#10 War der Austrofaschismus ein echter Faschismus? Ja.

In der letzten Folge habe ich einen komprimierten Überblick über den verdrängten Faschismus im Österreich der 30 Jahre gegeben, die brutale Diktatur der Arbeitermörder Dollfuß und Schuschnigg. Die Ideologie und auch die Diktatur selbst nennen wir heute oft Austrofaschismus. In der Selbstbezeichnung hat man sich als christlich-katholischer Ständestaat gesehen, weshalb der Austrofaschismus auch oft als Klerikalfaschismus bezeichnet wird. Nicht ganz zu Unrecht, denn die Vernichtung der Demokratie und die Errichtung eines autoritären sogenannten Ständestaates fand große Unterstützung im Klerus.

Im Überblick über die Diktatur des Austrofaschismus in der letzten Folge blieb kaum Zeit, sich mit der faschistischen Ideologie auseinanderzusetzen. Das hole ich in dieser Folge nach. Dabei werde ich einerseits die Ideologie präsentieren und andererseits argumentieren, dass es sich dabei tatsächlich um eine Variante von Faschismus handelt. Diese Frage ist nämlich nicht ganz unumstritten.

Literatur zu dieser Folge

Emmerich Tálos, Wolfgang Neugebauer (Hg.): Austrofaschismus. Politik – Ökonomie – Kultur 1933-1938
Lucile Dreidemy: Der Dollfuß-Mythos
Emmerich Tálos und Florian Wenninger: Das austrofaschistische Österreich 1933-1938

Aber man muss da zwei Arten von Diskussionen unterscheiden. Da sind zum einen wissenschaftliche Diskussionen unter Historiker*innen und Faschismusforscher*innen. Hier geht es meistens um zwei Dinge. Entweder wird eine Faschismusdefinition verwendet, die der Austrofaschismus nicht zur Gänze erfüllt, und dann wird diskutiert ob man die Definition korrigieren soll, oder ob der Austrofaschismus vielleicht nicht ganz faschistisch, sondern mehr faschistoid oder ganz anders war. Oder die Wissenschafter*innen diskutieren, ob der Begriff „Austrofaschismus“ an sich nicht zu politisch konnotiert ist, ob es sich dabei nicht um einen „Kampfbegriff“ handelt, den die Wissenschaft deshalb nicht verwendet sollte. Dabei muss man beachten, dass es nur um die Bezeichnung des Regimes und der Ideologie geht. Man kann die Bezeichnung Austrofaschismus ablehnen, aber trotzdem zustimmen, dass es eine faschistische Diktatur war. Jedenfalls sind das, meiner Meinung nach, vollkommen legitime Diskussionen und es macht Sinn sie zu führen. Aber dann gibt es da noch die andere Art von Diskussionen.

Bei denen geht es nicht um die Suche nach der bestmöglichen Definition von Faschismus oder die Korrektheit wissenschaftlicher Sprache, sondern um eine politische Relativierung und Rehabilitierung der mörderischen Diktatur des Austrofaschismus. Wir hatten das schon in der letzten Folge: Der Nationalsozialismus war so ein furchtbares Verbrechen, dass es leicht ist, daneben weniger schlimm zu wirken. Wenn die Dollfuß-Diktatur dann nicht nur selbst kein Faschismus war, sondern auch Österreich gegen den sogenannten „Anschluss“ an das nationalsozialistische Deutschland verteidigen wollte, waren Dollfuß und Co dann nicht vielleicht sogar ganz ok? Weil sie ja gegen Hitler waren?

Es gab in der 2. Republik zahlreiche Klerikalfaschist*innen und andere Konservative, die genau so argumentierten. Der Austrofaschismus sei Widerstand gegen den Nationalsozialismus gewesen, und Dollfuß überhaupt das erste Opfer der Nazis. Ich will jetzt nicht alles wiederholen was ich letzte Folge gesagt habe, aber das ist eine zynische und perverse Argumentation. Wer erst einen mörderischen Faschismus errichtet und dann eben die Macht nicht an einen anderen mörderischen Faschismus abgeben will, ist deshalb kein Widerstandskämpfer, sondern ist und bleibt ein Faschist.

Das gleiche gilt auf ideologischer Ebene. Nur weil der Austrofaschismus keine singuläre Zäsur wie die Shoa verbrochen hat und nicht auf einer Ebene mit dem Nationalsozialismus stehen kann, ist er deshalb nicht automatisch gut oder harmlos. Die Austrofaschisten haben die Demokratie in Österreich vernichtet, sie haben eine brutale und mörderische Diktatur errichtet, Menschen aufgrund ihrer politischen Gesinnung, ihrer Herkunft oder ihres sozialen Status verfolgt und interniert, das Militär mit schweren Waffen auf die eigene Bevölkerung schießen lassen und Menschen, die für die Demokratie kämpften, wegen dieses Einsatzes für die Demokratie und gegen die Diktatur zum Tode verurteilt und ermordet.

Die von der Christlichsozialen Partei errichtete Diktatur unter Dollfuß und Schuschnigg war mörderisch und ungerecht, sie war ein verbrecherischer Unrechtsstaat und sie war faschistisch, und zwar aus den folgenden Gründen.

Warum die die Dollfuß/Schuschnigg-Diktatur faschistisch war

Als erstes möchte ich ein paar Zeugen nennen, die gänzlich unverdächtig sind, die Diktatur des Austrofaschismus schlechtreden zu wollen, und die eben diese Diktatur als eine Variante faschistischer Herrschaft ansahen. Die beiden Zeugen hatten ganz sicher keine Motivation die Diktatur zu beschimpfen, sie waren nämlich die beiden formal höchsten Amtsträger im austrofaschistischen Staat. Zum einen war das Wilhelm Miklas, der die ganze Diktatur hindurch Bundespräsident war. Und zum anderen Rudolf Hoyos-Sprinzenstein. Der war in den Heimwehren aktiv und nach der Abschaffung des Nationalrats wurde er 1934 Präsident des neu eingeführten Bundestages. Das war kein demokratisches Parlament, sondern ein Gremium, dass die Politik der Regierung abnickte, aber wie heute der Nationalratspräsident war damals Präsident dieses Bundestages formal das zweithöchste Amt im Staat. Und diese beiden Herren sahen den Austrofaschismus als eine Variante faschistischer Herrschaft. Womit die beiden nicht allein waren. Die austrofaschistische Einheitspartei Vaterländische Front schrieb in ihren „Richtlinien zur Führerausbildung“ offen, dass Österreich einer jener Staaten war, die „faschistische Staatsformen verschiedener Spielarten angenommen“ hatten. Wenn man also erklären will, dass der Austrofaschismus kein Faschismus war, muss man damit bei den Austrofaschisten beginnen, die sich ganz offen zum Faschismus bekannten.

Jetzt sind Faschisten selbstverständlich keine verlässlichen Zeugen und im Nachhinein würden sie das wohl alles leugnen, aber es ist trotzdem wichtig zu wissen, dass Faschismus keine Fremdzuschreibung für die Diktatur ist, es ist keine Abwertung die der Diktatur im Nachhinein von den Linken aufs Aug gedrückt worden wäre. Nein, die Austrofaschisten selbst sahen sich ganz und gar nicht als Kämpfer gegen den Faschismus, sondern explizit selbst als eine Variante faschistischer Herrschaft. Das erste Argument dafür, dass der austrofaschistische Staat tatsächlich ein faschistischer Staat war ist also, dass es sowohl für die Einheitspartei als auch für die höchsten Würdenträger des Staates vollkommen klar war, dass ihr Staat ein faschistischer Staat ist. Und ich mein, die müssen das eigentlich wissen.

Die Historikerin Lucile Dreidemy weist in ihrem Buch über den Kult um Dollfuß aus gutem Grund darauf hin, dass die eigenen Vorstellungen und Gestaltungsansprüche des Regimes ja wohl eine entscheidende Rolle in dieser Diskussion zu spielen haben. Sie verweist auf den Politologen Emmerich Tálos, dem wahrscheinlich wichtigsten Forscher zum „Austrofaschismus“, der den Begriff geprägt hat und auf dessen Arbeit sich diese Folge auch sehr stützt.

Also ok, die Austrofaschisten selbst wollten Faschisten sein und sahen sich als solche. Aber was ist mit den Einwänden, dass dem Regime bestimmte Merkmale fehlten, die andere faschistische Diktaturen hatten, zum Beispiel die Massenbewegung bzw. Massenbasis oder das unbedingte territoriale Expansionsstreben oder imperialistische Ambitionen?

Hier stellt sich einmal die Frage, welche Merkmale denn unbedingt notwendig sind, um von Faschismus sprechen zu können. Würde man das unbedingte Streben nach neuen Gebieten zu einem notwendigen Teil der Definition machen, dann könnte es in keinem kleinen Land Faschismus geben, weil es für ein Land wie Österreich damals unsinnig und unmöglich gewesen wäre, irgendwelche Angriffskriege zu führen. Das klingt nicht unbedingt überzeugend, oder? Eine Definition die zu eng an das Verhalten des nationalsozialistischen Deutschlands und des faschistischen Italiens angelehnt ist, würde ja bedeuten, dass nur diese beiden Länder jemals faschistisch sein konnten. Aber das ist nicht was wir meinen, wenn wir Faschismus sagen.

Ich denke für die meisten von uns ist es intuitiv viel plausibler, dass Faschismus eine Menge von Merkmalen hat, und wenn ein Regime genug davon erfüllt, dann kann man es zu Recht faschistisch nennen. Es muss nicht quasi ident zum schlimmsten Faschismus der Geschichte sein. Manche Merkmale sind wichtiger, manche weniger wichtig, einige sind wohl unverzichtbare Kernelemente die einen Faschismus als Faschismus erkennbar machen. Aber ich denke eine gesamtheitliche Beurteilung einer Ideologie oder eines Regimes ist sinnvoller als eine Checkliste, auf der man jeden Punkt erfüllen muss, um das Faschismus-Gütesigel zu bekommen.

Wenn wir „Austrofaschismus“ sagen, meinen wir damit ja eine eigenständige Variante des Faschismus, nicht, dass es genau gleich war wie in Italien, an dem sich die österreichische Diktatur damals sehr stark orientierte.

Die Ideologie des Austrofaschismus

In der letzten Folge erwähnte ich bereits die Trabrennplatzrede von Diktator Dollfuß. In dieser Rede gab er vor, wie das politische System Österreichs umgebaut werden sollte. Ganz grundlegend waren für Dollfuß und die Christlich-Soziale Partei die unbedingte Ablehnung der Demokratie. Der Diktator verkündete das Ende des Parlamentarismus und des Parteienpluralismus.

Ein zentrales Merkmal des Faschismus allgemein ist sein Antimarxismus oder Antisozialismus. Das heißt nicht, dass alle die antimarxistisch sind automatisch faschistisch sind, so funktioniert Logik nicht. Eine antimarxistische Ideologie kann auch aus anderen Gründen falsch sein, sie muss nicht faschistisch sein. Zum Beispiel verstehen sich heute Konservative, Libertäre und Faschist*innen sehr gut in ihrem gemeinsamen Antimarxismus. Wirkliche BFFs. Der Punkt hier ist nur, dass Faschismus jedenfalls auch eine sehr sehr starke Neigung zum Antimarxismus hat. Dabei wird die marxistische Einsicht in die Klassengegensätze und den stattfindenden Klassenkampf abgelehnt. Stattdessen stülpen die Faschismen etwas anderes über die Realität der Klassengegensätze. Bei den Nazis war das bekanntlich die Einheit des deutschen „Volkskörpers“, im Austrofaschismus waren das unter dem Einfluss des politischen Katholizismus die Stände. Dollfuß meinte, dass wenn man Arbeit und Kapital, Bauer und Knecht in gemeinsamen Ständen organisieren würde, dann würden die Gegensätze überwunden werden.

Neben dem Antiparlamentarismus, dem Antimarxismus und der ständischen Organisation war die autoritäre Führung ein weiterer Eckpfeiler des Austrofaschismus, den Dollfuß verkündete. Dem Führerprinzip war alles andere unterzuordnen, der Staat sollte geschlossen hinter dem Führer stehen.

Der Austrofaschismus bezog sich eng auf die Katholische Kirche. Formal war es eine christliche Diktatur, aber der Katholizismus stand über allem. Für die ständische Organisation konnte man immerhin den Papst selbst als Vordenker heranziehen, da er 1931 eine entsprechende Enzyklika veröffentlich hatte. Der traditionelle katholische Sexismus prägte die austrofaschistische Sicht auf Männer und Frauen, es gab klare „gottgegebene“ Geschlechterrollen und eine hierarchisch organisierte Familie, in der sich Frau und Kinder dem Mann unterzuordnen hatten. So ein Maskulinismus, die Betonung der Dominanz und Überlegenheit des Mannes, ist ein ganz wesentliches Element historischer Faschismen.

Emmerich Tálos und Florian Wenninger beschreiben die diesbezügliche Weltanschauung des Austrofaschismus wie folgt:

Ungleichstellung von Mann und Frau, Zurückdrängung der Frau aus dem öffentlichen Leben und aus politischen Funktionen, ihre Reduktion auf die „natürliche“ Berufssphäre als Gattin und Mutter, auf die Erfüllung ihrer mütterlichen und häuslichen Pflichten. Zur Abwehr des Unterganges des Vaterlandes wurde die Rückkehr zur christlichen Familie als notwendig erachtet.

Zwei weitere Merkmale des Austrofaschismus werden heute oft vergessen, vielleicht weil sie im Nationalsozialismus so viel extremer auftraten, dass sie den Austrofaschismus überstrahlen. Oder vielleicht weil man sich einfach nicht daran erinnert will. Aber jedenfalls hatten Nationalsozialismus und Austrofaschismus bis zu einem gewissen Grad Antisemitismus und eine gewisse Deutschtümelei gemeinsam. Man sah sich im Austrofaschismus als deutscher Staat und als Teil der historischen Mission des deutschen Volkes, was auch immer das genau sein soll. Aber der Nationalsozialismus war für den Austrofaschismus kein Verbündeter, sondern ein Gegner, schließlich wollten beide Faschismen das gleiche Land, Österreich, beherrschen. Damit war Österreich in der historisch einzigartigen Situation, dass es zwei Konkurrenzfaschismen hatte. Für alle anderen Länder der Welt war ein Faschismus genug, nur der österreichische Hunger nach Faschismus war so unersättlich, dass es zwei sein mussten. Das nationalsozialistische Deutschland mit seinem Streben nach Österreich war im Vergleich selbstverständlich übermächtig, was die enge Orientierung Österreichs am anderen großen Nachbarn, Italien, teilweise erklären dürfte.

Der Vergleich mit Italien macht sicher

Aber eben nur teilweise. Denn die Vorläufer des Austrofaschismus orientierten sich von Anfang an am Faschistischen Italien. Mussolinis sogenannter „Marsch auf Rom“ war Vorbild für die Heimwehren, auch wenn sie nie etwas vergleichbares umsetzen konnten. Bis hinauf zum langjährigen Kanzler und Parteiobmann Ignatz Seipel bewunderten die Christlich-Sozialen den italienischen Faschismus. Es ist also nicht überraschend, dass die Christlichen-Sozialen beim Aufbau ihrer Diktatur in Österreich Italien nachmachten. Die Ähnlichkeiten, von politischen Organisationen über Ästhetik und Rhetorik der Inszenierung bis zur Verfolgung von Oppositionellen, war so deutlich, dass manche Historiker*innen den Austrofaschismus im Rückblick als „Imitationsfaschismus“ bezeichnet haben.

Nicht nur strukturell und optisch gab es viele Ähnlichkeiten mit den Faschismen der großen Nachbarn. Wichtige Eckpunkte der Ideologie waren in allen drei faschistischen Diktaturen vertreten, sie waren antidemokratisch, antiliberal, antipluralistisch, antimarxistisch und wollten die Klassengegensätze durch die Schaffung einer hierarchischen Gemeinschaft überwinden (Volk bzw. Stände). Auch die politischen Allianzen, die die Demokratie ausschalteten und faschistische Diktaturen errichteten, waren in den drei Ländern gleich. Es waren Koalitionen aus faschistischen Organisationen und dem bürgerlichen Parteienspektrum, unterstützt von Großindustriellen und Unternehmerverbänden.

Aber Österreich weist auch hier eine nicht uninteressante Besonderheit auf. In Italien und Deutschland war die Partei, die schon vor der Ausschaltung der Demokratie explizit faschistisch war, die Partei des Regierungschefs, Mussolini bzw. Hitler. Die bürgerlichen Parteien machten den faschistischen Parteien „nur“ den vielzitierten Steigbügelhalter. Aber in Österreich waren die faschistischen Heimwehren in ihrer politischen Organisation des Heimatblocks nur ein kleiner Juniorpartner jener Koalition, die die Demokratie vernichtete. Es war das bürgerliche Lager, das die Koalition anführte und die faschistische Diktatur errichtete.

Das ist jetzt nicht die relevanteste Besonderheit der Welt, weil der Übergang zwischen bürgerlichen und faschistischen Parteien bekanntlich fließend ist. Mit Adorno ist der Faschismus das logische Ende der bürgerlichen Gesellschaft. Aber es ist trotzdem nicht unwichtig, weil nach dem zweiten Weltkrieg die Verbrechen der Christlich-Sozialen Partei ungesühnt und verdrängt blieben, bis heute. Es waren nicht die Deutschnationalen oder irgendwelche anderen Faschismen, die die Demokratie in Österreich vernichteten. Nein, es war das bürgerliche Lager.

Insgesamt waren die Koalitionen, die die Demokratien ausschalteten, aber sehr ähnlich zusammengesetzt, nur mit dem auffällig unterschiedlichen Schwerpunkt in Österreich. Tálos und Wenninger schreiben über die Ähnlichkeit zwischen Italien und Österreich:

Die Errichtung des faschistischen Herrschaftssystems wurde hier wie dort möglich durch das Zusammenspiel bürgerlicher Parteien, des staatlichen Gewaltapparates, des Staatsoberhauptes und der Katholischen Kirche mit rechtsradikalen Milizen sowie Interessensorganisationen des Finanzkapitals, der Industrie, des Gewerbes und des Großgrundbesitzes.

Ein Unterschied zwischen Österreich und Italien war, wie schnell die Ausschaltung der Demokratie passierte. In Österreich war der Prozess im Wesentlichen innerhalb eines Jahres, von der Ausschaltung des Parlaments durch Dollfuß 1933 bis nach den Februarkämpfen gegen die Arbeiter*innenbewegung 1934, abgeschlossen. In Italien war es ein längerer Prozess vieler Schritte, zum Beispiel hielt man dort lange pro forma an Wahlen und Parlament fest. Das parlamentarische System wurde erst 1939 vollständig beseitigt, 17 Jahre nachdem Mussolini Regierungschef wurde.

Neben der antidemokratischen Gesinnung denken wir wohl alle beim Wort Faschismus an staatlichen Terror und Unterdrückung. Das Bild, dass vermutlich die meisten von uns vor Augen haben ist der beispiellose Terrorapparat des Nationalsozialismus. Das austrofaschistische Österreich, aber auch Italien, erreichten dieses Level nie. Aber das heißt nicht, dass es keine politischen Repressionen gab. Das fing mit dem Verbot aller oppositionellen politischen Organisationen an und wurde bald zur direkten Verfolgung Oppositioneller. Zehntausende Menschen wurden in Gefängnissen und in eigens eingerichteten Lagern eingesperrt, die Todesstrafe wurde wieder eingeführt und von Standgerichten auch verhängt, am berüchtigtsten wohl nach der Niederschlagung des Widerstands der Arbeiter*innenbewegung im Februar 1934.

Eine weitere Gemeinsamkeit der Faschismen war der Führerkult, allerdings wieder mit einer österreichischen Besonderheit. Während in Italien der „duce“ regierte und verehrte wurde, und in Deutschland der „Führer“, ruhte in Österreich die Kultfigur ab Juli 1934 in einem Grab. Der Diktator und Arbeitermörder Dollfuß, um den es im Führerkult ging, wurde bei einem gescheiterten Putschversuch der Nazis ermordet. Während also die anderen Faschismen ihre lebedingen Anführer verehrten, betrieb Österreich den Kult um einen Toten. Und nur weil wir heute viel mehr über den Kult um Hitler wissen, heißt das nicht, dass der Kult um Dollfuß nicht ausgeprägt war. Nicht so ausgeprägt wie der um Hitler, aber er war doch ziemlich umfangreich und wirkt tatsächlich bis heute nach. Ich kann das jetzt im Detail leider nicht besprechen, weil das die Folge sprengen würde, aber wenn dich das interessiert, kann ich dir das Buch das Lucile Dreidemy darüber geschrieben hat sehr empfehlen. Infos dazu in den Shownotes.

Ein weiterer Einwand dagegen, den Austrofaschismus als Faschismus zu bezeichnen ist oft, dass er keine Massenbasis gehabt hätte. Nur stimmt das halt so nicht. Die Vaterländische Front, die Einheitspartei des Austrofaschismus, war eine absolute Massenorganisation. Am Höhepunkt hatte sie 3,3 Millionen Mitglieder, das war knapp die Hälfte der damaligen Bevölkerung von 6,7 Millionen. Die Zahlen sind im Verhältnis ungefähr gleich wie in Italien, wo 1939 ungefähr die Hälfte der Bevölkerung in irgendeiner Form faschistisch organisiert war. Und sicher kann man sagen, dass es Druck gab, der Vaterländischen Front beizutreten, und dass viele es aus Opportunismus machten, aber das stimmt halt für Italien genauso. Der Austrofaschismus hatte absolut eine Massenbasis, das übersieht man nur leicht, weil der Nationalsozialismus in Österreich letztlich sogar noch populärer war.

Aus der Geschichte lernen?

Wir wissen jetzt, was die Eckpfeiler des Austrofaschismus waren, und wie ähnlich er vor allem dem italienischen Faschismus war. Warum also, soll die antidemokratische, antisozialistische, antipluralistische, antiliberale, antisemitische, sexistische und autoritäre Ideologie der Diktatur, die in Österreich von 1933-1938 herrschte und Andersdenkende brutal verfolgte und auch hinrichtete, kein Faschismus gewesen sein?

Man kann sich so lange auf Details fixieren, bis man das Ganze nicht mehr sieht, den Wald vor lauter Bäumen, den Faschismus vor lauter faschistischen Merkmalen. Offensichtlich regierten von 1933-1938 in Deutschland und Österreich verschiedene Ideologien. Aber das heißt nicht, dass nur eine davon faschistisch sein kann. Sich in dieser Diskussion auf Deutschland zu fixieren ist im Wesentlichen ein Irrtum oder eine Ablenkung. Weder war der Nationalsozialismus der einzige Faschismus, noch wurde Faschismus in Deutschland erfunden.

Vergleicht man das austrofaschistische Österreich mit dem Land, nach dem der Faschismus benannt wurde, Italien, wird es schon sehr viel schwerer, wirklich große Unterschiede zu finden. Am deutlichsten unterschied sich wohl Mussolinis Imperialismus, der Drang neue Gebiete zu erobern, Italien militärisch zu erweitern, Angriffskriege zu führen, von Österreich. Aber nicht, weil Österreich eine pazifistische Ideologie der Liebe und des Friedens vertreten hätte, sondern weil Österreich einfach zu klein und zu schwach war, als das jemand ernsthaft an militärische Expansion hätte denken können. Ein österreichischer Imperialismus hätte zur Zeit des Austrofaschismus offensichtlich keinen Sinn gemacht.

Ich denke wie gesagt nicht, dass dieser Unterschied ein gutes Argument ist, weil damit würden wir sagen, dass kleine Länder niemals faschistisch sein können, was einfach eine absurde Schlussfolgerung wäre.

Der Austrofaschismus war ein Faschismus, nur eben ein wenig anders. So wie sich auch die anderen Faschismen voneinander unterscheiden. Italien und Deutschland hatten wohl die Protofaschismen, also Idealtypen von Faschismus an denen sich die Diskussionen bis heute orientieren. Aber das „Austro“ in Austrofaschismus weist ja auch daraufhin, dass Österreich keinen eigenständigen Faschismus hatte, sondern eine Variante dieser tödlichen Ideologie. Man lehnte sich sehr an das faschistische Italien an, auch wenn es einige wichtige Unterschiede gab. Diese Unterschiede sind aber kein Grund, wieso Österreichs Diktatur nicht faschistisch gewesen sein soll. Ein Unterschied war ja z.B., dass die Demokratie in Österreich viel schneller vernichtet wurde. Das bloße Vorhandensein von gewissen Unterschieden kann also wirklich kein Argument dagegen sein, dass der Austrofaschismus ein Faschismus war.

Es reicht nicht aus, den Austrofaschismus als Diktatur zu beschreiben, weil das Regime so viele wichtige Gemeinsamkeiten mit den Prototypen des Faschismus in Deutschland und Italien hatte, die „normale“ Diktaturen nicht haben, allen voran die klar faschistische Ideologie, nach der die Gesellschaft umgestaltet werden sollte.

Eine ideologische Gemeinsamkeit der verschiedenen Faschismen war und ist ihr Hass auf Sozialismus und Marxismus. In den 1930er Jahren wollten Deutschland, Italien und Österreich die von den Marxist*innen und Sozialist*innen erkannten und beschriebenen Klassengegensätze durch die Zusammenführung der Klassen in eine hierarchische Gemeinschaft überwinden. Nur geht das eben nicht. Man kann die Gegensätze so maximal verschleiern, die Arbeiter*innen glauben lassen, dass sie mit den Ausbeuter*innen im selben Boot sitzen. Aber das stimmt nicht, die Klassen haben gegensätzliche Interessen.

Lehren aus der Geschichte zu ziehen ist immer schwierig. Die Geschichte kann sich nicht wehren, wenn sie instrumentalisiert wird und unsere Erinnerung an Gestern ist so lückenhaft, dass es absurd wäre zu glauben, dass wir irgendeine Vergangenheit vollständig abbilden oder verstehen könnten. Aber daraus folgt ja nicht, dass wir etwas überhaupt nichts verstehen können. Gerade wenn es darum geht wiederkehrende Muster zu erkennen, kann Geschichte sehr lehrreich sein.

Dazu möchte ich sinngemäß aus der Geschichtsphilosophie von Karl Jaspers zitieren. Der hat über den Nationalsozialismus und die Shoa gesagt, dass es möglich war, dass es geschah, also bleibt es möglich. Nur im Wissen darum kann es verhindert werden. Das gilt für alle Faschismen, nicht nur den schlimmsten.

Und was hat das jetzt mit Klassenkampf zu tun?

Die Faschismen waren eine Strategie der Reichen, den Klassenkampf zu ihrem Vorteil zu ersticken. Solche gibt es immer wieder, und sie sind immer gefährlich. Der Faschismus ist heute zurück auf der politischen Bühne der Welt, daran gibt es keinen Zweifel. Aber auch wenn er das behauptet, konnte er die Klassengegensätze nie aufheben und will das auch gar nicht, auch heute nicht.

Es ist noch keine hundert Jahre her, dass das bürgerliche Lager in Österreich gemeinsam mit den faschistischen Heimwehren und den Industriellen und Großgrundbesitzenden die Demokratie vernichtet und eine faschistische Diktatur errichtet haben. Es gibt keinen Grund zu glauben, dass das nicht wieder passieren kann.

Das Zudecken und Verschleiern der Klassengegensätze ist attraktive für jene, die vom status quo profitieren, also die Ausbeuter*innen. Für uns anderen wäre es dagegen besser, die gegensätzlichen Klasseninteressen sichtbar zu machen und auch auszutragen. Und das ist unsere heutige Form von Klassenkampf. Politisch. Mit Worten und mit Anwesenheit, mit Demonstrationen und zur Wahl gehen. Aber wir müssen den politischen Klassenkampf annehmen, bevor es zu spät ist. Und dabei hilft, das was ist, auch so zu benennen. Wer die Klassengegensätze und den Klassenkampf verstehen will, muss zuerst einmal wissen, dass wir über Klassengegensätze und Klassenkampf reden, und nicht über irgendwelchen liberalen Bullshit.

Es ist wichtig und richtig die Dinge zu benennen, auszusprechen was ist. Klassenkampf ist kein schmutziges Wort. Aber wir müssen ihn vom Kopf wieder auf die Füße stellen, und ihn von unten gegen oben führen. Das 1 % hat nie aufgehört Klassenkampf zu führen, es ist höchste Zeit, endlich wieder dagegen zu halten. Außerdem denke ich, dass die ÖVP in Opposition geschickt werden muss.

Eine Antwort zu “#10 War der Austrofaschismus ein echter Faschismus? Ja.”

  1. […] Siedlungshäuser im Besitz und der Verwaltung der Gemeinde Wien. Berücksichtigt man die unter der faschistischen Dollfuß/Schuschnigg Diktatur fertiggestellten Gebäude waren es sogar 64.125 Wohnungen. Die kommunalen Wohnbauten wurden bewusst […]

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