#5 Milliardär*innen VS Held*innen – wer soll für die Coronakrise zahlen?

„Wir alle“, „Nationaler Schulterschluss“, „Zusammenhalten“ hört man seit dem tödlichen Coronavirus besonders oft. Aber es stimmt halt nicht. Die Idee hinter diesem Podcast ist es, das auszusprechen, was ist. Und das ist, dass der Klassenkampf nie aufgehört hat. Er wird brutal von oben gegen unten geführt. Im Moment sieht man das deutlich daran, wie die Vorbereitungen laufen, dass wir alle für die Kosten der Coronakrise zahlen, während sich die Bonzen, Bosse und Geldeliten weiter bereichern.

Neben dem medizinisch-wissenschaftlichem Kampf gegen die Verbreitung lautet die zentrale Frage der Stunde: Wer wird die Kosten der Coronakrise tragen? Jene, die es sich leicht leisten können? Oder die breite Masse? Wenn jetzt die Heldinnen und Helden der Krise überall gefeiert werden, die Arbeiter*innen im Einzelhandel, in den Krankenhäusern, in den Pflegehäusern, in den Apotheken, in den Öffis, in der gesamten Infrastruktur, etc. – sollten wir dann nicht ein System schaffen, bei dem sie nicht nachher auch noch für die Krise zahlen müssen, wo sie jetzt schon mehr leisten müssen, ohne etwas dafür zu bekommen?

Warum müssen sie und wir alle zahlen, in Form von sozialem Kahlschlag, fehlenden Investitionen in Infrastruktur oder, ja, auch das wird unweigerlich von neoliberalen Organisationen wie dem Rechnungshof gefordert werden wird – Einsparungen im Gesundheitswesen? Wenn der soziale Kahlschlag kommt, werden einige Arbeiter*innen im Gesundheitswesen, für die jetzt geklatscht wird, plötzlich arbeitslos sein. Ein Danke, wie es nur Neoliberale aussprechen können.

Warum werden nicht einfach die zur Kasse gebeten, die es sich nicht nur leicht leisten können, sondern die es auch verdient haben, endlich einmal etwas beizutragen?

Der Verteilungskampf hat längst begonnen

Der politische Kampf um diese Frage hat längt begonnen. Das Austrian Economics Center, ein Think Tank der sich auf neoliberale Extremisten wie Friedrich Hayek und Ludwig Mises beruft, hat vor ein paar Tagen eine sogenannte „Road Map“ für die wirtschaftliche Erholung nach der Krise veröffentlicht. Darin wird empfohlen die breite Masse mit Konsumsteuern zu belasten, aber von den Unternehmen noch weniger Beiträge zum Allgemeinwohl zu verlangen. Geleitet wird das Austrian Economics Center von Barbara Kolm. Die ehemalige FPÖ-Politikerin wurde von Schwarzblau zur Vizepräsidentin des Generalrats der Österreichischen Nationalbank gemacht.

Deutlich weniger einflussreich ist leider Attac, das einen sehr viel gerechteren Vorschlag gemacht hat. Nämlich, dass Milliardär*innen bis zu 60 Prozent ihres Vermögens abgeben sollen, um für die Kosten der Krise aufzukommen. Und zwar in Form eines einmaligen Lastenausgleichs. Das ist weder weltfremd noch neu. Japan hat nach dem Zweiten Weltkrieg 1946 bis 1947 eine Sonderabgabe von 90 Prozent für die größten Vermögen eingeführt. In Deutschland gab es 1949 eine 50 %ige Abgabe auf den Vermögensbestand des Jahres 1948. Wenn jetzt von allen Seiten von der größten Krise und der größten Herausforderung seit dem zweiten Weltkrieg geredet wird, warum sollten wir dann nicht auch zu Maßnahmen greifen, wie sie nach dem Weltkrieg erfolgreich waren?

Weil die Mächtigen das nicht wollen, ganz einfach. Nur weil in Österreich das große Sterben bisher ausblieb, gibt es keinen Grund in die unkritische Jubelberichterstattung der österreichischen Medien einzustimmen. Österreich hat von Anfang an schlecht auf das Coronavirus reagiert, und zwar mit Folgen für ganz Europa. Sehr viele Menschen am ganzen Kontinent wurden nur angesteckt, weil in Tirol wegen des Profitstrebens der Tiroler Tourismusindustrie viel zu lasch und viel zu spät eingegriffen wurde.

Bei solchen Politiker*innen ist es kein Zufall, dass die Coronakrise die enorme Ungleichheit in Österreich schon jetzt weiter verschlimmert. Die schwarzgrüne Regierung macht kaum etwas für Menschen, die mit dem viel zu niedrigen Arbeitslosengeld über die Runden kommen müssen. Die viel zu beengten Wohnverhältnisse zahlloser Menschen bedenkt die Regierung kaum. Wer nicht exakt den Kriterien der ÖVP entspricht hat keine Chance auf Hilfe, weder als Unternehmen noch als Einzelperson, weder als Arbeiter*in noch als Selbständige. Anstatt ein breites Sicherheitsnetz aufzuspannen bemüht sich die ÖVP nach Kräften so wenig Menschen wie möglich zu helfen, und die Grünen stehen daneben und loben sich selbst.

Ich kann nur immer wieder den Vergleich mit den USA heranziehen. Ein Land das Menschen wegen Armut an behandelbaren Krankheiten sterben lässt, das von einem faschistoiden Präsidenten regiert wird und in dessen Senat die extrem rechten Republikaner die Mehrheit haben. Selbst dort ist die Einsicht, dass es jetzt schnell viele Hilfe braucht, größer. Dort bekommen alle Arbeitslosen, quer durch die Bank, zusätzlich zu ihrem Arbeitslosengeld 600 Dollar. Pro Woche. Alle. Quer durch die Bank. Zusätzlich zum eigentlichen Arbeitslosengeld. In den USA.

Und welche Unterstützung gibt es in Österreich für die Hundertausendenden neuen Arbeitslosen, die aufgrund der Krise keine Perspektive haben? Einen kleinen Härtefallfonds mit restriktiven Kriterien, wo man extra betteln gehen muss. 60 Millionen Euro für alle Familien in Österreich ist kein Härtefallfonds sondern ein Witz. Für Unternehmen werden Abermillidarden in die Hand genommen, aber für Menschen hat Schwarzgrün nur die Brösel übrig, die von den Krümeln abfallen, die von den Milliarden für die Bonzen abfallen.

Und das ist erst der Anfang. Denn es braut sich eine existenzielle Bedrohung für den österreichischen Sozialstaat zusammen, wie es sie noch nie gegeben hat, seit Österreich 1945 befreit wurde. Im Bundeskanzleramt gibt es eine Gruppe namens „Covid-19 Future Operations.“ Dabei handelt es sich um ein Netzwerk, dass die nächsten Schritte der Krisenbewältigung und langfristige Weichenstellungen planen soll. Das berichtet das Magazin Trend.

Zu diesem Netzwerk gehören neben dem Chefökonom der Industriellenvereinigung auch Mitglieder der sogenannten Wirtschaftsforschungsinstituten WIFO, IHS und Eco Austria. Alle vier dieser Organisationen haben in den letzten Jahren die Kapazitäten des österreichischen Gesundheitssystems kritisiert und/oder den Abbau dieser Kapazitäten empfohlen.

Die Logik dahinter wird in ein einem Bericht des IHS aus dem Jahr 2012 (PDF) sehr deutlich. Dort wird kritisiert, dass Österreich einen sehr hohen Ressourceneinsatz habe, aber gleichzeitig im Bereich der Ausgaben nur sehr mäßige Output- bzw. Outcomeergebnisse. Und hier zeigt sich wie absurd es wird, wenn man die neoliberale Effizienzlogik, alles in betriebswirtschaftliche Kennzahlen zu übersetzen, auf das echte Leben anwendet. Es funktioniert nämlich nicht. Nirgends.

Was meint der Bericht, wenn er von Output redet? Eine angepasste Statistik der Lebenserwartung. Das klingt vernünftig, weil die sogenannte krankheitsangepasste Lebenserwartung Jahre, die man in Krankheit verbringt, reduziert bewertet, also unterscheidet ob man gesund oder krank ist. Das nennt sich disability-adjusted life years und ist ein internationaler Standard. Damit gibt es offensichtliche Probleme, wie die Idee das man in eine vergleichbare Kennzahl packen will, wie sich ein Krankheitsbild für verschiedene Menschen anfühlt. Auch sind Gesundheit und Krankheit kein binäres Paar wo man entweder 0 oder 1 ist, sondern für die allermeisten Menschen ist das ein Spektrum, bei dem man einmal mehr auf die eine und dann wieder auf die andere Seite neigt. Für weitere wichtige Kritik siehe dieses Paper.

Für diesen Podcast können wir ruhig einmal annehmen, dass die Kennzahl das abbildet was sie messen will. Das tut sie nicht, aber tun wir einfach einmal so, for argument’s sake. Ist diese Kennzahl dann tatsächlich geeignet um mit den Ressourcen, die eine Gesellschaft in ein Gesundheitssystem investiert, abgeglichen zu werden, um „Effizienz“ zu messen? Was wenn eine Gesellschaft sehr viele Ressourcen investiert, damit Pflege und Nachsorge vom System übernommen werden, während eine andere Gesellschaft weniger Ressourcen investiert und stattdessen sexistische patriarchale Strukturen ausnutzt, bei denen Nachsorge und Pflege zuhause von Frauen erwartet wird? Diese Diskriminierung wird nicht eingepreist, sondern die sexistische Gesellschaft hat in der Kennzahlenlogik einfach ein „effizienteres“ System. Was ist mit der Lebensqualität von unheilbar kranken Menschen? Wenn man die wie Tiere „einschläfert“ oder zum Verrecken nach Hause schickt, hat man mehr Ressourcen frei um sich um Menschen zu kümmern die geheilt werden können. Das ist effizient, oder? Oder, und ich weiß das klingt absurd, aber hear me out – was, wenn sich irgendwo ein neues Virus entwickelt und plötzlich auf den Menschen überspringt, und die ganze Welt in einer Pandemie erfasst wie wir sie seit 100 Jahren nicht mehr hatten? Für so einen Fall Kapazitäten bereit zu haben wird in der Effizienzlogik auch nicht berücksichtig. Ups.

Selbst wenn alles andere funktionieren würde, was es nicht tut, selbst wenn alle Kennzahlen Sinn machen würden, was sie nicht tun, selbst wenn Neoliberale keine verblendeten Extremist*innen wären, was sie sind, selbst wenn man ihnen jede Voraussetzung und Annahme schenkt, egal wie absurd, wenn man die kindischen Aberglauben an den Trickle-Down-Effect und die unsichtbare Hand des Marktes akzeptiert, wenn man zustimmt, dass 2+2=5 oder Staatsschulden etwas an sich schlechtes sind, egal welches absurde Dogma man annimmt – die ganze Idee, ein System wie das Gesundheitswesen nach Effizienz ausrichten zu können funktioniert nur, wenn man sich hemmungslos der Fantasie der Allwissenheit und der vollkommenen Kontrolle der Welt hingibt. Sobald man annehmen muss, dass neue Krankheiten ausbrechen können, dass Menschen verletzlich und fragil und voneinander abhängig sind, dass wir unsere Grenzen nicht gegen Viren schließen können und dass es uns alle treffen kann, dann sehen wir, wieso es einfach nicht funktioniert und wieso kalte Effizienzlogik Menschen töten. In Italien mussten wir jetzt live mitansehen wie tödlich die neoliberale Effizienzpolitik der Austerität ist.

Bis heute wäre mir von keinem Wirtschaftsforschungsinstitut oder der Industriellenvereinigung eine Abkehr von den Irrlehren des Neoliberalismus untergekommen. Und von politischer Seite ist wohl noch weniger zu erwarten. Koordiniert wird dieses Netzwerk nämlich im Bundeskanzleramt unter Konzernkanzler Sebastian Kurz, und zwar von dem von ihm eingerichteten Thinktank Think Austria, der von der ehemaligen Boston-Consulting-Managerin Antonella Mei-Pochtler geleitet wird. Sie berät Kurz schon länger und hat schon 2017 in einem Interview angekündigt, welche Politik vom Konzernkanzler zu erwarten ist:

„Man wird ein paar radikalere Schritte gehen und manche Leistung auch infrage stellen müssen.“

Womit wir wieder am Punkt wären wen der Konzernkanzler und die Neoliberalen für die Krise zahlen lassen wollen: Dich und mich. Anna Normalverbraucherin. Den kleinen Mann von der Straße. Arbeiter*innen im Einzelhandel, Schüler*innen, Pleger*innen, Pensionist*innen, Studient*innen, Einpersonenunternehmen, Neu Selbstständige, Kinder, einfach alle, wirklich alle, die nicht reich sind.

Und das ist nicht einfach eine Frage ob es dir und mir dadurch schlechter geht, obwohl das so sein wird und das selbstverständlich eine Rolle spielt. Sicher ist das so, aber das wäre an sich anders zu diskutieren, wenn es keine Alternative gäbe. Außer seinen Anhänger*innen glaubt ja niemand, dass Konzernkanzler Kurz Mana vom Himmel regnen lassen kann. Das kann er genauso wenig wie er irgendwelche Fluchtrouten schließen oder irgendeine andere Form von erfolgreicher Außenpolitik betreiben kann.

Aber es gibt eine Alternative dazu, uns alle für die Krise zahlen zu lassen, ganz ohne wundertätigen Konzernkanzler. Das ist der Punkt. Deshalb ist es nicht nur scheiße, wenn du und ich, unsere Großeltern und Eltern, unsere Kinder und Enkelkinder, unsere Freundinnen und Freunde, für die Krise zahlen, sondern auch ungerecht. Denn es gibt Menschen, die es sich leicht leisten könnten und die durch Jahrzehnte, in denen sie keinen gerechten Beitrag geleistet haben, ohnehin eine enorme Bringschuld gegenüber der Allgemeinheit haben. Moralisch, politisch und wirtschaftlich ist es eigentlich ganz einfach: Die Bonzen, Bosse und Geldeliten sollen zahlen.

Milliardär*innen sind unmoralisch

Allen voran geht es dabei um Milliardär*innen. Und da möchte ich ein paar grundsätzliche Worte sagen. Milliardär*innen sind nicht nur finanziell anders als du und ich, als alle anderen. Sie haben nicht nur abartige Vermögen gemeinsam, sondern sie alle haben eine moralische Gemeinsamkeit. Einen gemeinsamen Nenner, wenn man so will.

Im Gegensatz zum Rest der Menschheit gibt es keine Grauzonen, keine Ambiguitäten, keine besseren und schlechteren Menschen, keine moralische Unsicherheit. Alle Milliardär*innen sind ausnahmslos unmoralische Menschen. Ja, auch Bill Gates und George Soros. Das ist logisch ein ganz einfacher Schluss. Dabei geht es mir gar nicht darum, dass Milliardä*rinnen ihren Reichtum in der Regel durch Ausbeutung zusammenraffen, wenn sie ihn nicht gerade erben. Oder darum, dass sie ihn für unmoralische Dinge einsetzen, obwohl das ständig passiert. Mein Argument ist ganz einfach und schaut so aus.

  1. Wenn man die Möglichkeit hat, jemand in Not zu helfen, dann muss man das moralisch tun. Das klassische Beispiel dafür ist, dass man einem Teich vorbeikommt und ein ertrinkendes Kind sieht. Wenn man schwimmen kann, dann ist man moralisch verpflichtet, ins Wasser zu gehen und das Kind zu retten. Wenn man nicht schwimmen kann, dann ist man umgekehrt logischerweise nicht verpflichtet trotzdem ins Wasser zu gehen und selber auch ohne guten Grund zu ertrinken. Die Grenze für moralische Verpflichtung ist jedenfalls dort, wo man sich selbst unzumutbar schädigen würde. Ein anderes Beispiel Wenn Blutkonserven gebraucht werden, kann Blutspenden für Menschen, die das ohne Gefahr für sich selbst tun können, ein moralisches Gebot sein. Aber niemand kann moralisch dazu verpflichtet werden, einen Lungenflügel zu spenden, auch wenn die gebraucht würden, weil man dafür einerseits das Risiko der Operation eingehen muss, und andererseits die eigene Lebensqualität deutlich einschränken und die Lebenserwartung wohl verkürzen würde. Also, der erste Punkt des Arguments ist, dass es jedenfalls moralisch geboten ist zu helfen, wenn man das ohne Schaden für das eigene Wohlbefinden tun kann.
  2. Es gibt Menschen, denen mit finanziellen Mitteln geholfen werden könnte. Das sind unzählige Menschen auf der ganzen Welt, die in Armut leben, die hungern müssen, wohnungslose Menschen, Kriegsvertriebene in Elendslagern, Menschen, die an behandelbaren Krankheiten sterben, etc. Es gibt sehr, sehr, sehr viele Menschen, denen mit Geld geholfen werden könnte.
  3. Milliardär*innen haben viel mehr Geld, als man für ein gutes Leben braucht. Selbst wenn man für ein gutes Leben zehn Villen auf fünf Kontinenten, zwanzig Teslas, eine Yacht für jedes Meer und 1000 Hausangestellte brauchen sollte, selbst wenn man für ein gutes Leben das alles jedem einzelnen seiner Kinder extra vererben können muss, selbst wenn man für ein gutes Leben noch finanzielle Sicherheiten in Anleihen, Aktien und Gold brauchen sollte, hätten die Milliardär*innen immer noch sehr, sehr viel Geld übrig, das sie nicht für ein gutes Leben brauchen.
  4. Die Milliardär*innen haben also Milliarden, die sie nicht für ein gutes Leben brauchen, verwenden diese aber nicht alle, um Menschen in Not zu helfen, wie es moralisch geboten wäre.
  5. Wer nicht tut was moralisch geboten ist, handelt unmoralisch.

Ergo Alle Milliardär*innen sind unmoralisch. Man kann in einer Welt mit so viel Not und Leid kein Milliardenvermögen anhäufen, ohne unmoralisch zu handeln. Alle Milliardär*innen sind unmoralische Menschen.

Im Beispiel mit dem ertrinkenden Kind im Teich sind viele Milliardär*innen also nicht die, die in den Teich springen um das Kind zu retten, sondern die, denen der Teich gehört, und die von den Rettungskräften Eintritt verlangen, um mit der Situation Profit machen zu können. Sicher gibt es ein paar Reiche wie Bill Gates oder George Soros, die den Einsatz der Rettungskräfte bei ihrem Teich nicht nur zulassen, sondern den Einsatzkräften auch etwas spenden würden. Aber sie könnten sich halt leisten, Rettungsschwimmer*innen für alle Teiche dieser Welt zu finanzieren. Aber das tun sie nicht.

Reiche, die ab und zu ein paar Krümel ihres zusammengerafften Vermögens mit anderen teilen, sind keine gute Menschen, sie sind höchstens marginal weniger unmoralische Menschen als die Bonzen, Bosse und Geleliten, die das Geld für ausschließlich unmoralische Zwecke einsetzen, wie zum Beispiel persönliche Bereicherung oder Klimawandelleugnung.

Zwei Konzepte für gerechte Vermögenssteuern

Wenn es um gerechte Steuern geht, sind die Agent*innen der Bonzen, Bosse und Geldeliten schnell zur Stelle, um ihre Lügen und Propaganda zu verbreiten. Und nichts anderes sind die Scheinargumente, die gegen eine gerechte Besteuerung von Vermögen angeführt werden. Anstatt dieser Propaganda hier Raum zu geben, werde ich stattdessen einen einfachen und eleganten Plan diskutieren, der die Scheinargumente entkräftet. Und zwar ist das der Plan der amerikanischen Senatorin Elizabeth Warren. Ihre sogenannte Ultra-Millionärssteuer betrifft nur Menschen, deren Nettovermögen mehr als 50 Millionen Dollar ausmacht. Die erste Lüge, dass eine gerechte Vermögenssteuer dich und mich, Häuselbauer*innen und normale Menschen betreffen würde, ist damit wiederlegt. 50 Millionen Euro besitzt man nur, wenn man auf Kosten anderer Vermögen anhäuft. Niemand erarbeitet sich so viel Geld mit denen eigenen Händen. Sogar Lottogewinner*innen kommen nicht in diese Höhe, und wer mehr Geld hat als Lottogewinner*innen, kann davon ruhig einen gerechten Beitrag leisten.

Aber, lügt die Propaganda des Kapitals, Milliardär*innen seien scheue Rehe. Wenn sie gerechte Steuern sehen, würden sie sofort flüchten. Na gut, sollen sie sich halt schleichen. Sie leisten ja eh keinen Beitrag zum Gemeinwohl. Die Unternehmen, die sie besitzen, können sie ja eh nicht zusammenpacken und mitnehmen, das wäre erstens teuer und zweitens haben die den Standort ja nicht aus Wohltätigkeit ausgewählt. Wenn es in ihren raffgierigen Profitkalkulationen Sinn machen würde, den Standort zu wechseln, würden sie alle das auch jetzt sofort und ohne mit der Wimper zu zucken tun. Und wenn es für ihren Profit mehr Sinn macht, dass das Unternehmen in Österreich bleibt, dann bleibt das Unternehmen hier, egal wo die egoistischen Steuervermeider*innen hinziehen wollen. Und warum sollten die Milliardär*innen überhaupt flüchten wollen? In ihrem täglichen Leben merken sie die Steuerzahlungen ja gar nicht.

Warrens Plan ist ganz einfach. Bei einem Vermögen unter 50 Millionen Dollar zahlt man keine neuen Steuern. Zwischen 50 Millionen und einer Milliarde zahlt man 2 % jährlich auf das gesamte Nettovermögen. Und über einer Milliarde gibt es noch einen Milliardärsaufschlag von 4 %, also 6 % Steuern. Das würde in 10 Jahren in den USA fast 4 Billionen Dollar Steuereinnahmen bringen. Ja, Billionen. Und selbst wenn der Staat damit die Milliardär*innen zu Millionär*innen machen würde. In was für einer Welt sind die Sorgen eines Menschen berücksichtigenswert, dass er 2 % Steuern zahlen muss, weil er mehr als 50 Millionen Dollar besitzt? Nicht in einer Welt in die Kinder verhungern, in der Menschen an behandelbaren Krankheiten sterben. Nicht in einer Welt in der der Großteil der Menschheit in Armut lebt. Selbst wenn die Steuer alle Milliardär*innen enteignen würde bis sie „nur“ noch 50 Millionen Dollar besitzen, was nicht passieren kann, aber selbst wenn, wäre daran nichts unmoralisch, solange die Steuereinnahmen für die Allgemeinheit genützt würden.

Einen moderateren Vorschlag für eine realistische Vermögenssteuer auf europäischer Ebene haben Ökonomen der Universität Berkeley und der London School of Economics gemacht. Und zwar eine Steuer nur für das reichste 1 %. Mit einer moderaten progressiven Vermögenssteuer könnte man auf EU-Ebene Kosten der Coronakrise gerecht finanzieren. Die Ökonomen rechnen vor, dass man damit Maßnahmen in Höhe von 10 % des EU-Bruttoinlandsprodukts der EU binnen 10 Jahren wieder herinnen hätte. Ein Rettungspaket in dieser Höhe hat ja unlängst der neoliberale französische Präsident Emanuel Macron vorgeschlagen.

Wir würde die Steuer aussehen? Ganz einfach. Das reichste 1 % zahlt 1 % Vermögenssteuer, wirklich nicht viel. Das reichste 0,1 % zahlt noch einmal 1 % mehr, und alle Milliardär*innen zahlen noch einmal 1 % zusätzlich. Damit würden pro Jahr rund 1,05 % des EU Bruttoinlandsprodukts eingenommen.

Selbst eine so geringe Steuer, die nur das reichste 1 % betrifft, könnte also schon einen wichtigen Beitrag zu mehr Gerechtigkeit leisten. Es gibt keinen guten Grund dafür, dass die Krankpfleger*innen, Einzelhandelsangestellten, Kindergartenpädagog*innen, Lehrer*innen, Öffi-Fahrer*innen, die Arbeiter*innen in der Infrastruktur, alle die Held*innen der Krise, aber auch alle anderen, vom Studenten zur Pensionistin, vom Installateur zur Tischlerin, alle, die zu den 99 % der Bevölkerung gehören, die sich nicht soviel Vermögen zusammengerafft haben, warum wir alle, für die Krise zahlen sollen, wenn die Bonzen, Bosse und Geldeliten mehr als genug Geld haben. Der Staat muss es sich nur holen.

ÖGB-Präsident Wolfgang Katzian unlängst davon gesprochen, dass wir in Österreich und Europa vor dem größten Verteilungskampf stehen, den es je gegeben hat. Und das wird kein Kampf unter Gleichen, sondern ein Klassenkampf. Das kann und soll man aussprechen. Man kann nur verstehen, wovon man spricht, wenn man es auch richtig benennt.

Außerdem ist Klassenkampf ja kein schmutziges Wort, aber wir müssen ihn vom Kopf wieder auf die Füße stellen, und ihn von unten gegen oben zu führen. Das 1 % hat nie aufgehört Klassenkampf zu führen, es ist höchste Zeit, endlich wieder dagegen zu halten. Außerdem denke ich, dass die ÖVP in Opposition geschickt werden muss.

Fotos: Luke Jones/Unsplash

2 Antworten zu “#5 Milliardär*innen VS Held*innen – wer soll für die Coronakrise zahlen?”

  1. […] der letzten Folge habe ich über den kommenden Verteilungskampf gesprochen, der die Frage beantworten wird, wer für […]

  2. […] auf die ich heute nicht weiter eingehen will. Die letzten beiden Folgen dieses Podcasts (#5 und #6) haben sich mit der extrem ungerechten Verteilung von Vermögen beschäftigt, diese […]

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