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Besprechung: “Was von uns bleibt”

„Was von uns bleibt – Über die Unsterblichkeit der Seele“
von Mathias Schreiber
Verwendete Ausgabe: Deutsche Verlags-Anstalt 2008, 1. Auflage

Im März 2008 erschien bei der Deutschen Verlags-Anstalt (DVA) der Titel „Was von uns bleibt – Über die Unsterblichkeit der Seele“, geschrieben von Spiegel-Journalist Mathias Schreiber. Großartig Staub aufgewirbelt dürfte das Buch nicht haben. Googelt man es, findet man eine Menge Verkaufsangebote, aber keine Rezensionen. Auch die Bertelsmann gehörende Verlagsgruppe Randomhouse, zu der die DVA gehört, muss auf ihrer Homepage für das übliche Zitat einer wohlwollenden Medienkritik, auf die „Kleine Zeitung“, ein österreichisches Regionalblatt im Besitz der Katholischen Kirche (indirekt, verschleiert, über eine Stiftung, aber doch) zurückgreifen. Der Kommentar hat es dafür aber in sich:

Das Buch ist nicht besser, als wenn es von einem Theologen verfasst worden wäre – es ermöglicht auf Grund der unverdächtigen Autorenschaft allerdings einem breiteren Leserkreis den Zugang zum Thema. Und das ist dem Buch, das die Unsterblichkeit schlüssig begründet, nur zu wünschen.

Der letzte Satz ist so himmelschreiend falsch, dass ich mich frage, ob Spiegel oder DVA dafür bezahlt haben. Nicht einmal der Autor selbst, dem ich im Zuge dieser Besprechung noch einiges vorwerfen werde, hat sich zu dieser Behauptung verstiegen.

Aber der Reihe nach. Bereits im Vorwort erklärt Mathias Schreiber, was ihn den zu der Einsicht, es müsse mehr geben, brachte, nämlich eine „vorübergehende, krankheitsbedingte Todesnähe“. Das ist traurig und sicherlich unverdient, aber erklärt einiges gleich vorweg. Deshalb finde ich es auch sehr lobenswert, dass Schreiber seinen eigenen Zugang zum Thema gleich vorweg darlegt, und nicht versucht ihn hinter Pseudoobjektivität zu verschleiern. Aber bereits in diesem Vorwort zeigt er, das er von Metaphysikkritik nicht viel hält, bzw. obwohl er Philosophie studiert hat, diese nicht versteht. Er behauptet, das Wittgenstein Metaphysik und die ihr Fragen die zu deren Ideen geführt haben, als „bloße ‚Sprachspiele‘“ (S. 10) abtue. Zwar hielt Ludwig Wittgenstein nicht wirklich viel von Metaphysik, allerdings impliziert die Formulierung, das Wittgenstein Sprachspiele für niedere bzw. falsche Dinge hielt, was Blödsinn ist. Jede sprachliche Kommunikation findet bei Wittgenstein im Rahmen eines Sprachspiels statt (Bedeutung=Gebrauch), an dem teilnehmen kann, wer die Regeln kennt. Das ist die elementare Grundlage der Sprachphilosophie des späten Wittgenstein, und wer sie, absichtlich oder nicht, gleich im Vorwort missversteht, legt keinen guten Start hin. Dazu passt auch die, ebenfalls bereits im Vorwort zu findende, Verteidigung „irrationaler“ Erkenntnisweisen, die er „Intuition“ nennt.

Predigen statt Beweisen

Das erste Kapitel klingt dann auch stark nach einer Predigt, und nicht etwa einer kritischen Untersuchung eines Themas. Viel mehr bietet dieses Kapitel, das so tut als würde es sich mit dem Phänomen islamistischer Selbstmordattentäter auseinandersetzten, nicht. Dafür beginnt Kapitel 2 mit einer starken Behauptung, nämlich der, dass Menschen angesichts des Todes klarer sehen würden bzw. sich schwerer betrügen ließen, als sonst, und sich deshalb viel kritischer mit der Idee der Unsterblichkeit auseinandersetzen. Darum sei es ein starker Beleg für die Unsterblichkeit, dass viele Menschen in Todesnähe daran glauben. Ich glaube, es ist vielmehr so, dass Menschen in Todesnähe aus naheliegenden Motiven des Selbstschutzes in großer Mehrheit viel unkritischer gegenüber allem sind, was ihnen Schmerz nimmt. Das erscheint mir ebenso logisch, wie dass es sich bei der Theorie von Mathias Schreiber um einen Rechtfertigungsversuch handelt, da er seine Überzeugung ja auch aus Todesnähe entwickelt hat. Weiter geht es mit einigen Autoritätsbeweisen, er verweist auf Blaise Pascal, Karl Jaspers und Hermann Schmitz. Ob die damit alle so glücklich wären, ist dabei ein Problem, ein anderes, und das größere ist, das Autoritätsbeweise keine „Beweise“ im eigentlich Sinn sind, sondern Ausflüchte, Ablenkungen oder Stützen, wenn einem sonst nichts mehr einfällt. Vermutlich auch ein Grund, warum der Autor noch öfters auf diese zurückgreifen wird.

Hernach kritisiert er Physiker und Neurologen, die meinen, man könne „Geist“ bzw. „Seele“ aus dem Körper heraus erklären. Und er tut dies auf ausgesprochen schwache wie plumpe Weise, indem er einfach folgendes Dogma, ohne irgendeinen Begründungsversuch oder ähnliches, aufstellt. Er verfasste es als Entgegnung auf den Philosophen Walter Schulz, der, so Schreiber, von den Hirnforschern die schon im 19. Jahrhundert die Seele als Produkt bestimmter Organe sahen, überzeugt werden konnte:

Die Seele als Medium eines Geistes, der durch seine einzigartige Offenheit für das Unendliche und seine Fähigkeit zur Selbstreflexion aus allen Naturbindungen herausfällt, hat Anteil an einem elementaren Bruch der empirisch maßgeblichen Ursachenkette und lässt sich durch ein Denken, das immer nur nach organisch-materiellen Ursachen und Wirkungen fragt, nie ganz einfangen. (S. 29)

Damit endet er, ohne weitere Erklärungen, aber er bleibt im Folgenden seinem Stil treu. Das nächste aus dem Nichts kommende, absolut postulierte Argument ist, wie könnte man ihn in dieser Diskussion auslassen, Gott. Er ist einfach da, und daher ist er ein Beweis für die Seele und ihre Unsterblichkeit. Der Autor verwendet dafür zwar mehr Wörter, bringt es aber nicht auf mehr Inhalt.

Wer nicht schon alles daran geglaubt hat

Nachdem der Versuch, eine unsterbliche Seele zu beweisen, bisher ohne Beweise auskommen musste, holt der Autor nun zu einer langen Nacherzählung verschiedenster Religionen bzw. Philosophien aus, die an eine solche glaubten. Das beginnt in der Steinzeit, geht über Odin, Osiris und die Scholastik bis hin zu „fernöstlichen Weisheiten“ und den theologischen Schriften über die Auferstehung der Toten von Papst Benedikt XVI. Beweiskraft hat diese historisch vermutlich korrekte Nacherzählung selbstverständlich keine, aber sie füllt über 60 Seiten und klingt gut. Dazwischen erzählt Schreiber auch kurz die populärsten Gottesbeweise nach, auf die ich hier nicht näher eingehe, da in näherer Zukunft einen eigenen Text über dieses Thema verfassen möchte.

Nun müssen Physiker, die an einen Gott oder eine Seele glaubten, und dies in irgendeiner Form öffentlich kundtaten, für den nächsten Reigen an Autoritätsbeweisen herhalten. Beweist immer noch nichts, ist aber egal, den Versuch hat Schreiber ja von Anfang an nicht wirklich unternommen, wohl fürchtend oder ahnend, wohin ihn das führend werde, nämlich zumindest zur Unbeweisbarkeit seiner Ideen, wenn nicht gar zu guten Gründen die gegen sie sprechen.

Mein alter Erzfeind, die Naturwissenschaft

In der Frage der Nahtoderfahrungen verweist er aber darauf, dass diese nicht die Existenz einer unsterblichen Individualseele beweisen, sondern zeigen, wie stark die Sehnsucht nach einer solchen ist. Soweit kann ich ihm zustimmen. Nun kritisiert er aber, dass „nur unpoetische, dogmatisch wissenschaftsgläubige Naturen“ in diesem Zusammenhang von „‘billigen‘ oder gar ‚komfortablen Illusionen“ sprechen, und fragt, ob dahinter nicht vielleicht „die Illusion der ‚schonungslos‘ kritischen Nüchternheit“ (S. 110) steht. Was immer das sein soll, und selbst wenn es richtig ist, ist damit für Schreiber Sache nichts gewonnen. Aber vielleicht bin ich bloß zu „unpoetisch“ um Argumente ohne Inhalt zu verstehen.

Nun ist der Zeitpunkt gekommen, sich mit dem bekanntesten Atheisten unserer Zeit, Richard Dawkins und seinem Buch „Der Gotteswahn“ auseinander zu setzten. Dieser kritisiere, so Schreiber, ein längst überkommenes Gottesbild und Religionsverhalten.

Das ist Blödsinn. Man muss nicht zu den Evangelikalen in die USA schielen, ein Blick auf kreuz.net und kath.net reicht, um zu wissen, das der angeblich veraltete “Katechismus-Glauben, der noch recht naiv von einem allmächtig-allwissenden Schöpfer-Gottvater mit quasi menschlichen Eigenschaften ausgeht“ (S. 112) mitten unter uns ist.

Danach geht er darauf ein, dass Dawkins die Gottesbeweise von Thomas von Aquin widerlegt. Dies könne er aber gar nicht tun, da es keine „Beweise“ sind, die Thomas vorlegt, sondern „Wege“ (S. 112). Wenn dem so ist, dann war es Fleißarbeit von Dawkins und zahlreichen skeptischen Philosophen, sie zu widerlegen. Aber – damit ist für Schreiber Seite wieder nichts gewonnen.

Vielmehr flüchtet er ins Unbestimmte, Unklare, Subjektive, und wenn ich ihm dorthin folge, kann ich mir auch einen Gott vorstellen, der Mathias Schreiber heißt, sterblich ist und nicht in der Lage, seine eigene Existenz zu beweisen. In der Auseinandersetzung mit der Naturwissenschaft zeigt Schreiber, dass diese nicht alles was da ist, erklären können. Dem ist nicht zu widersprechen. Doch wieder vergisst er dabei, zu zeigen, wieso genau dies ein Beleg für seine Idee sein sollte.

Ist es nämlich nicht, aber das verschweigt er elegant, so dass die (konstruierte) „Niederlage“ des (konstruierten) „Gegners“ der eigenen Sache Aufwind gibt. Diese Stilmittel (entweder Flucht ins Unbestimmte, oder fehlende Erklärungen der Naturwissenschaften als Beleg für die eigene Sache hinzustellen) ziehen sich durch den Großteil des Buches, aber wie es so ist, mit schlechten Argumenten: Sie werden durch Wiederholung nicht besser, höchstens durchschaubarer.

Outing und Ende

Dann folgen wieder Autoritätsbeweise (Soeren Kierkegaard, Martin Heidegger, einige Wiederholungen und dann hinein in die Populärkultur zu Hape Kerkeling) bis sich der Autor zum Ende des vorletzten Kapitels hin, ich möchte fast sagen endlich, outet: Als Gläubiger. Als jemand, der aus Angst vor der „schlechthinnigen Abhängigkeit vom Unendlichen“ glauben muss. Und obwohl dies per se nichts über die Fähigkeiten eines Autors, ein gutes Buch zu schreiben aussagt, sagt es in diesem Fall, leider, alles über das Buch (und die Schlagseite die es hat). Er glaubt, dass „Schönheit“ und das „Gute“ nicht von der Evolution allein hervorgebracht werden konnten. Er glaubt, dass die Naturwissenschaften, wenn man sie lässt, zu den Abarten des Nationalsozialismus geführt hat (was vollkommener Blödsinn ist wenn man bedenkt, was für ein metaphysisch-mythischer Komplex mit Stützung auf und durch die christliche Religion das 3. Reich war). Er glaubt, dass „alles rund“ sei und sein müsse, und dass dies ein Beleg für seine Thesen sein könne. Er glaubt, aber begründet, oder gar beweist, nichts.

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