Inhalt und Begründung der Menschenwürde

Die Menschenwürde ist ein zentraler Bestandteil der Menschenrechte. Aber mehr noch, aus ethischer und rechtsphilosophischer, vor allem in Deutschland auch rechtsstaatlicher Sicht dient sie oft als Begründung der Menschenrechte. Doch diese Position ist nicht unumstritten. Nicht wenige namhafte Theoretiker glauben oder befürchten, dass das deutsche Grundgesetz auf einem leeren Begriff aufgebaut ist. Andere, wie Heiner Bielefeldt, Leiter des Deutschen Instituts für Menschenrechte, denken dies nicht.

Anlässlich 60. Jahrestags der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte und des 60. Geburtstags des deutschen Grundgesetzes veröffentlichte Bielefeldt die Studie “Menschenwürde. Der Grund der Menschenrechte” (über die ich kurz gebloggt habe), die aber mehr eine Einführung als eine Verteidigung bzw. Rechtfertigung oder Letztbegründung geworden ist.

Über die Frage was genau der Inhalt der Menschenwürde ist, und wie man sie begründen kann, hab ich im Rahmen meines Philosophiestudiums eine Arbeit geschrieben, die ich hier nun leicht überarbeitet und gekürzt online stelle.

Mit der Verwendung des Begriffs Menschenwürde ergibt sich meist das Problem, dass alle Beteiligten überzeugt scheinen, die Menschenwürde auf ihrer Seite zu haben, ja manchmal sogar ihre letzten Verteidiger zu sein. Es ist ein in der Literatur vieldiskutiertes Problem, dass der Begriff einerseits ein so großes Gewicht hat, dass, zumindest in einer öffentlichen Debatte, kaum jemand wagt ihm gegenüber eine ablehnende oder relativierende Position zu beziehen, er aber andererseits so unklar ist, dass es allen gelingt, sich als Vertreter und Verfechter der Menschenwürde zu fühlen bzw. darzustellen.

Menschenwürde ist in den Diskussionen über Präimplantationsdiagnostik (PID), Stammzellenforschung, therapeutisches Klonen, etc. direkt oder indirekt (z.B. enthalten in einer Formulierung des kategorischen Imperativs) so präsent, dass sich die Frage, ob er überhaupt einen Inhalt hat, auf den ersten Blick gar nicht stellt, sich bei genauerem Hinsehen aber ob der oft widersprüchlichen Positionen die sich darauf stützen, geradezu aufdrängt. Mehr noch, selbst wenn der Begriff einen allgemeingültigen Inhalt hat, braucht es auch eine allgemeingültige Begründung. Ansonsten kann Menschenwürde als bloße Idee abgelehnt werden.

Dazu habe ich mich vor allem mit Texten von Micha Werner und Franz Wetz näher beschäftigt, aber auch mit darüber hinausgehender Literatur (siehe unten).

Franz Wetz schreibt: „Die Würde des Menschen ist zwar ein Schlagwort der Gegenwart mit höchster Rechtsbedeutung, diesem haftet aber eine merkwürdige Vagheit an, die es mit anderen hohen populären Begriffen wie ‚das Schöne‘ oder ‚das Gute‘ teilt.“. Micha Werner betont wie wichtig es ist, den Verdacht, „dass ‚Menschenwürde‘ überhaupt ein beliebig interpretierbarer Begriff ohne echten normativen Gehalt“ ist, zu untersuchen, da er doch nicht weniger als „das oberste Verfassungsprinzip“ Deutschlands betrifft.

Werner unterscheidet den Begriff Menschenwürde von einer „Menschenwürdenorm“, womit die Verpflichtung gemeint ist, „die Menschenwürde der Handlungsbetroffenen zu achten und zu schützen.“. Beim Begriff der Norm orientiert er sich unter anderem an Robert Alexy, der im Rahmen seiner „Theorie der Grundrechte“ vom Normenbegriff festhält, was wir schon ähnlich über den Menschenwürdebegriff gehört haben, nämlich „daß er […] in fast jeder Bedeutung vage ist und stets Streit entsteht, wenn er aus der Ruhe einer selbstverständlichen Verwendung gerissen wird, Streit, der kein Ende nehmen will.“
Dem kann ich hier nicht weiter nachgehen, da der Normbegriff nicht primärer Gegenstand der Arbeit ist. Zunächst werde ich Micha Werner folgen, wenn er versucht, die einzelnen Konfliktfelder der Debatte offen zu legen, und etwas Klarheit über den Begriff der Menschenwürde zu gewinnen. Sein Ausgangspunkt ist der einer „vorsichtigen, diskursethisch inspirierten Reformulierung des kantischen Würdekonzepts“ auf der seine Interpretation der Menschenwürdenorm basiert.

Zum Zwecke dieser Untersuchung betrachtet er das deutsche Grundgesetz, dessen oberstes Prinzip wie bereits erwähnt die Wahrung der Menschwürde ist: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ Für Franz Wetz sind mit Unantastbarkeit zwei Aussagen getätigt, „einerseits, dass die Würde nicht zerstört werden kann, […]; andererseits, dass sie nicht verletzt werden darf, […]“. Demnach ist Menschenwürde also das Wesensmerkmal jedes Menschen, ob seines Menschseins einen unbedingten Wert zu haben. Darüber hinaus ist sie aber auch der konkreter Auftrag sich der eigenen Würde, und der aller anderen bewusst zu sein, und entsprechend zu handeln.
Für Werner bringt erst der nächste Absatz des Grundgesetzes mehr Klarheit. Dort heißt es „Das deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten […]“. Das darin vorkommende „darum“ ist zentral, denn wie Werner ausführt, wird damit die Menschenwürde als „Pflicht zu Achtung und Schutz der Menschenrechte“ konkretisiert. Würde man bei diesem Stand verbleiben, wäre die Menschenwürde die Grundlage der Menschenrechte und der Pflicht diese zu achten, obwohl nicht ersichtlich scheint, dass sie mehr Inhalt hat, als die Sammlung eben dieser. Es erscheint unverständlich, wieso eine Menschenwürde ohne eigenen Gehalt, bloß als Grund die Menschenrechte zu achten und zu bewahren postuliert, dieser Grund sein kann. Vielmehr hat es den Anschein, dass die Menschenwürde einen eigenen normativen Gehalt haben muss, um die Menschenrechte sowie die Pflicht zu deren Achtung und Einhaltung begründen zu können.
Werner führt dazu aus, dass Menschenwürde primär ein moralischer Begriff ist, dessen philosophische Tradition lang ist (von der antiken Ethik der Stoa über die christliche Überlieferung bis zur Moralphilosophie Kants). Aus dieser ergibt sich das mehrheitlich anerkannte Verständnis, dass „Menschenwürde dem Menschen als Vernunftwesen zu[kommt], als einem Wesen, das zu vernünftiger, d.h. auch sittlicher Selbstbestimmung fähig ist.“. Dies bringt aber lediglich eine besondere Auszeichnung des Menschen zum Ausdruck. Die Frage nach Begründung und Inhalt der Menschenwürdenorm ist damit nicht beantwortet.
Die Frage nach dem Inhalt lässt sich, so Werner, durch das vorher gesagte leicht beantworten. Es ist „die Pflicht, dasjenige zu wahren, worauf sich die Zuschreibung der Menschenwürde bezieht – die vernünftige Selbstbestimmung.“. Die Fähigkeit dazu ist, so Werner weiter, von Voraussetzungen abhängig, wie es etwa die Freiheit von äußerem Zwang und körperliche und geistige Gesundheit sind. Daher impliziert die Pflicht die Würde des Menschen zu achten, auch seine Fähigkeit zu vernünftiger Selbstimmungen und alle dafür notwendigen Voraussetzungen zu achten und zu bewahren.

Soweit haben Wetz und Werner eine Antwort auf die Frage nach dem Inhalt des Begriffes Menschenwürde und der Menschenwürdenorm gegeben. Wie aber sieht es mit der Begründung dieser Norm aus?

Wetz unterscheidet drei Ansätze, die um die Begründung der Menschenwürde miteinander konkurrieren, die religiös-christliche Position (a), die vernunftphilosophische Position (b) und die radikal-säkulare Position (c):

(a)Die Würde des Menschen gründet hier darauf, dass er Gottes Ebenbild ist. Diese Ebenbildlichkeit zeigt sich in der Personalität, dem freien Willen und der Vernunft des Menschen. Diese Position wird nach Wetz vor allem von Kirchen und deren Anhängern vertreten.

(b)Der Eigenwert des Menschen erwächst aus seiner Fähigkeit zu moralischer Selbstbestimmung und vernünftigem Handeln. An diesen Ansatz knüpfen vor allem moderne Rechtsstaaten an. Neuere vernunftphilosophische Versuche die Würde des Menschen zu begründen, gehen vor allem von der Diskursethik aus. Zu dieser Position kann man wohl Micha Werner zählen, wie weiter unten hoffentlich ersichtlich wird.

(c)Hier wird die Würde vom Umgang der Menschen mit sich und miteinander, sowie vom Staat mit seinen Bürgern, abhängig gemacht. Die Würde wird nicht mehr als Wesensmerkmal des Menschen gesehen, sondern nur als Gestaltungsauftrag. Sie ergibt sich erst aus dem Respekt und Wert den sich die Menschen als verletzliche und selbstbestimmte Wesen wechselseitig zusprechen und der Unterstützung die sie sich als Rechtssubjekte entgegenbringen.

Wetz selbst kann wohl letzterer Position zugerechnet werden. Er meint, dieses Würdebild sei „angesichts der beschriebenen Zerbrechlichkeit und ständigen Gefährdung des menschlichen Lebens“ nicht schwer zu verstehen. In einer Analyse der „Schwachstellen der gebräuchlichen Würdebegriffe“ verwirft er das religiös-christliche Würdebild, da es nicht allgemeingültig begründet werden kann. Nur für den Gläubigen an diesen bestimmten Gott dieser bestimmten Religion ist es verbindlich. Auch habe sich dessen Inhalt in der Geschichte der Religionen immer wieder verändert.

Ähnliches gelte für das vernunftphilosophische Würdeverständnis. Dieses sei „geschichtlich und weltanschaulich eingefärbt und daher als oberste Leitidee eines Regelwerks mit kulturinvariantem Gültigkeitsanspruch ebenfalls ungeeignet“. Zwar könne man viele ethische Grundsätze der kantischen Moralphilosophie an sich verallgemeinern, der Hintergrund aber bleibe fragwürdig. Nach Kant sei der Mensch ein „zweigeteiltes Geschöpf […]: ein heteronomes Sinnen- und autonomes Vernunftwesen.“. Dies werde nicht nur durch die Erkenntnisse der Naturwissenschaften unplausibel, es sei auch nicht einzusehen, warum Vernunftbesitz und Freiheit als solche bereits einen absoluten Wert darstellen.

Auch Werner meint, dass der Versuch aus der Fähigkeit zu vernünftiger Selbstbestimmung einen Anspruch auf Wahrung dieser Fähigkeit abzuleiten, zunächst wie ein klassischer Sein-Sollen-Fehlschluss erscheint, versucht aber mittels einer Rekonstruktion der kantischen Intention mit Mitteln der gegenwärtigen Philosophie zu zeigen, dass dieser Vorwurf ins Leere geht. Denn wenn „wir einem Wesen Vernunftfähigkeit zuschreiben, dann bedeutet das immer schon, dass wir uns zu ihm in ein Verhältnis wechselseitiger Anerkennung setzten.“. Wenn wir einem Gegenüber zuerkennen, ein Vernunftwesen zu sein, so müssen wir implizit ein Recht auf vernünftige Selbstbestimmung (und die Voraussetzungen für diese Fähigkeit) zuerkennen. Die Ausführungen Werners sind an diesem Punkt, wie er schreibt „zweifellos in vieler Hinsicht unzureichend“, er äußert sich nicht näher zu dem, von ihm kurz beschriebenen Fall, dass wir unser Gegenüber von vornherein „zum bloßen Objekt einer empirisch-naturwissenschaftlichen Beobachtung machen (oder herabwürdigen)“. Wenn wir einem Wesen a priori keine Vernunftfähigkeit zuerkennen indem wir erst gar nicht in ein Kommunikationsverhältnis mit ihm treten, kann es auch nicht zu der wechselseitigen Anerkennung kommen. Es müsste daher, denke ich, in der Menschenwürdenorm etwas enthalten sein, dass bei einem Aufeinandertreffen von Vernunftbegabten notwendig zu einem (An)Erkennen der jeweiligen Vernunftbegabtheit führt.

Wetz meint in seiner Kritik dieser Begründungsbemühungen, dass „aus der angenommenen Denknotwendigkeit der Würde keineswegs [folgt], dass es sie deshalb bereits gibt. Aus einer bloßen ‚Bedingung der Möglichkeit‘ darf nicht auf ein werthaftes Wesensmerkmal geschlossen werden.“.

Es muss in unserer liberalen, pluralistischen Weltöffentlichkeit darum gehen, eine von jeder kulturellen Einfärbung unabhängige Konzeption von Würde zu finden, nur eine solche habe eine Chance auf breite Anerkennung. Die Würdebegriffe der ersten beiden Positionen (Würde auch als Wesensmerkmal) aber würden ohne weltanschauliche Hintergrundannahmen leer bleiben. Über die Neutralität, die der religiös-christlichen und der vernunftphilosophischen Position fehlt, verfüge die radikal-säkulare Position. Ihre „anthropologisch fundierte Würdeauffassung nur noch als Gestaltungsauftrag“ orientiert sich nicht „am Gesunden, Erfolgreichen, Schönen und Starken als vielmehr Kranken, Gescheiterten, Hässlichen und Schwachen“.

Sie geht von der Selbsterkenntnis der Einzelnen als endliche, verwundbare und leidensfähige Wesen aus. Aus dieser lasse sich leicht die Vorzugswürdigkeit eines Lebens ohne Leid erkennen. Aber warum an das Wohl anderer denken? Wetz meint, „aus recht verstandenem Eigeninteresse, nach dem wir schon deshalb wollen sollten, dass auch anderen gewährt werde, was wir für uns selbst als Mindeststandard beanspruchen, weil wir nur so mittelfristig die Erfüllung der eigenen Wünsche und Interessen sichern können.“

So unklar er in dieser Ausführung letztlich bleibt, so trotzig will er präventiv gegen mögliche Einwände anschreiben, wenn er meint, dass wem „solche Beschreibungen ohne absolute Begründung nicht reichen […] dem wird ein Mehr an Begründung sicherlich auch nicht genügen, und sei es auch ein allgemeingültiger Vernunftsatz oder absolutes Gottesgebot.“

Tatsächlich scheint ein Mehr an Begründung durchaus sinnvoll, bei Wetz Ausführungen tut sich auch Werner leicht, die teilweise vorhandene Inkonsistenz zu kritisieren. Wetz hatte geschrieben, dass die Voraussetzungen des kantischen Würdeverständnisses nicht allgemein begründungsfähig wären. Aber die auch von Wetz vertretenen Menschenrechte lassen sich allein aus der Verletzbarkeit des Menschen nicht begründen. Daher müsse Wetz selbst auf die eigentlich als „vernunftphilosophisch“ abgelehnte Annahme des Menschen als zur vernünftigen Selbstbestimmung fähigen Wesens zurückgreifen.
Auch Wetz‘ Verzicht auf die Menschenwürde als Eigenschaft gehe geradezu am Kern der Sache vorbei, da die „personalen Eigenschaften, auf die sich die Zuschreibung von Würde gründet, und die soziale Relation, in der Personen einander als Personen – und damit als Würdewesen anerkennen und achten, sind immer schon […] aufeinander bezogen“ gewesen. Gerade dieses wechselseitige Voraussetzungsverhältnis sei vermutlich der Schlüssel zur Begründung der Menschenwürdenorm, so man ihr nicht einen vom traditionellen Verständnis weit abweichenden Inhalt geben möchte.

Nachdem Werner sich mit Inhalt und Begründung der Menschenrechtswürdenorm beschäftigt hat, analysiert er, wieso es trotz des von ihm behaupteten klaren normativen Gehalts der Norm immer wieder zu einem oft nicht endenden Streit darüber kommt, welche Konsequenzen diese Norm für konkrete praktische Probleme hat. Es erscheint so, dass sich derlei Streitigkeiten vor allem an vier Fragen entzünden:
„1. Wem kommt der Menschenwürdeanspruch überhaupt zu [Werner nennt es, und ich werde mich dem im Folgenden anschließen, Inklusionsproblem]?
2. Von welchem Punkt an stellt die Einschränkung eines Rechts eine Menschenwürdeverletzung dar [Schwellenproblem]?
3. Was gilt, wenn verschiedene Rechte, die Bestandteil der Menschenwürdegarantie sind, kollidieren [Kollisionsproblem]?
4. Inwieweit schütz die Menschenwürdenorm auch die ‚Natürlichkeit‘ des Menschen vor dem Zugriff anderen – impliziert sie so etwas wie ein ‚Recht auf Schicksal‘ [Unverfügbarkeitsproblem]?“

(a)Inklusionsproblem: Wenn die Basis des Menschenwürdeanspruchs die Fähigkeit zu vernünftiger Selbstbestimmung ist, müssten dann nicht Mitglieder der biologischen Art Mensch, die darüber nicht verfügen, wie etwa Embryonen oder schwer geistig Behinderte, von diesem Anspruch ausgeschlossen bleiben? Während man bei ersteren noch auf das Argument der potentiell zukünftig vorhandenen Vernunftfähigkeit zurückgreifen kann, fällt dieses Argument für andere, Werner nennt als weiteres Beispiel Apalliker, die niemals über diese Fähigkeit verfügen werden, weg. Aber auch das Potentialitätsargument scheint mir nicht haltbar. John Harris bringt dies gut auf den Punkt, wenn er schreibt dass „die bloße Tatsache, daß etwas ein X werden wird […] noch kein guter Grund [ist], es so zu behandeln, als wäre es tatsächlich bereits ein X. Wir werden alle unweigerlich sterben, aber das ist vermutlich kein guter Grund, uns jetzt bereits als Tote zu behandeln.“.

Eine Modifizierung oder einfache Ausdehnung des Menschenwürdebegriffes lehnt Werner ab. Dies würde die Substanz des Begriffs auflösen, und erscheint ihm auch gar nicht allgemein begründbar. Eine plausible Lösung des Problems könnte es sein, Menschenwürde weiterhin Kern auf Vernunftfähigkeit zu beziehen und für eine Ausdehnung der Menschenwürdegarantien darüber hinaus Zusatzargumente zu suchen. Als ein solches untauglich ist der Versuch, darauf hinzuweisen dass die Betroffenen Angehörige einer Art sind, deren Mitglieder normalerweise vernunftfähig sind. Dies würde zu einem Widerspruch führen, da einerseits die Vernunftfähigkeit, andererseits die Artzugehörigkeit die Grundlage der Würde sein solle. Reduktion auf die Artzugehörigkeit, auch wenn diese ein klares Kriterium wäre, würde die oben analysierte Begründung der Menschenwürde erodieren lassen. Zielführender scheint Werner der Gedanke, dass auch alle Vernunftfähigen durch Unfall oder Krankheit in einen Zustand der Vernunftunfähigkeit geraten könnten, weshalb sie vernünftig nicht wollen können, das Menschen die nicht vernunftfähig sind, vom Schutz durch die Menschenwürdenorm ausgeschlossen werden.

(b)Schwellenproblem: Auf die Frage ab wann eine Handlung die Menschenwürde verletzt, weiß auch Werner keine konkrete Antwort. Er arbeitet sich am Beispiel der fremdnützigen Forschung an Nichteinwilligungsfähigen ab, um am Ende festzustellen, dass eine Antwort auf dieses Problem „komplizierter ist, als manchmal von Vertretern beider Seiten angenommen wird.“. Es scheint tatsächlich auf diese Problematik keine allgemeingültige Antwort, etwa eine Formel in die man einsetzt, zu geben.

(c)Kollisionsproblem: Klarerweise kann die Menschenwürdenorm wie Werner sie im Sinne des Grundgesetzes der BRD versteht, mit keiner anderen Norm in dem Sinn kollidieren, dass sie nicht die „stärke“ wäre. Aber es kann zu einer Kollision von an sich gleichwertigen Schutzinhalten der Menschenwürdenorm kommen. Ein klassisches Beispiel hierfür ist die so genannte Sterbehilfe. Hier stehen die Achtung der Autonomie und die Achtung des Lebens eines Menschen in einem Widerspruch zueinander. Wie im Fall des Schwellenproblems scheint eine allgemeingültige Lösung, die man auf jeden Fall einer Kollision anwenden kann, nicht möglich.

(d)Unverfügbarkeitsproblem: Diese Frage betrifft das Verhältnis von Natürlichkeit und Menschenwürde. Garantiert die Menschenwürde ein Recht auf Zufälligkeit? Davon betroffen sind gentechnische Verfahren, von der Keimbahntherapie (das Erbgut wird verändert und somit wird die Veränderung an alle Nachkommen weitergegeben) bis hin zum „Designerbaby“. Der zentrale Punkt bei dieser Problemstellung ist, dass man die Betroffenen nicht fragen kann. Es muss entschieden werden, ob es ihre Menschenwürde verletzt, wenn sie nicht zufällig, sondern geplant entstehen. Es wird argumentiert, sei ein solches geplantes Schicksal kein Schicksal im eigentlichen Sinne, sondern Fremdbestimmung. In diesem Fall könnten sich die Betroffenen nach Habermas nicht mehr als „verantwortliche Autoren einer eigenen Lebensgeschichte betrachten und […][sich] gegenseitig als ‚ebenbürtige‘ Personen achten […]“.

Ich habe die meisten Themen hier nur angeschnitten, viel nur kurz erwähnt, die meisten Fragen und Probleme überhaupt außen vor gelassen. Die wenigen Punkte, die ich aufgegriffen habe, konnte ich nur zu einem kleinen Teil analysieren, Lösungsansätze wagte ich erst gar nicht anzudenken. Dennoch habe ich mich bemüht, in diesem beschränkten Rahmen, die wichtigsten Punkte auszuformulieren, wenn auch nur knapp.

Anhand der Aufsätze von Micha H. Werner und Franz Josef Wetz mit der Frage nach dem Inhalt des Begriffes Menschenwürde sowie der Frage nach der Begründung der Menschenwürdenorm (die Verpflichtung, die Menschenwürde der Handlungsbetroffenen zu wahren und zu achten) auseinandergesetzt. Während sich die beiden Autoren über den Inhalt nicht widersprechen, wenngleich sie ihre Antworten auf gänzlich verschiedenen Wegen finden, besteht über eine mögliche Begründung keine Einigkeit. Werner versucht eine um Elemente der Diskursethik angereicherte Begründung der Menschwürdenorm in der Tradition von Kant. Diese kritisiert Wetz als untauglich, da sie kulturabhängig sei, im Gegensatz zu seinem radikal-säkularen Ansatz. Dieser verzichtet darauf, die Menschenwürde als Eigenschaft des Menschen zu sehen, und sieht sie bloß als Gestaltungsauftrag. Dieser Verzicht aber gehe, kritisiert Werner, am Kern der Sache vorbei, gerade im wechselseitigen Voraussetzungsverhältnis von personaler Eigenschaft und sozialer Relation sei vermutlich der Schlüssel zur Begründung der Menschenwürdenorm zu finden.

Literatur (Partnerlinks)
Alexy, Robert: Theorie der Grundrechte
Habermas, Jürgen: Die Zukunft der menschlichen Natur. Auf dem Weg zu einer liberalen Eugenik?
Harris, John: Der Wert des Lebens. Eine Einführung in die medizinische Ethik.
Werner, Micha H.: Menschenwürde in der bioethischen Debatte. In: Kettner, Matthias (Hg.): Biomedizin und Menschenwürde. S. 191-220.
Wetz, Franz, J.: Menschenwürde als Opium fürs Volk. Der Wertestatus von Embryonen. In: Kettner, Matthias (Hg.): Biomedizin und Menschenwürde. S. 121-149.
Wetz, Franz J.: Illusion Menschenwürde: Aufstieg und Fall eines Grundwerts

4 Antworten zu “Inhalt und Begründung der Menschenwürde”

  1. Bartolome sagt:

    Ein sehr interessanter Beitrag den ich hier gefunden habe, ist wirklich wahr. Die Menschenrechte sollten doch in jedem Land unserer Erde gewahrt werden. Egal welcher Religion, Hautfarbe und Herkunft der Mensch auch ist. Er ist und bleibt ein Mensch mit seinen ganz eigenen Charakterzügen und das sollte respektiert werden.

  2. Bartolome sagt:

    Ein sehr interessanter Beitrag den ich hier gefunden habe, ist wirklich wahr. Die Menschenrechte sollten doch in jedem Land unserer Erde gewahrt werden. Egal welcher Religion, Hautfarbe und Herkunft der Mensch auch ist. Er ist und bleibt ein Mensch mit seinen ganz eigenen Charakterzügen und das sollte respektiert werden.

  3. Christian sagt:

    Natürlich sind Menschenrechte sehr wichtig und man darf auf gar keinen Fall was daran ändern, aber wir sehen die Menschenrechte anders als in anderen Ländern. Und hier eine gemeinsame Einigung zu finden ist nicht einfach. Denn was bei uns hier in Deutschland ganz normal ist, wird in anderen Ländern mit dem Tode bestraft. Wie soll man so krasse Ansichten ändern? Das ist glaube ich nicht so einfach. Aber ich würde es mir schon sehr wünschen, dass alle Menschen endlich gleich und gut behandelt werden.

  4. Christian sagt:

    Natürlich sind Menschenrechte sehr wichtig und man darf auf gar keinen Fall was daran ändern, aber wir sehen die Menschenrechte anders als in anderen Ländern. Und hier eine gemeinsame Einigung zu finden ist nicht einfach. Denn was bei uns hier in Deutschland ganz normal ist, wird in anderen Ländern mit dem Tode bestraft. Wie soll man so krasse Ansichten ändern? Das ist glaube ich nicht so einfach. Aber ich würde es mir schon sehr wünschen, dass alle Menschen endlich gleich und gut behandelt werden.

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