Lieblingsblatt “Economist”

März 22, 2008 by Thomas  
Gehört zu Politik

Oliver Pink schreibt in der Tageszeitung “Die Presse” einen Beitrag über Alfred Gusenbauer. Da dieser dort als Person nicht schlecht wegkommt, eher als intelligent und glücklos dargestellt wird, hat sich Oliver Pink damit gleich einmal ordentliche Kritik der rechtskonservativen User der Homepage der Presse eingefangen. Diese scheinen die Ersetzung des rechtskonservativen Chefredakteurs Unterberger durch den weltoffenen liberalen Chefredakteur Fleischhaker nach wie vor nicht verdaut zu haben. Aber anstatt Unterberger zur Wiener Zeitung zu folgen, soll  wohl eher “Die Presse” wieder auf Kurs gebracht werden.

Viel interessanter als die Reaktion pawlowscher  Hunde finde ich aber, dass in dem Artikel im Zuge eines Lobs der Diziplin von Alfred Gusenbauer (O-Ton: “Grundsätzlich ist er sehr diszipliniert. Um sechs Uhr morgens joggt er durch Wien, danach folgt im Kanzleramt die Zeitungslektüre, erst die nationalen, dann die internationalen – ‘Neue Zürcher’, ‘Le Monde’, ‘Guardian’, ‘El Pais’. Sein Lieblingsblatt ist der ‘Economist’.”) fällt eben auch dieser letzte Satz des Zitates. Lieblingsblatt “Economist” - ist das für einen Parteichef einer sozialdemokratischen Partei angemessen? Vertretbar?

Wo genau steht die Linke Österreichs, wenn von den Parteichefs der Grünen und der SPÖ, unwidersprochen gesagt wird, ihre liebste Informationsquelle sei der “Economist”?

Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen - ich möchte die “publizistische Zentrale der Globalisierung”, wie das Monatsmagazin “Datum” den “Economist” in seiner Ausgabe von Dezember 2007 charakterisiert, keineswegs als schlechtes oder böses Blatt hinstellen. Ich würde mich selbst sogar tendenziell als Liberalen bezeichnen, und kann mit der von Datum befundenen Blattlinie “Das Blatt vertritt Liberalismus in Reinkultur – und bildet so die publizistische Speerspitze der Globalisierungsbefürworter. Gleichzeitig fordert der Economist aber strengere Waffengesetze, mehr Rechte für Homosexuelle und die weltweite Abschaffung der Todesstrafe.” viel anfangen.

Der Punkt aber ist - Alexander Van der Bellen und Alfred  sind primär keine Liberalen, nicht in der westeuropäischen Bedeutung des Wortes. Sie beide sind Chefs von Parteien, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, ein Korrektiv zu den negativen Konsequenzen zu sein, die insbesondere Wirtschaftsliberalismus für soziale Randgruppen haben kann. Jetzt aber steht insbesondere Alfred Gusenbauer einer Regierung vor, die den Liberalismus höchstens ein wenig in der Wirtschaft ausprobiert, aber auch da nicht wirklich. Gesellschaftlich hingegen ist sowieso alles versteinert.

Vielleicht sollte Alfred Gusenbauer, auch auf die Gefahr hin, dass das Populistisch klingt, etwas weniger Zeitung lesen, und dafür mehr unter die Leute gehen…

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