Ein neues Österreich

In einer Woche wird Josef Stalin Heinz Fischer als Bundespräsident der Republik Österreich wiedergewählt. Obwohl das längst feststeht, zog der Wahlkampf letztlich doch einiges an Aufmerksamkeit auf sich. Einerseits versuch(t)en die Medien, sich mit „Enthüllungen“ darüber, wie rechts Barbara Rosenkranz wirklich steht, zu übertreffen, andererseits gab es bis zum Auftauchen der Vulkanasche am Himmel auch wenig andere Hauptnachrichten. Zur Belustigung zwischendurch wurde dann und wann über den dritten Kandidaten Rudolf Gehring, Obmann der Christlichen Partei Österreichs, und seine Ansichten, insbesondere zu Abtreibung (Sünde, Straffreiheit abschaffen), Homosexualität (eine Verirrung die nicht zu irgendwelchen Rechten führt) und Kinderkrippen (können die Gehirne der Kinder schädigen), berichtet.

Als er seine Kandidatur bekannt gab, habe ich schon kurz durchblicken lassen, wie wenig ich von seinen politischen Inhalten halte. Aber vielleicht lohnt sich ein zweiter Blick, immerhin hat er über 8.000 Unterstützungserklärungen bekommen, und es könnten ihn deutlich über 100.000 Menschen wählen.1

Für die nähere Betrachtung kann ich einerseits auf das ausführliche Interview das neuwal mit Gehring geführt hat, verweisen, andererseits möchte ich mir hier die von seiner Kampagne zur Verfügung gestellten Informationen, also seine Website, ansehen.

Offensichtlich zwecks Aufmerksamkeitssteigerung spricht Gehring immer wieder davon, dass er davon ausgeht, zumindest in die Stichwahl gegen Heinz Fischer zu kommen. Fragen ob er es als Niederlage sähe, wenn es nicht dazu kommt, ignoriert er. So auch online. Unter „Dafür stehe ich“ sind auf seiner Website 13 Fragen aufgelistet, Frage Nr. 4 lautet „Was wäre ein Misserfolg für sie?“. Nur Antwort steht dort keine. Auch mit einer originellen Definition des Gleichheitsgrundsatzes kann Gehrig aufwarten – dieser ist nämlich der Grund, warum er das Gesetz zur eingetragenen Partnerschaft ablehnt – es verstoße gegen den Grundsatz, da es Ungleiches gleich behandelt2. Weiters steht geschrieben, das Gehring sich nicht nur „für alle Bürger in diesem Land einsetzen [würde, sondern] auch für die zahlreichen Ausländer, mit ihren unterschiedlichsten Religionsbekenntnissen“.

Der Bereich „Fragen und Antworten“ dient dazu, Fragen an den Kandidaten zu stellen. So etwa Bernhard aus Wien, der Gehring auf seine Homophobie anspricht. Gehring erwiedert ihm, dass er keine Homophobie habe, und dass Homosexuelle „Menschen wie wir alle [sind], denen bei gutem Willen sogar geholfen weren kann.“. krueger aus Wien fragt, wer denn das „neue Österreich“ brauche? Gehrings Antwort ist dann wieder einer jener Hinweise auf seinen ganz persönlichen Zugang zur Realität, die seinem Wahlkampf das besondere Element verleihen. Seiner Meinung nach charakterisiert sich das „alte Österreich“ (also das aktuelle in dem wir leben) nämlich unter anderem dadurch, dass Politiker ohne weiteres die Verfassung brechen dürfen und die Schwachen keine Existenzberechtigung haben.

Gender Mainstreaming hat Gehring offensichtlich überhaupt nicht verstanden. Denn er lehnt es ab, da es „definiert, dass der Mensch sein Geschlecht selbst wählen kann, also ob er homo- hetero-, bi-, transsexuell (oder sonst etwas sein will).“. Abgesehen davon, dass das Geschlecht eines Menschen etwas anderes ist, als die sexueller Orientierung (von der eigentlich nur die Leute in Gehrings Eck behaupten, man könne sie sich aussuchen), bedeutet Gender Mainstreaming den Versuch, die Gleichstellung der Geschlechter auf allen gesellschaftlichen Ebenen durchzusetzen, was wieder etwas anderes ist.

Auf seine „Kinderkrippen zerstören Kinderhirne“-Äußerung angesprochen, verweist Gehring gerne auf „wissenschaftliche Studien“. Diese bezieht er, wie auch auf der Website nachzulesen ist, aus den Publikationen von Christa Meves, die durch ihre Studien der Geographie, Germanistik und Philosophie zu einer überaus kompetent Neurologien geworden zu sein scheint, auch wenn sie nur als Psychotherapeutin arbeitet. Die fragwürdige fachliche Eignung ist aber bei weitem der nicht einzige (oder schlimmste) Kritikpunkt an Gehrings einziger Quelle:

Einer der von ihren Kritikern meistzitierten Sätze stammt aus ihrem „Ehe-Alphabet“ (1973): „Die Frau hat von ihrer biologischen Aufgabe her ein natürliches Bedürfnis nach Unterwerfung, der Mann nach Eroberung und Beherrschung.“[11] Kritiker werfen ihr auch vor, dass sie 1977 in einem Interview mit der Zeitschrift „Mut“ bekannte, „dank Ableistungen für Führer, Volk und Vaterland“ habe sie „in den letzten Kriegsjahren mehr praktische Psychologie und Pädagogik gelernt als später an der Universität“.
[…]
Zu sexueller Aufklärung schreibt Meves: „Das Ziel der geschlechtlichen Erziehung kann also unmöglich darin bestehen, Kenntnisse und Praktiken über sexuelle Vorgänge zu erwerben. … Sexualität ist, wie bei den Tieren, ein Triebgeschehen, zu dessen Funktionieren es absolut keiner Aufklärung bedarf.3

Das sind nur einige Facetten des Mannes, den viele in der ÖVP (lt. Andreas Kohl) für wählbarer halten, als Heinz Fischer.

  1. Bei einer Wahlbeteiligung von 60 % sind 3 % ca. 114.000 Stimmen.
  2. So wie die Gleichberechtigung von, biologisch offensichtlich verschiedenen (also ungleichen), Männern und Frauen oder die Anerkennung mehr als einer Religionsgemeinschaft (die sind ungleich, wie kann man sie alle gleich anerkennen?) eindeutig gegen den Gleichheitsgrundsatz verstoßen.
  3. Wikipedia

3 Antworten zu “Ein neues Österreich”

  1. Oliver sagt:

    Hi Thomas,
    wirklich guter Artikel.
    Es gibt auch durchaus einige Bereiche, in denen sich Gehrings Forderungen/Aussagen/Ansichten mit jenen von konservativen Kreisen der ÖVP ähneln. Insofern wenig verwunderlich, das durchaus einige ÖVP-Politiker Gehring für wählbar halten. Eigentlich ein Armutszeugnis für die selbst bezeichnete Volkspartei der Mitte.
    Ich habe mir gestern die Homepage von Gehring auch nochmal angesehen und festgestellt, dass sich Gehring im Prinzip selbst widerspricht und viel mehr seine Ansichten in meinen Augen „Verirrungen“ sind.
    Bei Interesse mein gestriger Beitrag:
    http://www.thinkoutsideyourbox.net/?p=11567

  2. mannimmond sagt:

    guter artikel!vor allem die recherche zur vermeintlichen „wissenschaftlichen“ Quelle Gehrings!!war mir trotz newsjunkiequalitäten neu!
    lg

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