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May 17 2011

Depressionen

Posted by Admin
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Das ist kein politischer Blogeintrag. Zumindest nicht in erster Linie. Und dann doch. Aber der Ausgangspunkt ist ein anderer. Nämlich folgender: Ich habe Depressionen. Genauer gesagt, laut Diagnose eine mittelschwere chronische depressive Verstimmung. Deshalb gehe ich regelmäßig zum Arzt und nehme Medikamente. Antidepressiva. Das funktioniert gut, was aber für den weiteren Text irrelevant ist. In dem möchte ich mich nämlich damit beschäftigen, wieso es so schwer ist, vorangegangenes zu sagen und warum das furchtbar ist.

Jede zweite Woche liest oder hört man irgendwo von der “Volkskrankheit Depression”. Und damit ist das weite Feld der psychischen Probleme erst eröffnet. Ängste, Essstörungen, Borderline, Burnout, usw., bis hinauf zu schwersten Erkrankungen wie der Schizophrenie in all ihrer Furchtbarkeit. Meistens sind diese Krankheiten gut zu behandeln, verschwinden bis auf einen Schatten ganz oder lassen sich mehr oder weniger gut ins Leben integrieren. Trotzdem wird vielen Menschen nicht geholfen. Vermeidbare Suizide passieren. Menschen gleiten in Drogenabhängigkeiten ab, die zu verhindern gewesen wären oder die man in den Griff bekommen kann. Und das ist sicher nicht die Schuld der Betroffenen.

Es ist nicht ihre Schuld, dass man sich viel zu oft für eine psychische Krankheit schämen muss. Dass man anders behandelt wird. Fast wie ein Aussätziger oder ein Fremdkörper. Manchmal als ob man besonders zerbrechlich wäre, dann als ob man besonders schwach wäre. Und das von Menschen, die in ihrem gesamten Leben oft nicht einmal einen Bruchteil der Dinge ertragen und überstanden haben. Es ist so lächerlich auf jemand herabzusehen, der es schafft mit einer schweren Angststörung zu leben, diese zu überwinden. Es ist so falsch mit Menschen Mitleid für ihre schwierige Kindheit zu haben, anstatt sie für die immense Stärke die sie zeigen, indem sie trotzdem noch da sind, zu bewunderen. Eine psychische Krankheit ist nicht mehr oder weniger peinlich als eine physische Erkrankung. Meine Depression ist genauso wenig oder viel meine Schuld, wie deine Erbkrankheit die deinige ist. Psychische Probleme sind genausowenig ein Zeichen von Schwäche wie Krebs.

Psychische Erkrankungen sind vielleicht kein gesellschaftliches Tabu mehr. Aber von einem vernünftigen Umgang damit sind wir meilenweit entfernt. Es ist eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, dass die Behandlung von psychischen Problemen in keinster Weise adäquat vom Gesundheitssystem sichergestellt wird und mehr als nur eine Zwei-Klassen-Medizin herrscht. Wer arm und psychisch krank ist, kann sich auch gleich zum Verrecken hinlegen. Zumindest scheint das die Meinung der Republik Österreich und ihrer Regierung zu sein. Und die Betroffenen können noch nicht einmal dagegen protestieren, weil sie dann stigmatisiert werden und verschiedenste Nachteile in Beruf und Privatleben befürchten müssten.

Ich habe für mich eine Entscheidung getroffen, und ich bin froh und dankbar, dass das für mich möglich ist. Wenn mich jemand anders behandelt, weil ich sage “Ich habe Depressionen” oder “Ich nehme Antidepressiva”, etc., dann kann ich das ignorieren. Dann weiß ich “Ui, dass ist ein Idiot, ohne den versäum ich nichts.” Aber viele können das nicht. Niemand kann das immer. Die Welt ist keinte gute, sicher, und es wird immer etwas geben, das besser sein sollte. So wie es Psychotherapie auf Krankenschein geben sollte. Die Welt ist ungerecht, und wird es immer irgendwie sein. Aber wir alle die dazu in der Lage sind, sind moralisch dazu verpflichtet, diese Ungerechtigkeit zu minimieren. Und ich glaube ein gutes Betätigungsfeld dafür beschrieben zu haben.

Tags: Antidepressiva, Depressionen, Gerechtigkeit, Gesundheitssystem, Moral, Psychische Krankheiten, Volkskrankheit Depression
 

Comments (13)

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  1. Fabian, May 17, 2011
    Danke für diesen Post! Machst du auch eine (Gesprächs)therapie zu den Medikamenten? Weil nur Antidepressiva kanns doch auch nicht sein..? Reply
    • Thomas Knapp, May 17, 2011
      Danke. Wie gesagt, ich gehe regelmäßig zum Arzt und es geht mir gut. Reply
  2. Markus, May 17, 2011
    Auf der anderen Seite bin ich auch dagegen, das weite Feld Depressionen völlig zu pathologisieren. Man muss nicht krank sein, damit eine Psychotherapie hilft. Es ist einfach ein großes Problem, dass Schwierigkeiten bei der eigenen Lebensgestaltung vorwiegend entweder als Schwäche verachtet oder zur Krankheit erklärt (und verachtet) werden. Es ist nichts falsch daran, alleine mit seinem Leben nicht zurecht zu kommen - dazu sind andere Menschen da. Hilfesuchen muss selbstverständlicher Teil unserer Kultur werden. Reply
    • Thomas Knapp, May 17, 2011
      Ja, zwischen Depressionen und Schwierigkeiten bei der eigenen Lebensgestaltung besteht ein Unterschied, deshalb ist das eine eine Krankheit, und das andere nicht. Ich spreche ja bewusst Psychosen an, weil ich da schon zwischen psychischen Krankheiten und Lebenskrisen und Sinnfragen unterscheide. Auch ist die Psychotherapie die bei sowas wohl gut tut (oder der Priester oder Guru, etc) sicher nicht für psychische Krankheiten anwendbar. Das erscheint mir unterscheidbar und ich habe den Eindruck, dass diese Vermengung ohne Not herbeigeredet wird. Reply
      • Markus, May 18, 2011
        Da hast du natürlich recht; freilich lässt sich eine Linie zwischen Krankheit und Krise ziehen. Wollte ich nicht vermengen, diesbezüglich ist mein erster Satz oben vorbeigelungen. Ich möchte nur darauf hinweisen, dass es meiner Meinung auch oberhalb der Krankheitsgrenze völlig ok ist, Hilfe zu suchen. Dass psychische Krankheiten stigmatisiert werden, sehe ich quasi als Unterfall einer allgemeinen gesellschaftlichen Verachtung für das Zeigen von (vermeintlicher) Schwäche. Reply
        • Thomas Knapp, May 18, 2011
          Dein Hinweis ist selbstverständlich richtig und gerechtfertigt ;-) Ich bin bei dem Thema einfach vorbelastet weil ich Leute kenn, denen zu helfen wäre, die sich aber einreden oder eingeredet bekommen/bekamen, keine Krankheit zu haben, sondern eine "Nachdenklichkeit" oä die von der Gesellschaft pathologisiert würde. Reply
  3. Michael, May 17, 2011
    Ich glaube, Du machst es Dir aber schon auch etwas einfach. Wenn Du jemand sagst, dass Du an Depressionen leidest und der dann sein Verhalten Dir gegenüber ändert - in dem er z.B. versucht Dich aufzumuntern, in Deiner Gegenwart keinen Alkohol zu trinken oder was auch immer, dann zeigt das nicht, dass er ein Idiot ist, sondern dass er versucht hilfsbereit zu sein. Auch wenns für Dich unangenehm und noch dazu medizinisch unsinnig ist. Ich denke, Du solltest in so einem Fall viel eher aufklären. Oder es von vorne herein einfach nur denen erzählen, bei denen es Dir wichtig ist, dass sie es wissen. Reply
    • Thomas Knapp, May 17, 2011
      Meine Formulierung war undeutlich, sorry, ich denke wir meinen eh dasselbe. Mit "anders" meinte ich eher "abwertend" oder "komisch" oder so. Reply
  4. christine, May 21, 2011
    Ich höre und lese immer wieder dass es keine Psychotherapie auf Krankenschein gibt, aber die gibt es. Über "Netzwerk Psychotherapie" kann man sich für eine Therapie vormerken lassen und erhält eine Liste von Therapeuten die einen Krankenkassenplatz frei haben. Im schlimmsten Fall muss man etwas warten, aber ich habe dort sehr gute Erfahrungen gemacht, da man auch die freie Wahl hat und bei jeden Therapeuten kostenlos ein Erstgespräch führen kann. Hat man den passenden Therapieplatz gefunden braucht man noch eine Unterschrift vom Hausarzt und die Kosten werden zu 100% von der Krankenkasse übernommen. Reply
  5. Martin Mair, May 22, 2011
    Psychische Krankheiten können ja auch ein Symptom einer kranken Gesellschaft sein und daher wird da ja auch so gerne verdrängt. Pathologisiert werden eher die Opfer und nicht die Täter. Über die "Depressiven" wird oft geschrieben aber kaum über die "Manischen" und erst recht nicht die "Choleriker" denn die sind ja eher in den Chefetagen zu finden ... Reply
  6. Walter, May 23, 2011
    Psychotherapie mit Priester und Guru zu vergleichen, wird der Psychotherapie als medizinischer Massnahme nicht gerecht. Und natürlich hilft Psychotherapie vor allem bei psychisch Kranken und nicht nur bei Menschen mit sogenannten Lebenskrisen, die in dem Fall dann eh lieber vom "Coach" reden, weil ihnen das Wort Psychotherapie ein bisschen peinlich ist. Ich selber hab Depressionen und Zwangsneurose und gehe zur Psychotherapie, weil sie mir neben den Antidepressiva hilft. Reply
  7. Ella, June 8, 2011
    Lieber Thomas! Vielen Lieben Dank für deinen Blogeintrag! Dieser hat mich ermutigt, mir ebenfalls professionelle Hife zu suchen. :-) Danke! Lg, E. Reply
  8. Michael, August 21, 2011
    Ein Tweet von Postsecret hat mich an diesen Blog-Eintrag erinnert: Es gibt in der Huffington Post eine Serie "What do I say to someone with ...". Unter http://www.huffingtonpost.com/2011/07/19/friend-depression_n_902260.html?1311076129 gibt es das Video zu Depressionen. Es gibt noch weitere für Krebs, Zwangsstörungen, PTSD und Essstörung. Reply

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