FPÖ: Viel Feind, viel Ehr?

Lange Zeit dachte ich, die FPÖ hätte den anderen beiden großen Parteien gegenüber den Vorteil, nur sehr wenig sogenannte „Player“ zu haben, gegenüber der Öffentlichkeit noch mehr, als in innerparteilichen Entscheidungsfindungen. Das hätte den Vorteil, dass die FPÖ sehr strategisch vorgehen kann, weil sich niemand außerhalb der Kommandokette befindet, und die eine Hand immer weiß, was die andere tut. So wie sie etwa auf sehr intelligente Weise preisgibt, wie rechts(extrem) sie wirklich ist – eine kontrollierte Provokation, ein Sturm im Wasserglas, ein halbherziges „War ja nicht so gemeint“ und irgendwann kann man den antifaschistischen Grundkonsens der 2. Republik negieren, so wie man übers Wetter redet.

Langsam habe ich aber immer stärker den Eindruck, dass ich mich entweder irre, 1, oder dass die FPÖ-Zentrale vor einiger Zeit die Nerven weggeschmissen hat. Aber schaffe wir zuerst etwas Kontext: Durch die blau/schwarze Koalition und Jörg Haiders Zerstörungswut war die FPÖ auf allen Schlachtfeldern schwer geschlagen, als H.C. Strache sich zu ihrem neuen Führer aufschwang. Bis heute lebt der Ruf der FPÖ davon, dass sie von dieser niedrigen Basis ausgehend Wahlsiege feiert. Rassismus und Hass, noch dazu wenn man sich nie beweisen muss und keine Verantwortung trägt, hat in Österreich ein ordentliches Wähler_innenpotential. Die Erfolge der FPÖ sind in dieser Hinsicht fast Selbstläufer. Ein Erfolgslauf, der viele an die Haider-FPÖ der 90er erinnert. Doch mit der Distanz werden die Unterschiede zur Strache-FPÖ deutlich.

Mit beiden Versionen der FPÖ taten sich die Meinungsforscher_innen schwer. Doch während bei Jörg Haider der Effekt, dass viele FPÖ wählten aber sich nicht dazu bekannten, dazu führte, dass die FPÖ oft unterschätzt wurde, hat sich der Effekt inzwischen umgekehrt. FPÖ zu wählen, ist nichts wofür man sich heute groß schämen würde. Aber die Strache-FPÖ bleibt regelmäßig unter den Erwartungen zurück. Da mag auch der Umstand, dass Strache genau drei Rollen kann (Schwiegersohn, Rechtsextremer, Disco) eine Rolle spielen, einem Vergleich mit Haiders regelrecht legendärer Wandlungsfähigkeit hält er nicht stand.2

Warum dieser vergleichende Rückblick? Weil entweder darin die Ursache einer wesentlichen Eigenschaft der Strache-FPÖ liegt, oder aber es eine Folge dieser Eigenschaft ist – ihrem anscheinend unkontrollierten agressiven Auftreten.

Ich ging ja wie gesagt von einem strategischen Vorgehen der FPÖ aus. Aber wenn eine Partei auf alles was ihr in den Weg kommt, gleich wie unwichtig es ist, einfach mit Angriff reagiert, und das in einem Ausmaß dass alle die es sehen, die FPÖ für eine Krawallpartei halten müssen, kommen mir starke Zweifel. Wenn man jeden Kommentar, jede Kritik, jede Meinungsumfrage als Teil der Weltverschwörung gegen die FPÖ frontal angreift, dann macht man sich nicht nur Feinde, sondern wirkt auch nicht übertrieben cool. Keine Partei in Österreich kann es sich z.B. in Hinblick auf ihr Wähler_innenpotential leisten, die katholische Kirche anzugreifen (die Grünen vielleicht ausgenommen), schon gar nicht eine Partei der „kleinen, ordentlichen Leute“ die eben noch versucht hat, das Christentum an sich (zumindest in einer Definition die die liberalen, linken Ketzer_innen von den Evangelischen Kirchen ausschließt) zu vereinnahmen. Die FPÖ aber, und damit ist nicht nur der homophobe tiroler Sprücheklopfer gemeint, tut das. Mitten in einem Wahlkampf für ein staatstragendes Amt. Die FPÖ befindet sich auf Konfrontationskurs mit allem und jedem. Hinter jedem Busch lauert eine Verschwörung, wer nicht bedingunglos zur FPÖ steht, ist der Feind.

Vielleicht befindet sich die FPÖ gerade in einer interessanten Wechselwirkung zwischen den inzwischen regelmäßig unter den Erwartungen (und Möglichkeiten) bleibenden Wahlergebnissen (und Umfragen – die große Koalition legt kontinuierlich an Zustimmung zu, die FPÖ stagniert) und ihrem hypernervösen und aggressiven Auftreten.

Um noch einmal auf Jörg Haider als Maßstab zurückzugreifen – bei allem braunen Bodensatz und bei allen Proteststimmen – seine größten Erfolge feierte er, weil die Leute glaubten und wollten, dass er es anders, besser macht. Deshalb wurde er zum Landeshauptmann von Kärnten gewählt. Diese Wähler_innen dürften zwischen den nationalen Wähler_innen, die sicher den geringsten Anteil haben und den Protestwähler_innen, die wohl die größte Gruppe der FPÖ-Stimmen ausmachen, ein signifikatner Bestandteil der Haider-Erfolge gewesen sein. Strache wählen sie nicht. Und solange die FPÖ so weitermacht, wird Strache gewählt, um „denen da Oben“ einen Denkzettel zu verpassen oder weil man alles Fremde fürchtet und hasst. Aber dass er wirklich in die Regierung kommt, wollen wohl selbst unter seinen Wähler_innen viele nicht.

  1. Nicht hinsichtlich der Führungsstruktur, sondern hinsichtlich deren vielleicht doch nicht so strategischem Vorgehen
  2. Der Vergleich ist wichtig, da rechtspopulistische Parteien nun einmal von ihrer Führungsfigur leben.

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