Die Kleine Qualitätszeitung

Ich höre relativ oft, dass die „Kleine Zeitung“ immerhin besser sei als die „Krone“. Seriöser. Weniger Boulevard. Mehr Qualität. Verlässlicher. Sachlicher. Je nach Laune lache ich dann laut, oder schüttle ungläubig den Kopf. Die heutige Ausgabe der „Kleinen“ ist ein ausgezeichnetes Beispiel dafür, wieso ich so reagiere.
Die Titelseite ist „Germanys Next Topmodel“ gewidmet. Das ist nicht nur ein eher mäßig wichtiges Thema, sondern auch weder aktuell noch originell. „Unser Topmodel“ Alisar Ailabouni wird folgerichtig im „Porträt des Tages“ vorgestellt. Dieses trägt den Titel „Einfach schön, ganz schön einfach“ und der passt auch, muss man doch zweimal hinschauen, um zu wissen, ob da jetzt ein Mensch oder ein hübscher Gegenstand beschrieben wurde.

Weiter im Blattinneren findet sich ein zweiseitiger Bericht zum Bevölkerungsanteil von Migrant_innen in der Steiermark, den die „Kleine“ überhaupt nicht reißerisch mit „Einwanderer sind öfter arbeitslos als Steirer“ betitelt. Aber der Höhepunkt der Doppelseite ist ohne Zweifel die Straßenbefragung „Woher kommen die meisten Zuwanderer?“ – was folgt sind „Augenzeugenberichte“ von Menschen darüber, wo sie wie viele „Afrikaner, Türken und Chinesen“ gesehen haben.

Weiter geht es mit Berichten aus dem Gerichtssaal (etwas kleiner als der große Bericht darüber, dass ein Forstarbeiter 60.000 Euro fand und bei der Polizei abgab. Spannend, nicht?). Gestern wurde im Straflandesgericht in Leoben ein Mann wegen Vergewaltigung seines Neffen zu fünf Jahren Haft verurteilt. Der Mann war bis 2007 22 Jahre wegen Mordes im Gefängnis gesessen. Die „Kleine“ nennt in dem Bericht Vorname und den ersten Buchstaben des Nachnamens, zweimal das Alter, außerdem die Region in der Steiermark aus der er kommt. Das ist nicht schlimm, auch wenn es vielleicht einigen ermöglicht, herauszufinden um wen es es sich handeln könnte. Die „Kleine“, der Information ihrer Leser_innen verpflichtet, kann das natürlich nicht so nebulös stehen lassen, weswegen sie ein Foto des Mannes, ohne jeden Versuch einer Unkenntlichmachung, abdruckt. Damit auch ja alle wissen, wer es ist, und wer das Opfer ist.

Aber, könnte man einwenden, zumindest fährt die „Kleine“ keine solchen Kampagnen wie die „Krone“. Doch noch auf der gleichen Seite fällt die Zeitung dieser Argumentation in den Rücken. In Graz wurde ein Lehrer von einem Schöffengericht wegen Mordes verurteilt, die Berufsrichter hob dieses Urteil jedoch auf. Seither bemüht sich die „Kleine“ einen „Justizskandal“ herbei zu schreiben. Heute illustriert mit einem Bild des Lehrers auf dem er kaum unkenntlich gemacht wird, aber da auch laufend erwähnt wird, auf welcher Schule er unterrichtet, welche Religion er angehört und wie sein Vornahme ist, wissen ohnehin längst alle bestens bescheid. Der Hammer an dieser Kampagne ist aber, dass die Staatsanwältin zum Schluss des Prozesses um einen Schuldspruch bat, obwohl sie nur Indizien und keine Beweise vorlegen konnte (sinngemäß zitiert). Die „Kleine“ und die besagte Staatsanwältin hätten also gerne einen Rechtsstaat, in dem Indizien für eine Verurteilung reichen? Dass die Berufsrichter das Urteil aufgehoben haben, war der einzig rechtsstaatliche Schritt.

Die „Kleine Zeitung“ schreibt also sexistisch über Frauen, berichtet stereotypisch über Migrant_innen, verzichtet auf Täter- und auch Opferschutz und kampagnisiert gegen Einzelpersonen und den Rechtsstaat. Der Unterschied zur „Krone“ war nochmal…?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.