In der Klimakrise ist es tatsächlich fünf nach zwölf

Die Klimakrise ist keine Bedrohung, die man noch verhindern könnte. Sie ist Realität. Der Klimawandel hat längst begonnen. Menschliche Aktivitäten sind die hauptsächliche Ursache der laufenden globalen Erhitzung, deren Folgen uns erst langsam bewusst werden. Selbst für den zunehmend illusorisch erscheinenden Fall, dass das 2-Grad-Ziel erreicht werden sollte, hat der Weltklimarat (IPCC) erhebliche Risiken für menschliche Gesundheit, Ernährung, Wasserversorgung, Sicherheit und wirtschaftliche Entwicklung berechnet.

Dieser Text ist der erste Teil einer Serie zur Klimakrise mit dem Titel Das Ende der Welt wie wir sie kennen… Der Titel bezieht sich auf eine fundamentale Wahrheit des menschengemachten Klimawandels, die oft nicht wirklich ausgesprochen wird, obwohl wir es implizit schon wissen. Die Klimakrise bedeutet tatsächlich das Ende der Welt, so wie wir sie derzeit kennen.

Diese Welt hat mit dem Klimawandel ein Phänomen geschaffen, dass nur zwei Optionen zulässt: Entweder die Welt ändert sich so, dass wir sie aus heutiger Sicht nicht wiedererkennen oder die globale Erhitzung bedeutet das Ende menschlicher Zivilisation. Das heißt nicht, dass die Menschen aussterben werden. Aber die künftigen Generationen die voll vom Klimawandel erfasst werden, müssten unter Umständen leben, die nichts mit unserer Vorstellung von moderner globaler Zivilisation zu tun haben.

Menschen sind freilich nicht die einzige Lebensform, die von der menschengemachten Klimakrise betroffen ist. Wir befinden uns im Anthropozän, dem Erdzeitalter in dem die Menschheit zu einem der wichtigsten Faktoren für biologische, geologische und atmosphärische Veränderungen auf der Erde geworden ist. Menschliche Aktivitäten haben katastrophale Konsequenzen für das Leben auf dem Planeten.

Das sechste große Massenaussterben

Derzeit findet das sechste großen Massenaussterben statt. Gerardo Ceballos und Kollegen haben, die Rate, in der Arten zwischen bisherigen großen Massenaussterben verschwunden sind, mit dem aktuellen Artensterben vergleichen. Dabei haben sie sehr vorsichtige Annahmen gemacht. Und dennoch ist die derzeitige, im wesentlichen menschengemachte, Rate ist nicht 10 oder 20 Mal höher, nicht 30, 40 oder 50 Mal, nicht 75 Mal, nein, die Rate ist 100 Mal höher. Die globale Erhitzung ist nicht der einzige Auslöser für den massiven Verlust von Arten, aber ein wesentlicher Einfluss darauf.

In einer Metaanalyse von 131 wissenschaftlichen Veröffentlichungen zum Thema hat Mark Urban ausgerechnet, dass bei einem Temperaturanstieg um 2 °C 5 % der derzeit lebenden Arten aussterben würden, mit höheren Temperaturen steigt der Prozentsatz. Derzeit sind wir eher auf Kurs in Richtung 4 °C bis zum Ende des 21. Jahrhunderts. In diesem Fall würden 16 % der Arten der Klimakrise zum Opfer fallen. Dabei darf man nicht vergessen, dass Arten, die nicht aussterben trotzdem teilweise massiv in Mitleidenschaft gezogen würden.

Es ist (noch nicht) zu spät

Es ist buchstäblich fünf nach zwölf. Selbst wenn wir jetzt sofort global aufhören würden Treibhausgase zu produzieren, würde das den Klimawandel nicht mehr stoppen oder umkehren. Susan Solomon und Kollegen haben analysiert, dass die Veränderungen, die bereits passiert sind oder im Gang sind für mindestens 1000 Jahre bestehen bleiben. So lange dauert es bis die atmosphärischen Temperaturen vom Einfluss der menschengemachten Treibhausgase frei sind.

Das soll nicht heißen, dass es Zeit ist, die Hände in den Schoß zu legen und sich auf wärmeres Wetter und das Ende der Welt wie wir sie kennen einzustellen. Noch besteht ein Zeitfenster, in dem die schlimmsten Szenarien abgewendet werden können. Aber nicht mehr lange. Und über allen Szenarien hängt das Damoklesschwert des galoppierender Treibhauseffekt. Dieser würde eintreten, wenn die Klimakrise Veränderungen auslöst, die zum Treibhauseffekt so stark beitragen, dass selbst die Einstellung menschlicher Emissionen die globale Erhitzung nicht mehr stoppen könnte.

Ein sich selbstverstärkender Treibhauseffekt ist das Alptraumszenario. Timothy Lenton und Kolleg*innen warnen in nature vor Kipppunkten im Klimasystem. Wesentliche Teile des Systems könnten an einen Punkt gelangen, an dem sie schlicht kollabieren. Der Regenwald ist ein besonders gefährdetes Beispiel dafür. Erreichen wir mehrere solcher Kippunkte, drohen sie sich kaskadenartig zu verstärken. Das wäre eine existenzielle Bedrohung für die menschliche Zivilisation.

Wir wissen nicht, wann wir diese Punkt erreichen werden. Aber wir wissen, was notwendig ist, um diese fatale Entwicklung zu stoppen. Der Ausstoß von Treibhausgasen muss sofort massiv reduziert werden. Und zwar global. Ein Land oder ein Kontinent machen nicht genug Unterschied. Die Staaten, die es sich leisten können, ihre Wirtschaft auf eine gewaltige Reduktion von Treibhausgasen umzustellen, müssen dafür sorgen, dass es sich die anderen Staaten auch leisten können. Es ist fünf nach zwölf.

Die Klimakrise und das Ende der Welt (wie wir sie kennen)

Dieser Text ist der erste Teil einer Serie zum menschengemachten Klimawandel. Die kommenden Beiträge werden sich u.a. mit der Frage individueller Verantwortung im Angesicht der Klimakrise und den moralischen und politischen Problemen von Geoengineering beschäftigen. Um informiert zu werden wenn diese Texte online gehen kannst du ganz einfach neue Beiträge per E-Mail abonnieren.

Literatur

Foto: Matt Howard/Unsplash

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4 Antworten zu “In der Klimakrise ist es tatsächlich fünf nach zwölf”

  1. […] menschengemachte Klimawandel hat das Potential schrecklicher Zerstörung. Ohne Gegenmaßnahmen ist die globale Erhitzung eine existenzielle Bedrohung für die menschliche […]

  2. […] Thema „Green New Deal“ besetzen will. Aber das mit Abstand wichtigste Thema der Gegenwart, die Klimakrise, wird nur in einer merkwürdig nichtssagenden Formulierung erwähnt („Jährliche […]

  3. […] eine Frage der Gerechtigkeit, sondern würde der Republik Handlungsspielräume im Kampf gegen die Klimakrise, zur Finanzierung der Pflege, etc. eröffnen. Es ist höchste Zeit für die […]

  4. […] keine Verschwörungstheorie. Es hat nichts mit Chemtrails und anderem Unsinn zu tun. Im Kontext der Klimakrise ist es einfach der Sammelbegriff für beabsichtigte technologische Eingriffe in das globale […]

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