem „Altreich“. Aus Archivmaterial wie diesem spricht immer wieder, wie Schiestl schreibt, „nicht der Geist des Unmenschen, das im nachhinein oft beschworene Dämonische des Nationalsozialismus“.2 Vielmehr zeigt es „die gemeinhin akzeptierte Menschenverachtung in der Hülle des Menschlich-Allzumenschlichen, die Niedertracht im Kleid eines betulichen Patriotismus“3, was diese furchtbare Episode der Geschichte Österreichs erst möglich gemacht hat.

Adolfburg

Schiestl hat 13 der 15 erhaltenen Schriftstücke, großteils vollständig, in chronologischer Reihenfolge veröffentlicht. Den Anfang macht am 25. März 19384 Paul Andreas Müller aus Brünn. Er schlägt vor den Namen der Stadt in Adolfburg zu ändern, und begründet dies wie folgt:

[…]Bekanntlich ist dem ersten und gerechtesten Deutschen, Ihrem Führer Adolf Hitler, alles, was mit Juden zusammenhängt und jüdisch klingt, mit vollem Recht verhaßt.[…]

Tags darauf, am 3. April 1938, wendet sich der Amtswalter von Judenburg an niemand geringeren als Adolf Hitler selbst, mit der Bitte

[…] diese Stadt von ihrem, sie geradezu schmähenden Namen zu befreien und ihr einen Namen zu geben.[…]

Eine Antwort aus Berlin ist nicht erhalten. Dafür schrieb gleich am nächsten Tag, dem 4. April 1938, Hugo Motz aus Essen dem Bürgermeister von Judenburg, dass er beim Versuch sich „Erfüllt von der Freude über die geniale Aufrichtung des „Großdeutschen-Reiches“ mittels Atlas mit dem Gebiet vertraut zu machen, „mit einigem Mißbehagen“ Judenburg gefunden hat. Er schlägt vor die Stadt in Jubelburg umzutaufen, denn:

[…]Es wäre ein Beitrag, alles zu verbannen, was an Juden und Unterdrücker erinnert; der neue Name „Jubelburg“ dagegen könnte als ewiges Erinnerungszeichen für den Jubel, mit dem Hitler in Oesterreich am 12./13./3. 38 begrüßt und gefeiert wurde, gewertet werden.[…]

Die Stadt selbst war in der Sache durchaus aktiv, daher erhielt das Gemeindeamt einen auf 6. April 1938 datierten Brief von Landeshauptmannstellvertreter Gaubauernführer Sepp Hainzl mit der Mitteilung, dass die Stadt einen Vorschlag machen muss, wenn sie einen neuen Namen will.

Auf 20. August 1938 schließlich datiert das Schreiben, dass die Träume von „Adolfburg“  zunichte machte. Es handelt sich um das „Gutachten des Archives über Änderung des Namens der Gemeinde Judenburg“ des Historikers und Landesarchivars Dr. Fritz Popelka. Darin erklärt er den historischen Ursprung des Namens und stellt fest, dass eine Namensänderung vom historischen Standpunkt aus zu bedauern wäre. In der Folge teilt der Amtswalter dem Landesarchiv am 14. Oktober 1938 mit, dass ein Antrag auf eine Änderung des Namens im Moment wenig wahrscheinlich ist, aber dass er das Wappen ändern möchte. Selbes schreibt er, mit dem Hinweis sich der im Gutachten vertretenen Meinung anzuschließen, am 19. Dezember 1938 der Bezirkshauptmannschaft.

Doch der deutsche Geist gibt sich nicht geschlagen, und schreibt am 19. Hornung[5. Februar] 1939 in Gestalt des Treubund für deutsche Sprache und Schrift aus Detmold an die Stadt Judenburg, dass sie getreu der Losung des Führers „Ausmerzung alles Jüdischen aus unserem Volke und Reiche“ ihren Namen ändern soll, und schlägt „Gutenburg oder Godenburg“ vor, da „man an die Donau-Goten denken könnte, die einst in der Steiermark gesessen haben“. Doch auch diesen Vorschlag macht das Landesarchiv zunichte. Denn bereits am 6. März 1939 ergeht die lapidare Mitteilung, „daß in Steiermark Goten nicht siedelten“.

Dann scheint es ruhig geworden zu sein. Doch am 8. Mai 1944 verfasst in Wolfsberg Stabszahlmeister Friedrich Balkolmer einen ausführlichen Brief an den Stadtrat von Judenburg in dem er feststellt:

[…]Die Juden wurden vertrieben, alles „Jüdische“ ausgemerzt. Nur einer schönen Bergstadt ist ihr Name Judenburg geblieben.[…]

Als „Berg- und Naturfreund“ schlägt er vor, Anleihen beim nahe gelegenen Zirbitzkogel zu nehmen und die Stadt in „Zirbitzstadt, Zirbitzburg, Zirbitzberg oder Zirmburg“ umzubenennen.

Schon am 10. Mai 1944 erging eine Antwort an Balkolmer, in der ihm die Vorgeschichte in zwei Sätzen dargelegt wird. Das Schreiben schließt, fast könnte man ob der Vertröstung in eine Zukunft von der man wissen kann, dass es sie nicht geben wird, an einen Witz oder verborgene Ironie denken, mit den Worten

[…] Während des Krieges dürfte es voraussichtlich zu einer Änderung des Namens nicht kommen.[…]

Foto: Brezocnik Michael [CC BY-SA 3.0 AT] und Didinium [CC BY-SA]

  1. Schiestl, Michael: Zirbitz-, Adolf- oder Jubelburg. Dokumente des „gesunden Volksempfindesn“. In: Berichte des Museumsvereins Judenburg. Heft 33. 2000. S. 23-32
  2. ebd. S 25
  3. ebd.
  4. Die Wehrmacht war am 12. März 1938 einmarschiert

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