Die Klimakrise und das Ende der Welt Knapp kommentiert

Klimawandel: Dürfen wir nicht mehr mit dem Auto fahren und in den Urlaub fliegen?

Der menschengemachte Klimawandel hat das Potential schrecklicher Zerstörung. Ohne Gegenmaßnahmen ist die globale Erhitzung eine existenzielle Bedrohung für die menschliche Zivilisation. Also höchste Zeit mehr mit dem Rad zu fahren, oder?

Dabei gibt es nur ein Problem. Für das globale Klima macht es keinen Unterschied ob ich mit dem Rad oder dem SUV fahre. Die Treibhausgasemissionen die mir, persönlich, zugerechnet werden können, sind für den Klimawandel vollkommen irrelevant.

Das Problem mit der Verantwortung

Der Philosoph John Nolt wollte dieses argumentative Problem nicht hinnehmen. Er argumentiert, dass in der Folge der Klimakrise eine durchschnittliche Person in den USA durch ihre Emissionen zwei zukünftige Menschen schwer schädigt oder sogar tötet. Das ist ein spannender Ansatz, um individuelle Verantwortung zu konstruieren. Nur leider funktioniert er nicht.

Nolts Berechnung nimmt den gesamten zu erwartenden Schaden durch den Klimawandel und teilt ihn auf jenen Anteil auf, den die durchschnittliche amerikanische Person an allen jemals von Menschen verursachten Treibhausgasen hat. Ronald Sandler, ein anderer Philosoph, weist darauf hin, dass hieraus keine moralische Verantwortung folgt. Die Berechnung verteilt lediglich statistischen Schaden nach statistischen Emissionen. Für Verantwortung müsste man aber zeigen, dass man einen Unterschied machen kann. Nolt kann das aber nicht zeigen, weil die durchschnittliche Person für den Klimawandel keinen Unterschied macht.

Zur Veranschaulichung ein paar Zahlen (wenn dich das nicht interessiert überspring zwei Absätze). Nolts Durchnittsmensch ist für 1.840 Tonnen an CO2 verantwortlich. Das klingt erst einmal nach viel. Aber nur, solange man die Zahl nicht mit dem Gesamtproblem vergleicht. Stand Oktober 2019 waren durchschnittlichen 409,09 ppm CO2 in der Atmosphäre. 1 ppm entspricht ungefähr 7,81 Gigatonnen CO2, also sind in etwa 3.199 Gt CO2 in der Atmosphäre. Oder anders gesagt, 3.195.000.000.000 t. 1.840 t sind 0.0000000576 % davon. Nolts Berechnung ist komplexer, aber sie löst das Problem nicht, dass diese simple Rechnung illustriert. 0.0000000576 % mehr oder weniger CO2 machen keinen Unterschied.

Ich würde die Irrelevanz gerne graphisch illustrieren, es gibt aber ein Problem. Selbst wenn ich den 1.840 t nur ein einziges Pixel zuteilen würde, müsste ich für die Gesamtanzahl der Emissionen in der Atmosphäre 1.736.413.043 Pixel verwenden. Das wäre ein Quadrat mit einer Seitenlänge von rund 41.670 Pixel. Ein Ultra HD Monitor hat eine Auflösung von 3840 × 2160 Pixel. Die Grafik würde also knapp 209 solcher Monitor füllen. Das Scrollen ersparen wir uns alle lieber.

Verantwortung wem Verantwortung gebührt

Es scheint kaum Sinn zu machen, jemand Verantwortung für einen Zustand zuzuschreiben, den man nicht verändern kann. Das erzeugt ein äußert unbefriedigendes Gefühl, man will nicht zu diesem Ergebnis kommen. Aber vielleicht weist das auf ein grundsätzliches Problem mit dem ganzen Zugang hin. Wenden wir uns daher von der Philosophie hin zur Politik (für die philosophisch an diesem Problem interessierten gebe ich unten weitere Literurhinweise).

Der Versuch individuelle Personen dafür verantwortlich zu machen, den Klimawandel zu stoppen, führt zu offensichtlichen Problemen, weil individuelle Personen keinen Unterschied machen können. Aber man kann Emissionen nicht nur nach Personen aufteilen. Anstatt zu versuchen Menschen ein schlechtes Gewissen zu machen, weil sie auf Urlaub fliegen, könnten wir doch einfach jene in die Verantwortung nehmen, die von den Emissionen profitieren.

20 Konzerne verantworten etwas mehr als ein 1/3 aller energiebezogenen Emissionen (nicht nur CO2, sondern auch Methan) seit 1965. Warum dieses Jahr? Weil spätestens ab diesem Zeitpunkt allen hauptverantwortlichen Personen in Politik und Industrie klar sein musste, welche Konsequenzen die massive Produktion von Treibhausgasen auf die Erdatmosphäre haben wird.

Einer dieser 20 Konzerne, BP, spielte eine wesentliche Rolle darin, die Idee des CO2 Fußabdrucks populär zu machen, und so den Diskurs in Richtung individueller Verantwortung zu verschieben.

Große Konzerne können einen Unterschied machen. Alleinerzieher*innen die mit dem Auto fahren, weil es mit den Kindern praktischer ist, nicht. Familien die einmal im Jahr auf Urlaub fliegen nicht. Arbeiter*innen die nach 12 Stunden körperlicher Arbeit nicht mit dem Fahrrad pendeln wollen nicht. Senior*innen die sich kein E-Bike leisten können nicht. Die allermeisten Menschen können keinen Unterschied machen. Wir leben in einer extrem ungleichen Welt. Das reichste 1 % der Weltbevölkerung verursacht bis zu 30 Mal mehr Emissionen als die ärmsten 50 %. Wir sollten nicht über Leute diskutieren, die auf Urlaub fliegen, sondern über die Ausbeuter*innenklasse, die den Planeten mit Privatjets zerstört.

Die Klimakrise und das Ende der Welt (wie wir sie kennen)

Dieser Text ist Teil einer Serie zur Klimakrise. Kommende Teile werden sich u.a. mit den moralischen und politischen Problemen von Geoengineering und der Frage wie das Ende der Welt aussehen würde, beschäftigen. Um über neue Beiträge informiert zu werden, kannst du dich ganz einfach in den E-Mail Verteiler eintragen.

Literatur

  • Nolt, John (2011): How Harmful Are the Average American’s Greenhous Gas Emissions? Ethics, Policy and Environment 14 (19), 3-10, DOI: 10.1080/21550085.2011.561584.
  • Sandler, Ronald (2011): Beware of Averages: A Response to John Nolt’s ‚How Harmful are the Average American’s Greenhouse Gas Emissions?‘ Ethics, Policy and Environment 14(1), DOI 10.1080/21550085.2011.561591.

Zur Etablierung des philosophischen Problems

  • Kingston, Ewan/Sinnot-Armstrong, Walter (2018): What’s Wrong with Joyguzzling? Ethical Theory and Moral Practice 21 (1), 169-186, DOI: 10.1007/s10677-017-9859-1.
  • Sinnott-Armstrong, Walter (2005): It’s not my fault: Global Warming and Individual Moral Obligations. In Sinnott-Armstrong, Walter/Howarth, Richard (eds.): Perspectives on climate change. Science, economics, politics, ethics (Advances in the economics of environmental resources 5). Amsterdam, Elsevier, 285-307.

Philosophische Lösungsversuche (eine kleine Auswahl)

  • Baatz, Christian/Voget-Kleschin, Lieske (2019): Individuals’ Contributions to Harmful Climate Change: The Fair Share Argument Restated. Journal of Agricultural and Environmental Ethics 32, 569–590, DOI 10.1007/s10806-019-09791-2.
  • Knights, Paul (2019): Inconsequential Contributions to Global Environmental Problems: A Virtue Ethics Account. Journal of Agricultural and Environmental Ethics 32, 527-545, DOI 10.1007/s10806-019-09796-x.
  • Nefsky, Julia (2019): Collective harm and the inefficacy problem. Philosophy Compass 14 (4), DOI 10.1111/phc3.12587.

Zur philosophischen Frage wie Verantwortung für historische (vergangene) Emissionen zu bewerten ist

  • García‑Portela, Laura (2019): Individual Compensatory Duties for Historical Emissions and the Dead-Polluters Objection. Journal of Agricultural and Environmental Ethics 32, 591-609, DOI: 10.1007/s10806-019-09798-9.

Foto: Marcus Kauffman/Unsplash

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