Grazer Hauptplatz: Krone skandalisiert mal wieder

Ich spaziere ins nächste Geschäft, kaufe mir eine Jause und gehe zur Kasse. Dort fällt mein Blick auf die „Kronen Zeitung“, die titelt, dass es dem österreichischen Grippe-Opfer wieder gut geht. Doch etwas weiter unten auf der Titelseite finden sich zwei kleine Boxen. Die eine berichtet von einem „Zicken-Krieg Carla gegen Letizia“, die darunter über „Dealer, „Alkis“, Süchtige: Grazer Hauptplatz belagert“. Das weckte mein Interesse, immerhin bin ich Grazer und öfter am Hauptplatz.
Angeblich, so die „Krone“, haben die Grazer „die Zustände auf dem Hauptplatz satt“. Die „Zustände“ sind folgende:

Vor allen Augen wird gedealt – auch unschuldige Jugendliche werden angesprochen – und randaliert. Viele trauen sich gar nicht mehr auf den Platz.

Bernd Milenkovics, Chef der Adler-Apotheke am Hauptplatz berichtet dies der „Krone“. Weiters erzählt er, dass „Leute mit einem Rezept zu uns [kommen], dann verkaufen sie die Ware gleich ums Eck.“ Außerdem berichtet er von Stammkunden die aus Angst nicht mehr am Hauptplatz aus der Bim steigen, sondern über Umwege in die Apotheke kommen, und von Jugendlichen die sich bei Dunkelheit nicht mehr in Seitengassen des Hauptplatzes trauen.
Milenkovics ist Sprecher der Initiative „Hauptplatz aktiv„, die sich als „unpolitische Plattform für alle, denen ein schöner, zum verweilen einladender Hauptplatz am Herzen liegt, und die ihn mit hochwertigem Leben und Treiben erfüllen möchten“ versteht.

  1. Ich habe keine Angst am Hauptplatz, ich gehe nachts durch die Seitengassen dort, mir ist noch nie etwas passiert. Ich kenne auch niemanden, der vorm Hauptplatz Angst hat, oder dem dort etwas passiert ist. Das ist kein großartiges Argument, aber es spielt in derselben Liga wie das der „Krone“ bzw. von Bernd Milenkovics. Kriminalstatistik, polizeiliche Schwerpunktaktion, ein Interview mit Sozialarbeitern oä liefern beide ja nicht.
  2. Es gibt Apotheker, die Substitol uä. nur aushändigen wenn es direkt in der Apotheke eingenommen wird. Nicht dass ich das toll finde, aber wenn Herr Milenkovics ein solch massives Problem sieht, könnte er die Kunden doch einfach ins Nachtdienstzimmer (oder sonst einen Nebenraum) bitten.
  3. Was so schlimm daran ist, dass ein „unschuldiger Jugendlicher“ auf die Frage „Brauchst was?“ ein „Nein“ antworten muss, bleibt mir schleierhaft.
  4. War das jetzt ein Artikel ohne Recherche oder eine nicht gekennzeichnete Werbeeinschaltung für „Hauptplatz aktiv“?
  5. Was versteht „Hauptplatz aktiv“ bitte unter „hochwetigem Leben“ (ich verstehe schon, dass hochwertiges Leben gemeint ist, aber was bitte soll das sein)?
  6. Ja, es gibt am Hauptplatz offensichtlich „Punks“ die große Teile ihres Tages dort verbringen und die meiste Zeit Alkohol konsumieren. Ja. Und? Deren Lebensentwurf ist meinem, und dem der meisten Menschen, fremd. Ja. Und? Tut das jemand weh? Mir nicht.
  7. Ja, Graz hat vermutlich (sehr wahrscheinlich) zu wenig Polizei auf der Straße, um ein stabiles „öffentliches Sicherheitsgefühl“ zu gewährleisten. Oft ist man einfach dem (üblichen) Gefühl überlassen, dass wenn etwas passiert, niemand da ist, der mir hilft, und dass etwas passieren kann, weil niemand da ist, der es verhindert. Das ist aber in psychologisches Problem einer Angstgesellschaft, und keines des Grazer Hauptplatzes.
    Dennoch bin ich mir sicher, wird der Grazer Bürgermeister Siegfried „Verbote sind an und für sich gut“ Nagl nach dem Alkoholverbot (das nichts gebracht hat) und dem Aufstellen (von inzwischen wieder entfernten) Pflanzen eine weitere kreative Maßnahme findet, um „nicht hochwertiges Leben“ vom Hauptplatz fernzuhalten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.