Leben oder Tod?
Die Grünen befinden sich in einer existenziellen Krise. Nicht realpolitisch, da stehen sie im Europa-Vergleich sehr gut da (dank Alexander Van der Bellen). Zwar sind sie am Zenit ihres Wählerpotentials angekommen und es herrscht eine unangenehme Spannung zwischen dem Verdrängen dieser Ansicht und dem Streben neue Wählerschichten anzusprechen. Mit Blick auf die nackten Zahlen der Anzahl der Nationalratsabgeordneten, der Landtagsabgeordneten, der Gemeinderatsabgeordneten, der Landesregierungsmitglieder und Stadträte und der damit verbundenen Parteienförderung kann man wohl kaum davon sprechen, dass es den Grünen im Vergleich zu früher schlecht geht, oder dass sie gar kurz vor dem Aus stehen. Die existenzielle Krise ist eine philosophische. Eine Bewegung sucht ihr Wesen und ihren Sinn. Oder gibt man sich doch nur Stellvertreterkriegen und Scheingefechten hin?
Donnerstag, 11. Dezember. Während bei den Grünen intern schon länger darüber gestritten wird, wer bei den kommenden EU-Parlamentswahlen im Juni 2009 Spitzenkandidat wird war die Diskussion über die Position der Grünen zur EU bisher eher ein Teil dieser Diskussion, vor allem des üblichen Streits zwischen Johannes Voggenhuber und der Grünen Parteispitze. Nun erscheint auf derstandard.at ein Interview mit der designierten Parteichefin Eva Glawischnig, in dem diese sich zu dem Satz “Aus meiner Sicht ist der Vertrag von Lissabon jedenfalls tot.” verleiten lässt. Heftige Kritik von der ÖVP und Johannes Voggenhuber ist die Folge. Und tatsächlich scheint mir diese Aussage so unfundiert, das man sich nur fragen kann ob sie populistisch oder naiv ist? Außer die Grünen wären plötzlich gegen den Inhalt des Vertrags von Lissabon, dann wäre auch die scharfe Reaktion von Philip für mich verständlich. Sind sie aber wohl nicht, viel eher dürfte es einer eher weniger talentierten Politikerin nicht gelungen sein, ihre kritische Haltung in Kontrast zu Populismus und Feindlichkeit zu setzten. Wenn sich Glawischnig wirklich als Populistin Populistin versucht, ok, es war ein Anfang. Wenn sie das Interview unbedarft und naiv gegeben hat, ok, keine Überraschung.
Inzwischen ist klar dass es in Irland eine zweite Abstimmung über den Vertrag von Lissabon geben wird, und Glawischnig relativiert ihre Position. So what? Heiße Luft um nichts? Höchste Zeit, Öl nachzugießen. Bekanntlich gibt es bei den Grünen ja schon länger eine große “Bausstelle” – das omnipräsente Themenpaket “Migration-Asyl”. Die Grünen haben ein “Ausländerproblem”, wie Klaus Werner-Lobo schreibt.
In dieser Sache machte im Frühjahr 2008 Efgani Dönmez von sich reden, als er als erster Migrant ins Parlament (in den Bundesrat) einzog, und gleich ein kontroverses Interview zum Themengebiet Migration-Integration gab (Ö1.at).
Er ist jung und nicht gerade in seiner Offenheit gehemmt, scheut den Kontakt zu Menschen und (neuen) Medien (er bloggt und ist auf XING und Facebook vertreten) nicht. Vor allem aber – er ist nicht irgendwer, der sich der Materie annimmt, er ist die gelebte Materie von so vielen Seiten wie nur möglich. Als Kind mit offensichtlichem “Migrationshintergrund” aufgewachsen, leistete er seinen Zivildienst bei der Volkshilfe OÖ in der Flüchtlingsbetreuung und blieb dann als Sozialarbeiter und später Flüchtlingsbetreuer bei der Volkshilfe (Biographie).
Jetzt gab Dönmez dem Standard wieder ein pointiertes Interview. Auch dieses mal dürfte innerparteiliche Kritik nicht ausbleiben, während ihn viele Rechte als “Realo” feiern werden. Tatsächlich sagt er nichts “rechtes” oder ausländerfeindliches, sondern forder, wie schon länger, klare und faire Regeln und schnelle Verfahren. Bis in einem Punkt: Auf schnelle Abschiebungen angesprochen, trennt er nicht zwischen ablehnenden Asylbescheiden und Kriminalität und Demokratiefeindlichkeit. Tom Schaffer macht sich deshalb Sorgen um die Grünen, da er meint, dass Dönmez dies zumindest einfach so sieht oder gar bewusst verknüpft. Ich dagegen denke, dass dieser Anschein einfach durch die Verknappung die ein Interview bedeutet entstand. Jedenfalls ist Efgani Dönmez ein Freund deutlicher Worte. Ist er deshalb ein Populist?
Der “Populismusverdacht” taucht in letzter Zeit öfters auf, wenn man über die Grünen liest und spricht. Dabei meine ich, wäre Populismus inhaltlich sogar ein Fortschritt zu den letzten Jahren Van der Bellens. Dort wurde, speziell in Wahlkämpfen, gar nichts außer “feel good” und “wir sind die Partei die man wählen kann wenn man sich als moralisch gut und vernünftig bezeichnen will” transportiert. Für Interessierte gab es bei näherem Hinsehen selbstverständlich Konzepte, Pläne und Idee, durchgerechneten und belegt. Aber das bieten SPÖ und ÖVP auch (bei FPÖ und BZÖ ist denke ich hinter den Phrasen nichts mehr verborgen, was auch ihre traurige Performance als Regierungsparteien erklären würde). Wenn eine Partei Inhalte vermarkten will, muss sie solche aber erst haben bzw. sich darauf einigen. Vielleicht wusste die Führung um VdB um diese Problem und vermied es wo es nur ging.
Denn (nicht nur) bei den angesprochenen Themen scheint die Frage nach einer “gesamtgrünen” Position nicht eindeutig beantwortbar, jedenfalls nicht ohne mehrere unvereinbare Positionen gemeinsam zu erwähnen. Pluralismus ist an sich nichts schlechtes, aber in einer politischen Partei sollte es gewisse gemeinsame Nenner geben. Letztlich vielleicht sogar etwas wie ein “Restdestillat” das bleibt, wenn man Persönlichkeiten, Trends, aktuelle Probleme entfernt. Bei der SPÖ könnte dies das Soziale sein, bei der ÖVP der Wertekonservatismus und bei FPÖ/BZÖ Nationalismus.
Aber bei den Grünen? Geschichtlich müsste dies der Umweltschutz sein, aber praktisch glaube ich dass nicht und es scheint mir auch bezweifelbar, dass dies eine taugliche Basis für die Partei wie sie sich präsentiert wäre. Während man aus “Sozialer Gerechtigkeit”, dem “Bewahren christlicher Werte” und “Rassenhygiene Nationalstolz” zu sehr vielen Fragen und Problemen eine Position ableiten kann, scheint mir dies mit Umweltschutz nicht zu gehen. Einen solchen Mangel einer Basis, eines Grundes erleben viele Menschen in der Pubertät. Diese Sinnkrise muss überwunden werden, um ein reifer Erwachsener werden zu können. Das ist ein schwieriger Prozess in dem man viele jugendliche Verhaltensweise ablegen muss, und solche annehmen, gegen die man rebellierte, die sich aber als bewährt herausstellten. Das ist nicht leicht, aber die Politik ist ja auch kein Ponyhof.
(Bild:Anonymous Account)


wie ich schon des öfteren gesagt habe: die grünen sind die neue spö. und damit meine ich, dass sie alle schlechten eigenschaften eine großen partei der “mitte” übernehmen. und das ohne das die grünen je die macht, den einfluss oder sonst etwas gehabt hätten. ziemlich enttäuschender haufen, der in der opposition (!) zerfällt. jede andere partei rehabilitiert sich in der opposition, zieht an einem strang, rückt inhaltlich zusammen, ist bissig und angriffslustig. ziemlich traurig….
Naja mit dem Abgang von VdB ist den Grünen iwie der Zusammenhalt flöten gegangen, in meinen Augen die dümmste Entscheidung in der Grünen Partei seit einer langen Zeit, und das ganze nur weil das Ergebniss der NRW stagniert (!).
Und tut mir leid, Glawischnig ist nicht fähig die Partei zu führen, ich wäre da eher für Peter Pilz gewesen. Außerdem übertreiben es die Grünen im Moment schon sehr, siehe eben den “Brüste” Sager.
Aber du hast vollkommen recht, was die Selbstfindung betrifft, das wird ein harter und schmerzhafter Weg, der unter anderem auch Stimmenverlust beinhalten wird (meine halt nicht mehr
bis sie sich in den Griff bekommen haben)
Übrigens hallo, hab deinen Blog gerade entdeckt
Hallo,
Sie haben im letzten Jahr meine pointierten Publikationen z.Bsp: “Kameltreiber aus Anatolien”, interessiert verfolgt. Was eigentlich mit dieser Aussage gemeint war, ist seit der Publizierung der Islamlehrerstudie nun auch wissenschaftlich untermauert.
Ich habe dem Anhang eine PA angefügt, vielleicht mögen Sie diese in
irgendeiner Form verwenden.
Grüner Bildungssprecher Klubobmann Gottfried HIRZ /
Grüner Bundesrat Efgani DÖNMEZ:
Zur Islam-Studie: Die Ausbildung von Religions¬lehrerInnen hat bei jeder Religionsgemeinschaft den demokratischen Grundwerten unserer Gesellschaft zu entsprechen
„Die Ausbildung der ReligionslehrerInnen hat auf der Basis der demokratischen Grundwerte unserer Gesellschaft zu erfolgen und braucht eine staatliche Legitimation in Form einer Lehramtsbefähigungsprüfung, die an einer Pädagogischen Hochschule mit Öffentlichkeitsrecht abgelegt werden muss“, verlangt der Grüne Bildungssprecher Klubobmann Gottfried Hirz angesichts der aktuellen Debatte um Islam und Imame. Hirz: „Denn nicht nur, dass auch diese LehrerInnen vom Staat bezahlt werden und diesem daher ein gewisses Mitspracherecht eingeräumt werden muss, ist es eine demokratiepolitische Selbstverständlichkeit, unsere demokratischen Grundwerte wie Freiheit, Frieden und Gleichstellung von Mann und Frau als unverhandelbare Grundlage für jedwede Form des Unterrichts herzunehmen.“
In dieselbe Kerbe schlägt auch der Grüne Bundesrat Efgani Dönmez: „Als kritisch, säkularer Muslim habe ich auf diese Entwicklungen seit Jahren hingewiesen. Die publizierte Studie untermauert nun wissenschaftlich die vorhandenen Bereiche, welche dringend verbessert gehören.“ In der Konflikttheorie gibt es verschiedene Ansätze und Methoden, um auftretende Konflikte zu lösen. Jedoch bei divergierenden Werthaltungen gibt es keine Lösung, denn Werte sind unverhandelbar. Hier gilt es klar und transparent Position zu beziehen: Was will man? Und was will man nicht in einer Gesellschaft?
Dönmez: „Ich möchte keine Multiplikatoren, welche mit Haltungen und Handlungen gegen Rechtsstaat, Demokratie und gegen die Trennung von Staat und Religion in Erscheinung treten.“
Trennung von Staat und Religionsgemeinschaften
Der Einfluss der politischen Kräfte aus der muslimischen Welt reicht weit in unsere Gesellschaft hinein. Manche der islamischen Organisationen, die behaupten, Muslime zu vertreten, sind Verbände des politischen Islam. Solange dieser Einfluss nicht zurückgedrängt wird, werden Schwierigkeiten in diesem Bereich kaum seriös zu lösen sein.
Eine Möglichkeit wäre, dem entgegenzuwirken, indem man den Ausbau der innerösterreichischen Ausbildungsmöglichkeit für Imame unterstützt, damit der hohe Bedarf aus dem Inland abgedeckt werden kann. Weiters ist es wichtig, sich genau anzusehen, welche Personen die heranwachsenden Multiplikatoren unterrichten.
Die Trennung von Staat und Religionsgemeinschaften in Österreich setzt eine Gleichbehandlung aller Religionsgemeinschaften voraus. Gleichzeitig müssen jedoch die demokratischen Grundwerte eines Rechtsstaates geschützt werden. Das bedeutet, diese Trennung darf weder zu einem Abbruch des Dialogs mit islamischen Gruppierungen führen, noch eine pauschale Kriminalisierung der Muslime in Österreich beinhalten. Wir müssen in Österreich die sekulären Muslime, welche in der überwiegenden Mehrheit sind, unterstützen. So lange es Personen in Österreich gibt, welche Mehrfachfunktionen bekleiden, welche Politik und Religion vermischen und eine daraus fehlgeleitete Integrationspolitik betreiben, so lange wird es keine ernstgemeinte Lösung des Problems geben.
mit freundlichen Grüßen
Efgani Dönmez