Das ist kein politischer Blogeintrag. Zumindest nicht in erster Linie. Und dann doch. Aber der Ausgangspunkt ist ein anderer. Nämlich folgender: Ich habe Depressionen. Genauer gesagt, laut Diagnose eine mittelschwere chronische depressive Verstimmung. Deshalb gehe ich regelmäßig zum Arzt und nehme Medikamente. Antidepressiva. Das funktioniert gut, was aber für den weiteren Text irrelevant ist. In dem möchte ich mich nämlich damit beschäftigen, wieso es so schwer ist, vorangegangenes zu sagen und warum das furchtbar ist.
Jede zweite Woche liest oder hört man irgendwo von der “Volkskrankheit Depression”. Und damit ist das weite Feld der psychischen Probleme erst eröffnet. Ängste, Essstörungen, Borderline, Burnout, usw., bis hinauf zu schwersten Erkrankungen wie der Schizophrenie in all ihrer Furchtbarkeit. Meistens sind diese Krankheiten gut zu behandeln, verschwinden bis auf einen Schatten ganz oder lassen sich mehr oder weniger gut ins Leben integrieren. Trotzdem wird vielen Menschen nicht geholfen. Vermeidbare Suizide passieren. Menschen gleiten in Drogenabhängigkeiten ab, die zu verhindern gewesen wären oder die man in den Griff bekommen kann. Und das ist sicher nicht die Schuld der Betroffenen.
Es ist nicht ihre Schuld, dass man sich viel zu oft für eine psychische Krankheit schämen muss. Dass man anders behandelt wird. Fast wie ein Aussätziger oder ein Fremdkörper. Manchmal als ob man besonders zerbrechlich wäre, dann als ob man besonders schwach wäre. Und das von Menschen, die in ihrem gesamten Leben oft nicht einmal einen Bruchteil der Dinge ertragen und überstanden haben. Es ist so lächerlich auf jemand herabzusehen, der es schafft mit einer schweren Angststörung zu leben, diese zu überwinden. Es ist so falsch mit Menschen Mitleid für ihre schwierige Kindheit zu haben, anstatt sie für die immense Stärke die sie zeigen, indem sie trotzdem noch da sind, zu bewunderen. Eine psychische Krankheit ist nicht mehr oder weniger peinlich als eine physische Erkrankung. Meine Depression ist genauso wenig oder viel meine Schuld, wie deine Erbkrankheit die deinige ist. Psychische Probleme sind genausowenig ein Zeichen von Schwäche wie Krebs.
Psychische Erkrankungen sind vielleicht kein gesellschaftliches Tabu mehr. Aber von einem vernünftigen Umgang damit sind wir meilenweit entfernt. Es ist eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, dass die Behandlung von psychischen Problemen in keinster Weise adäquat vom Gesundheitssystem sichergestellt wird und mehr als nur eine Zwei-Klassen-Medizin herrscht. Wer arm und psychisch krank ist, kann sich auch gleich zum Verrecken hinlegen. Zumindest scheint das die Meinung der Republik Österreich und ihrer Regierung zu sein. Und die Betroffenen können noch nicht einmal dagegen protestieren, weil sie dann stigmatisiert werden und verschiedenste Nachteile in Beruf und Privatleben befürchten müssten.
Ich habe für mich eine Entscheidung getroffen, und ich bin froh und dankbar, dass das für mich möglich ist. Wenn mich jemand anders behandelt, weil ich sage “Ich habe Depressionen” oder “Ich nehme Antidepressiva”, etc., dann kann ich das ignorieren. Dann weiß ich “Ui, dass ist ein Idiot, ohne den versäum ich nichts.” Aber viele können das nicht. Niemand kann das immer. Die Welt ist keinte gute, sicher, und es wird immer etwas geben, das besser sein sollte. So wie es Psychotherapie auf Krankenschein geben sollte. Die Welt ist ungerecht, und wird es immer irgendwie sein. Aber wir alle die dazu in der Lage sind, sind moralisch dazu verpflichtet, diese Ungerechtigkeit zu minimieren. Und ich glaube ein gutes Betätigungsfeld dafür beschrieben zu haben.
Comments (13)
Add a comment