Gesichtserkennung: Österreich führt Vorstoß für EU-weit vernetzte Datenbanken an

Eine Wand voller Überwachugnskameras und davor eine weibliche Figur mit abstraktem Gesicht um Datenpunkte zu symbolisieren

Gesichtserkennung ist auf dem Vormarsch und die Möglichkeiten für den Ausbau des Überwachungsstaates scheinen grenzenlos. In Österreich dürfte man sich dafür besonders begeistern. Eine Gruppe von 10 EU-Staaten, angeführt von der Alpenrepublik, will alle Gesichtserkennungsdatenbanken in der EU miteinander vernetzen. Das berichtet The Intercept, denen die entsprechenden Dokumente von einer besorgten Person zugespielt wurden.

Schon jetzt sind Datenbanken über Fingerabdrücke und DNA in der EU entsprechend miteinander verbunden. Das heißt, Daten die in einem EU-Land, aus welchen Gründen auch immer, gespeichert werden, sind dann in allen EU-Ländern abrufbar. In vielen EU-Ländern gibt es auch entsprechende Vereinbarungen mit den USA.

Im Prinzip klingt es ja auch vernünftig, auf solche Daten zugreifen zu können, wenn sie vorhanden sind. Kriminalität ist schließlich nicht an Landesgrenzen gebunden. Aber die technologischen Möglichkeiten des Überwachungsstaates sind schon jetzt gewaltig.

Das Missbrauchspotential solcher Gesichtserkennungsdatenbanken ist enorm. Insbesondere wenn man bedenkt, dass es EU-Staaten gibt die sich sehr autoritär entwickeln oder Demokratie gleich ganz abschaffen. Im Intercept Artikel weist Edin Omanovic von Privacy International auch explizit darauf hin. Bei Gesichtserkennung verschärft sich die Problematik aber noch zusätzlich.

Denn Gesichtserkennung ist keine logische Erweiterung von Fingerabdrücken und DNA, sondern grundverschieden. Sie ermöglicht eine Person zu verfolgen. Je mehr Kameras der Staat anzapfen kann, desto lückenloser ist die Information über das Verhalten eines Menschen. Das geht weit über die Identifikationsmöglichkeiten hinaus, die Fingerabdrücke und DNA bieten.

Gefährliche Mischung aus Fehlern und Rassismus

Dazu kommt, dass Gesichtserkennung eine deutlich höhere Fehlerquote hat. Der Glaube an die Macht der Technologie kann darüber hinwegtäuschen. Das führt dazu, dass Menschen die fehlerhaft zugeordnet werden, nicht geglaubt wird. Weil die Technologie es sagt. Mit entsprechend schlimmen Folgen.

Technologien wie Künstliche Intelligenz sind außerdem nicht neutral. Sie sind ein Produkt der Gesellschaft, in der sie entwickelt werden. Am Beispiel der Gesichtserkennung sieht man deutlich, wie die Technologie strukturellen Rassismus fortschreibt. Insbesondere bei schwarzer Hautfarbe kommt es zu extremen Fehlerhäufungen.

Jetzt könnte man argumentieren, dass das für die Privatsphäre ein Vorteil sei. Aber Fehler heißt einerseits nicht unbedingt unerkannt zu bleiben, sondern möglicherweise einfach falsch zugeordnet zu werden. Andererseits können nicht erkannte Menschen aus Sicht der Überwachungsbehörden nicht für unverdächtig erklärt werden. Es könnten schließlich Gesuchte sein, die nur nicht erkannt wurden. So würde das Nichterkennen erst wieder zu zusätzlicher Kontrolle durch Menschen führen, und zwar genau von solchen Menschen, die jetzt schon sehr viel häufiger kontrolliert werden. Unter dem Deckmantel technologischer Neutralität würde letztlich einfach racial profiling fortgeschrieben.

Gesichtserkennung ist ein mächtiges Werkzeug für autoritäre Überwachungsstaaten. Es sollte niemand überraschen, dass Österreich die Bestrebungen EU-weit verstärkt darauf zu setzen anzuführt. Das Land pflegt schon jetzt ein fragwürdiges Verhältnis zu dieser Überwachungstechnologie. Aber Gesichtserkennung ist brandgefährlich, schon allein aufgrund der Fehleranfälligkeit. Mehr noch, die strukturellen Ungerechtigkeiten unserer Gesellschaft, die Marginalisierung bestimmter Menschen, sind in die Technologie eingeschrieben. Das verschärft das Problem erheblich.

Doch selbst wenn all dies technologisch gelöst werden könnte, führt jeder Ausbau von Gesichtserkennungstechnologien in die Richtung der vollkommenen Überwachung. Überall wo ein in einer einzigen Datenbank erfasstes Gesicht vor eine vernetzte Kamera läuft, könnten alle mit Zugriff auf das Netzwerk von Datenbanken die Person identifizieren und verfolgen. Digitale Selbstverteidigung stößt angesichts übermächtiger und allgegenwärtiger Infrastruktur an ihre Grenzen. Individuelle Vorsicht reicht nicht. Die Überwachung des alltäglichen Lebens ist eine grundsätzliche Freiheitseinschränkung und führt zu demokratiepolitisch bedenklichen Verhaltensänderungen. Es gilt die Totalüberwachung zu verhindern, bevor es zu spät ist.

Foto: Lianhao Qu/Unsplash und teguhjatipras/Wikimedia commons (bearbeitet).

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