Die Grazer Bettlermafia

Graz (und Wien) werden von Horden organisierter Bettler überrannt. An jeder Ecke sitzen sie und stinken nicht nur, sondern sind auch noch hässlich, krank oder sogar verkrüppelt. Wahrlich kein schöner Anblick. Da muss etwas dagegen getan werden (auch wenn es sich um eine Wahnvorstellung handelt). Denk sich zumindest der Kämpfer für ein ruhiges, sauberes und heterosexuelles Bollwerk gegen den Osten (=Graz), Bürgermeister Siegfried Nagl.

Deshalb fordert er ein „Bettelverbot“. Zumindest für Behinderte. Und „organisierte Bettler“. Das ist klarerweise menschenrechtlich nicht in Ordnung. Selbst die ausgesprochen braven Koalitionspartner1 Nagls, die Grazer Grünen, können da einfach nicht mehr mit und distanzieren sich scharf.

Was mir aber besonders auffällt ist dass die Grazer SPÖ offenbar wieder funktioniert. Unter dem letzten Parteichef Walter Ferk (von der Gewerkschaft durchgesetzter, farb- und talentloser Kompromisskandidat) ging es mit der Partei rasend schnell bergab. Mit Parteichef Wolfgang Riedler und Sozialstadträtin Elke Edlinger hat sich das nun geändert. Obwohl Riedler auch schon wieder deutlich mehr als ein Jahr im Amt ist, ist der Schwung nicht verloren gegangen. Die SPÖ bezieht erfreulicherweise klar Position gegen Nagl. Ein ähnliches Bild ergibt sich auch auf Landesebene. Denn dort müsste das steirische Sicherheitsgesetz angepasst werden, um gegen „organisierte Bettelei“ vorgehen zu können. Nur während die SPÖ einen Antrag einbringt, der vorsieht nur gegen die Hintermänner vorzugehen (falls es solche gibt), möchte die ÖVP gerne auch die Bettler selbst bestrafen/angreifen.

Also schwache, hilf- und mittellose Menschen die laut ÖVP auch noch in den Fängen des organisierten Verbrechens bzw. von Menschenhändlern sind. Grundsätzlich halte ich ein Verbot organisierter Bettelei zwar für nicht unbedingt notwendig, aber sicher nicht schlecht, solange man, wie es Edlinger formulierte, nicht eine gemeinsame Anreise zwecks Kostenteilung und gemeinsame Übernachtung im Vinzi-Dorf schon als solche sieht. Es ist klar, dass sich die ÖVP mit ihrem menschenverachtenden Kurs in Gesellschaft von FPÖ und BZÖ (Gerald „wir säubern Graz“ Grosz ist Grazer Gemeinderat) wiederfindet. Diesen ist die ÖVP aber noch zu wenig streng, sie fordern ein komplettes Bettelverbot (die Bettler sind großteils slawische Untermenschen). Auch die altbekannte Bruchlinie der rechten Konservativen um Nagl zu christlich-sozialen Inhalten taucht einmal mehr auf. Mit dem Vinzidorf und dessen Symbolfigur Wolfgang Pucher, Träger des von der ÖVP vergebenen Leopold-Kunschak-Anerkennungs-Preis 2008, verträgt man sich ja ohnehin schon länger nicht sehr gut.

Aber zu den Fakten, denn solche gibt es. Es gibt keinen Beweis, noch nicht einmal stichhaltige Indizien für eine Organisationsgrad der Bettler der über oben erwähnte Lebenserleichterung hinausgeht. Allerdings haben Wahnvorstellungen wie die aktuelle mit Fakten ohnehin nie etwas zu tun. Die ergeben sich anders, wie auch immer. Und das Ergebnis ist dann, dass zB der Präsident der steirischen Wirtschaftskammer, Ulf Hainzl, der in seinem Leben wahrscheinlich mit keinem Bettler gesprochen hat, steif und fest behauptet dass die Bettler „von Banden hier ausgesetzt“ werden und keinesfalls freiwillig kämen, als hätte er priviligierte Einsicht in höhere Wahrheiten.2Wolfgang Pucher, der Mann der jeden Tag mit den Bettlern zu tun hat, viele von ihnen schon lange kennt und wohl kaum der diabolische Drahtzieher der Bettlermafia ist, erklärt klar und deutlich dass solche Vorstellungen kompletter Blödsinn sind.

Sofern sich SPÖ und ÖVP nicht einigen, und danach sieht es sowohl wegen des politischen Klimas im Land, als auch wegen doch grober inhaltlicher Differenzen (und kann mir außerdem gut vorstellen dass Nagls Position auch in der ÖVP nicht unumstritten ist) nicht aus, gibt es im Landtag keine Mehrheit für die Pläne der ÖVP, Grüne und KPÖ gehen sicher nicht mit. Möglicherweise gehen letztere bei den Plänen der SPÖ mit, vielleicht gibt es auch gar keine Verschärfung des Sicherheitsgesetzes. Das bedeutet dass die Schwarz-Blau-Orange Mehrheit im Grazer Gemeinderat zumindest bis zur nächsten Landtagswahl weiter Briefe an das Christkind schreiben darf, es möge sie doch von der Überschwemmung mit Bettlern erlösen.

  1. Dafür das Nagl wirklich nicht aus dem (ohnehin komatösen) liberalen Flügel der ÖVP kommt, sondern von weit rechts außen, und immer wieder mit Verbotsideen, homophoben und xenophoben Aussagen für Verwunderung sorgt, waren die Grünen bisher erstaunlich ruhig.
    Dass sie den Wechsel von „Wir wollen Transparenz“-Opposition zu noch nie dagewesener Postenschacher-Regierung (bis zu schwarz-grün war es üblich, dass die Opposition zumindest als Minderheit in Stadtnahen Betrieben vertreten ist, jetzt ist sie gänzlich davon ausgeschlossen und hat somit keine Informations- und Kontrollmöglichkeit mehr) erstaunt dagegen schon fast weniger, höchstens die Leute die die Grünen für „anders als die anderen Parteien“ gehalten haben.
  2. Man beachte auch die ausgesprochen menschenverachtenden Diktion in dem Interview

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2 comments

  • facebook-1270820919

    Ich bewundere deinen Standpunkt, ich selbst hab ihn trotz intensiver Beschäftigung noch nicht gefunden, bin aber entsetzt von der Form und Formulierung der Debatte.1. Schwarze (Bgm. Nagl und Rajakovic) die sich auf „Slumdog Millionär“ berufen um ihren Antrag zu begründen2. Rote (Herper) die einen Zusammenhang zwischen der menschenverachtenden Behandlung iranischer Demonstranten und Grazer Bettler herstellen 3. Grüne (Binder) die von „20 oder 30 Stück Bettlern“ redenDie Debatte im Grazer Gemeinderat, die folgende Diskussion im Grazer Kunsthaus und wohl auch die Landtagssitzung am Dienstag sind ein trauriges Zeugnis davon, wie politische Menschen mit dem traurigen Bild der Bettler umgehen.

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