Der versperrte Hochschulzugang

Der freie Hochschulzugang ist das Problem, er führt zu chaotischen Zuständen an den Unis, zu überlaufenen Studienrichtungen mit inakzeptablen Betreuungsverhältnisse und produziert so zahlreiche unterdurchschnittliche Akademiker_innen die niemand braucht, während sich die Universitätsangestellten nicht um die Forschung kümmern können und daher auch hier immer weiter zurückfallen. Das ist grob zusammengefasst die Argumentation mit der u.a. die Rektoren gegen den freien Hochschulzugang und für Zugangsbeschränkungen streiten. Manche unter ihnen träumen zusätzlich noch von Studiengebühren.

Argumente wie der „internationale Vergleich“ müssen herhalten, oder dass qualitative Zugangsbeschränkungen ja nur den Besten ermöglichen in Ruhe und mit guter Betreuung zu studieren. Die Dropout-Quote wird uns noch alle umbringen. Und das Österreich der Mut zu Eliten fehlt, ist sowieso ganz schlimm. Wer möchte schon in der Haut von TU-Graz-Rektor und uniko-Vorsitzenden Hans Sünkel stecken, wenn er auf internationalen Treffen zugeben muss, dass in Österreich alle die es wollen studieren können.1 Ob hinter dieser Linie eine politische Agenda steckt, lasse ich hier einmal außen vor. Dass die Argumente alles andere als seriös oder überzeugend sind, wird Gegenstand der folgenden Überlegungen sein.

Warum sind qualitative Zugangsbeschränkungen sozial selektiv?
Aus dem gleichen Grund, warum die Aufnahmeprüfung an der MedUni Graz sexistisch ist. Weil sie zu einem Zeitpunkt einsetzten, zu dem die Maturant_innen noch keine Chance hatten, die Mängel des österreichischen Schulsystems auszugleichen. Arme sind genauso wenig genetisch bedingt dümmer wie Frauen, darüber herrscht wohl Einigkeit (außerhalb der ÖVP). Aber Mädchen und Burschen werden noch viel zu oft auf bestimmte Geschlechterrollen hin unterrichtet, und haben wenn sie aus sozial schwachen Schichten kommen, eine gute Chance deutlich schlechtere Bildung zu bekommen, als ihre in dieser Hinsicht „besser geborenen“ Alterskolleg_innen.

Was Österreich unvergleichbar macht
Wenn man davon ausgeht, das ein Vergleich mit anderen Ländern deren Bildungssystem im Mittelfeld herumdümpelt oder mit Schwellen- und Entwicklungsländern herzlich wenig Sinn macht, gibt es zwei entscheidende Gründe, warum Zugangsbeschränkungen und Studiengebühren in Österreich wesentlich ungerechter sind, als in den Vergleichsländern. Das sind die „Besonderheiten“ des österreichischen Schulsystems, das im Unterschied zu z.B. skandinavischen Ländern stark nach Herkunft bzw. familiärem Hintergrund aussortiert, Schwächer schwach sein lässt und Begabte ignoriert. Hinzu kommt dass das österreichische Stipendiensystem mehr einem Witz den einer staatlichen Unterstützung die Talente die es sich sonst nicht leisten könnten zu studieren fördert gleicht (z.B. wird eigentlich kaum jemand der Studienbeihilfe benötigt ermöglicht ohne Zuverdienst zu studieren. Was aber zur Überschreitung der Zuverdienstgrenze und letztlich zum Verlust der Studienbeihilfe führen kann.).

Der Kompromiss auf den die Regierung hinarbeitet, ist ähnlich wie derzeit bei den Studiengebühren, die dümmstmögliche Lösung.
Der Kompromiss auf den im Moment alles hindeutet sind verschärfte verpflichtende Studieneingangsphasen mit der anschließenden Möglichkeit eines Aufnahmeverfahrens. Wenn Heinz Fischer sich traut das auszusprechen, kann man davon ausgehen dass es in der Großen Koalition nicht sonderlich umstritten ist. Studierende in eine Eingangsphase zu zwingen, klingt auf den ersten Blick nach einer schlauen Idee. So lernen sie die wesentlichen Grundlagen des Faches kennen und werden dazu gezwungen schnell zu wissen, ob sie sich für das richtige Studium entschieden haben.

Doch es gibt zahlreiche Gründe, wieso man nach der Eingangsphase genauso wenig weiß, wie davor. So sind Massenvorlesungen wie „Einführung in XY“ und Lehrveranstaltungen wie „Grundlagen des wissenschaftlichen Arbeitens“ praktisch nie aussagekräftig. Dann prägen auch die Lehrenden in den Einführungsveranstaltungen mit ihren individuellen Schwerpunkten das Bild vom Fach das entsteht. Und dann gibt es auch einfach Wissenschaftsdisziplinen die sich nicht so schnell erschließen. Ich hab in meinem Philosophiestudium ungefähr nach 2 1/2 Jahren gewusst, was ich da jetzt eigentlich mache. Der Unterschied von Eingangsphasen zum status quo ist, dass man sich nicht in anderen Fächern umsehen konnte, weil man die Pflichtprüfungen absolvieren musste, um nicht ein Studienjahr zu verlieren.

Das führt dazu das Studierende die auf staatliche Unterstützung angewiesen sind (was sehr viele sind) benachteiligt werden, da sie weniger Möglichkeit haben sich zu orientieren, und im Zweifelsfall in einem Studium bleiben müssen, das nicht das richtige ist. Wieso die Volkswirtschaft Österreich von solchen Akademiker_innen oder dadurch zum Studienabbruch gezwungenen Menschen profitieren sollte, ist mir schleierhaft.

Wie die Probleme zu lösen wären.
Der Staat müsste lediglich die eigentlich ziemlich intelligente Entscheidung treffen, in Bildung und Forschung zu investieren, anstatt hier zu sparen. Das würde viele Probleme lindern, zumindest in den Studienrichtungen die nicht zu viele Studierende haben, sondern einfach finanziell und personell ausgehungert sind. Von den Massenstudien könnte vermutlich durch echte Beratung und Betreuung von Maturant_innen etwas Druck genommen werden. Freilich, die ultimative Lösung ist das nicht. Reformen im Schulsystem tuen ebenso Not – ein Kurssystem in den letzten Jahren vor der Matura ermöglicht den Schüler_innen sich intensiver mit ihren Interessengebieten zu beschäftigen und kann so zur Senkung der Dropout-Quote und der Zahl der Studienwechsel beitragen.

Neue Eliten braucht das Land
Damit qualitativen Zugangsbeschränkungen nicht himmelschreiend ungerecht sind, denn es scheint mittelfristig so oder so kein Weg daran vorbei zu führen, müssten grundlegende Systemreformen in Angriff genommen werden. Gesamt- und Ganztagesschule. Eine offenere Schule die Kinderen mehr Freiraum gibt Entwicklungspotentiale zu nutzen. Gratiskinderkarten und Kindergartenpflicht.2 Mehr Integrations- und Stützlehrer_innen. Verbesserung der Ausbildung der Pädagog_innen für alle Altersstufen. Und vieles mehr. Das volle Programm eben, denn wer eine gröbere Systemkrise negiert, ist in eine Eliteschule gegangen oder hatte Glück, auf Fakten basiert die Einschätzung eher nicht. Dazu kommt die Einführung eines modernen und gerechten Stipendiensystems. Ein „Grundstipendium“ oder „Studierendengehalt“, kein lächerliches und kontraproduktives Zwingen der Studierenden in die Abhängigkeit von den Eltern und/oder einem Job.

Das wird alles nicht passieren. Stattdessen wird weitergewurschtelt werden, das Bildungssystem wird weiter sozial undurchlässig bleiben und bestehende Verhältnisse reproduzieren, sodass Herkunft und nicht Talent über die Chancen eines Menschen entscheiden. Der offene Hochschulzugang ist ein kleines Korrektiv dagegen, er gibt jungen Erwachsenen die Chance, eigenständig das Versagen des Staats in Gerechtigkeitsfragen zu kompensieren. Viele scheitern daran, keine Frage. Das wird in Zukunft nicht mehr passieren, wenn der Zugang zur Universität für sie versperrt ist.

  1. Was nicht stimmt. Man muss es sich auch leisten können. Aber ein Verfechter der Geburts- und Geldelite wie Sünkel muss an sowas nicht denken. Grad bei all der Scham.
  2. Man darf ja auch die Sachen die schon angefangen wurden erwähnen, immerhin etwas.

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3 comments

  • Stefan Schleifer

    Wieso ist dann die soziale Durchmischung an den Fachhochschulen, welche sich bekannterweise ihre Studierenden mit standardisierten Tests und Aufnahmegesprächen selbst aussuchen dürfen, viel besser als an den Universitäten? Bewirbt sich deiner Meinung nach sowieso nur der Pöbel an den FHs?

    • Gibt es eine Quelle (Studie/Statistik) dafür, dass die soziale Durchmischung besser ist?
      Ich vermute, dass sich finanziell weniger gut abgesicherte Menschen eher für eine Ausbildung mit einer später sicheren beruflichen Einnahmequelle entscheiden und damit den FHs den Vorzug gegenüber den Universitäten geben. Nachdem Universitäten keine dedizierte Berufsausbildung bieten, ist natürlich eine größere Unsicherheit im Anschluss gegeben. Dann ist es hilfreich, wenn man sich auf Eltern verlassen kann.

  • Thomas Danecker

    Statistiken und Studien gibt es viele zu diesem Thema. In der Studierendensozialerhebung [0] befasst sich das ganze 3. Kapitel damit. Auch im statistischen Taschenbuch des BMWF [1] findet man einiges, bzw. auch auf http://bit.ly/cRkuWc
    .
    [0]: http://bit.ly/dbkXCF
    [1]: http://bit.ly/atynwp
    Interessant ist z.B. auch, dass es sich bei der MedUni genau gegenteilig verhält wie bei den FHs (Studierende kommen hauptsächlich aus höheren sozialen Schichten). In der zeitlichen Entwicklung verschiebt sich in den letzten Jahren die soziale Durchmischung auch in den FHs wieder mehr zu Gunsten der höheren Schichten. (Auch wenn ich es nicht besonders gern mag so von Schichten zu sprechen – das ist die Einteilung die Martin Unger vom IHS für die Studierendensozialerhebung getroffen hat.)
    Faktum ist auch, dass auch in den Fachhochschulen die Studierenden aus Bildungsnahen schichten um das doppelte überrepräsentiert sind. Auf Unis ist es noch dramatischer.
    Was sind die Ursachen? Ich würd sagen, vor allem Geld uns Sicherheit, aber auch Anerkennung im (sozialen) Umfeld. Menschen aus Bildungsferneren Schichten wählen eher die Lehre als die Oberstufe, eher eine BHS als eine AHS, eher eine FH als eine Uni und eher technische Fächer als geisteswissenschaftliche oder sozialwissenschaftliche. Man kann sich die ungewisse Zukunft bei Richtungen mit schwammigeren Berufsbildern einfach nicht leisten, und wenn dann auch noch die Unterstützung der Eltern fehlt, hat man gar keine Chance mehr.
    Bei einer FH weiß man zumindest dass man in 6 Semestern fertig ist. Auf der Uni ist da mehr Ungewissheit dabei.

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